Und unerklärlich bleibt mir, warum man sich denn hier immer in einer großen Stadt glaubt! Die steilen Gäßchen, links und rechts, den Berg hinauf und südwärts, sind in ihrer Enge, mit den bunten Fetzen, aus irgendeinem italienischen Dorf. Aber auf dem Stradone fühlt man sich in einer großen Stadt. Hier weht die Luft der weiten Welt herein. So stark ist die Vergangenheit hier hängen geblieben, daß man immer noch überall den Hauch der Geschichte spürt; und griechische und byzantinische und venezianische Herrlichkeit spricht mit königlichen Stimmen aus allen Steinen. Nach den Bergen und über das Meer hat diese Stadt einst ihre Waren in die weite Welt geschickt, der fünfte Karl war ihr so gnädig als Cromwell, der Pabst gab ihr seine Gunst wie der Sultan. Dies alles ist verweht, aber die Stadt Ragusa steht.
Heute ist die Republik Ragusa eine von den dreizehn Bezirkshauptmannschaften Dalmatiens, dem k. k. Statthalter in Zara untertan, mit einem Kreisgericht, einem Bezirksgericht und einer Finanzbezirksdirektion. Einst hatte die Stadt vierzigtausend Bewohner, jetzt hat sie, mit den Vorstädten, kaum achttausend. Aber es sind die alten Ragusäer, und ihre Geschichte lebt.
Ragusa, Rektorenpalast
Und ich stehe noch immer, im zweiten Tor, und schaue nur, den Stradone hin, und schaue. Dann aber sagt es plötzlich in mir: Siehst du, in der Getreidegasse, wenn das zittrige Glockenspiel herüberklingt, und in den bunten Goldmacherhäuseln des Hradschin und vor dem Tuchhaus in Krakau, wo der Mickiewicz steht, und auf dem Platz in Trient, wo der Dante seine Hand zum Norden hebt, und in Bozen auf dem Platz des Vogelweiders und hier im Abglanz der Komnenen fühlst du dich zu Haus, dies alles ist dein Heim, dies alles zusammen erst bist du, siehst du jetzt, was ein Österreicher ist? Und ich stehe noch immer im zweiten Tor, über den Stradone schauend, die kleinen, festen, breiten Burgen entlang, und uralte Zeit ergreift mich im Sonnenschein, und ich bin froh.
Warsberg ist auch einst hier gestanden. Da hat er sich einen Geschichtsschreiber der glorreichen Stadt gewünscht. »Die Stadt, schrieb er, erscheint wie der Siegelabdruck ihrer Geschichte. So ganz die Vergangenheit verratend stellt sich vielleicht nur noch Venedig dar. Wie dort, hatte sich auch hier nichts neues beigemischt, und man sieht ein treues Bild dessen, was ehemals war. Eben deshalb, weil man immer wahre und zeitgemäße Bilder zur Illustration des Erzählten zur Hand hätte und dieses also beinahe ganz aus dem noch vorhandenen Leben selbst schöpfen könnte, dünkt mir die Geschichte Ragusas zu schreiben eine der bestechendsten und interessantesten Aufgaben. Ich meine eine Geschichte, die Fleisch und Blut, das Leben selbst, eine körperliche Darstellung, nicht eine langweilige, dunstige, bloße Aufzählung der Fakten wäre. Solche Monographien, gut geschrieben, sind heute das Eigentliche, was den Historikern noch erübrigt und daher aufliegt. Sie haben vor den früher üblichen Weltgeschichten das voraus, daß sie mehr individuelle Spannung und Teilnahme, einen festen Knochenbau und auch eine leidenschaftlichere Seele, mehr bunte Färbung und auch mehr Rücksicht für die Landschaft und den städtischen Hintergrund mit sich bringen und bedingen. Der Welthistoriker ist mehr Philosoph; der, welcher eine solche Einzelhistorie versucht, muß Maler und Künstler, auch Dichter und Romantiker sein. Dabei hätte die Monographie der Republik Ragusa noch das besondere Interesse, immer das Branden der Weltgeschichte mithören zu lassen; denn das Schicksal Ragusas war, ganz wie sein Stadtbild, nicht reich und großmächtig, aber wohlhabend und ansehnlich, und wie das Meer um seine Flanken liegt, so spülen hier alle großen Ereignisse unseres Mittelalters an.« Warsbergs Wunsch ist jetzt erfüllt. Der Graf Vojnovič erzählt die Geschichte seiner Vaterstadt.
Im Gehen fällt mir dann noch ein: dies allein, sich in solchen Extremen daheim zu fühlen, macht noch nicht den ganzen Österreicher aus, sondern dazu gehört noch, daß er sich in seinem Land überall immer mißhandelt und doch sonst nirgends wohl fühlt. Deshalb kann uns auch »draußen« keiner je verstehen. Was weiß man denn von uns in Europa? Jetzt reist einer herum, der unsere Landschaften draußen bekannt machen will. Schön. Aber es sollte dann auch einmal einer reisen, der Europa mit unserer Menschenart bekannt macht. Warum halten wir sie versteckt? Warum verstellen wir uns? Warum sind wir alle so bös, wenn einer sie verrät?