Ragusa, Rektorenpalast
Ich tröste mich mit Warsberg. Der hat auch die Schönheit dieser Menschen gefühlt, die rauh und doch von der höchsten Anmut sind. Und er hat sie mit seiner unvergleichlichen stillen Kraft dargestellt: »Es ist, wenn man, wie ich, an einem Nachmittage den Zickzacksteig nach Montenegro hinaufklimmt und also die Sonne im Rücken, aber auf den Gesichtern der von oben herabsteigenden und glutvoll beschienenen Gestalten hat, als sei irgendeines unserer europäischen Museen lebendig geworden und alle die Statuen des Vatikans oder Louvre von dort flüchtig hierher ausgewandert, und als hätten sie sich nur etwas mehr bekleidet, vielleicht der Flucht wegen nur verkleidet oder wärmer angetan, und die Männer mehr bebartet um des rauhen Klima willen und der steinigen Pfade wegen. Nirgends kann man einen Begriff bekommen wie hier von dem, was lebendige Schönheit des Altertums gewesen sein müsse. Man lebt in Montenegro förmlich die Zeiten des Homeros und Phidias wieder, wenigstens was die Menschen betrifft und wie sie unsere Phantasie uns glauben läßt. Ich sah die Steine und Öde kaum und das ganze großartige Traurige und Tote der dortigen Landschaft vor diesen aus dem weißen Marmor zum warmen und bunten Leben erweckten antiken Statuenbildern. Und weil es hoch ist und feine Lüfte dort wehen, ich auch nur so kurz blieb, daß nichts der anderen Realität mich derb anfassen konnte, glaubte ich mich unter Göttern wandelnd.«
Aber wer kennt dies Buch? Wer unter uns kennt Warsberg noch? Wir schwärmen für Walter Pater, aber daß wir einen hatten, der seines Geistes auf unsere Art war, weiß keiner. In Österreich wird der Lebende nicht angehört, der Tote wird vergessen. Wir leben und sterben inkognito. Und so steht jede Jugend wieder einsam da und muß, mit ratloser Sehnsucht, die Welt noch einmal beginnen. Keiner kann keinem helfen, keiner wirkt, seine Tat sinkt mit jedem ins Grab, und wir bleiben verlassen.
Ich kann es kaum erwarten, in Gravosa zu sein. Denn nun weiß ich, es kommt wieder diese Fahrt im weißen Regen der blühenden Mandeln, links der graue Karst mit dem gelben Fort und rechts der schwarze Wald, Agaven beugen sich, Gärten glühen, unten glänzt das schwellende Meer! Ich weiß, das wird jetzt wieder sein! Ich weiß, ich werde das jetzt wieder haben! Und meine Hände strecken sich aus, und mich fiebert vor Ungeduld und lechzender Erwartung.
Ich muß rennen, ich muß reden, um mir nur die Zeit zu betäuben. Der Innsbrucker Gemeinderat ist noch da, der fährt gleich wieder nach Triest zurück, er will nur drei Tage seine Nerven einmal von der Stadt auslüften. Ich hänge mich an ihn, mit Reden und Fragen, um mich nur über die Zeit zu betrügen, bis ich wieder auf dem weißen Weg sein werde, zwischen den fahlen Felsen und dem grün an sanften Höhen hängenden Hain! Es ist ein redlicher, verständiger, städtischer Mann, und ich höre gern zu, wie sich seine Heimat jetzt aus dem Kleinen überall ins Weite regt. Jede Sorge, die draußen in der Welt die Menschen bewegt, schlägt auch ins Wesen seiner geschäftigen Stadt herein, wenn manche auch freilich, bis sie dort ankommt, zuweilen ein recht wunderliches Aussehen hat, und es macht mir Spaß, anzuhören, wie rasch Gedanken heute wandern; von Berlin nach Innsbruck ist es jetzt geistig gar nicht mehr so weit. Ich kann nur an diesen Menschen die Furcht um ihr Deutschtum nie verstehen. Der brave Mann hier, der sogar über die Sozialdemokraten vernünftig spricht, macht auch auf einmal ein erschrecktes Gesicht, indem er sagt: Ja, wenn nur aber die Sozialdemokraten national verläßlich wären! Ich frage: Was soll denn dem Deutschtum der deutschen Stadt Innsbruck geschehen? Er aber, mit finsteren Augenbraunen: Es besteht doch die nationale Gefahr! Ich: Wo, wie, wann? Da kommt's heraus, daß auch dieser ruhige Bürger gleich in Angst gerät, wenn auf der Gasse italienisch gesprochen wird. Sind wir wirklich so schwach? Ist wirklich das Deutschtum gleich bedroht, wenn unsere Kinder eine fremde Sprache hören? Trauen wir unserer eigenen Kraft so wenig zu? Und geht es denn immer bloß um die Sprache, geht es nicht vielmehr um den deutschen Sinn und unsere alte deutsche Stammesart? Ist es nicht wichtiger, diese südlichen und östlichen Völker einzuhauchen? Lassen wir doch in der weiten Welt die deutsche Seele für uns werben! In welcher Sprache sie dann wirkt, was kümmerts uns, wenn nur deutsches Wesen obenan in der Menschheit steht!
Endlich sind wir in Gravosa, endlich bin ich im Wagen. Und ich weiß: jetzt kommts, gleich werden wir jetzt auf der Höhe sein, links der kahle Berg und rechts der dunkle Wald und unter den nackten Agaven die gäschende Flut, gleich wird es wieder sein, gleich wird der Traum zur Wirklichkeit, und Frühling wird sein, denn hier ist immer Frühling, und ich werde mitten im Frühling sein, während aus glühenden Gärten die weißen Mandeln winken! Wie langsam sind meiner Ungeduld die gemächlichen Gäule! Ich kann es nicht mehr erwarten! Ewigkeit wird's mir, bis wir, an der gelben Kaserne mit den exerzierenden Soldaten vorbei, doch endlich, endlich, endlich auf der Höhe sind! Auf der Höhe, zwischen dem grellen Berg und dem dunklen Wald, über dem glitzernden Meer! Und ich kanns noch immer gar nicht glauben, daß ich das jetzt wieder haben soll! Aber da ist es, alles ist noch da, Berg und Wald und Meer und die schiefen Agaven über dem Abgrund und in den Gärten die schimmernden Mandeln und der ganze Frühling! Ich aber sitze ganz still und kann es nicht begreifen. Und ich sage mir die ganze Zeit: Was hast du denn, sei nicht so dumm, du hast es doch gewußt, warum denn heulen, du hast es doch gewußt! Aber nein, nein, ich habe nichts gewußt! Alles ist noch, wie es damals war, und doch ist mir alles, als wär's zum erstenmal!
Nun bin ich wieder auf dem Platz vor der Porta Pile, unter den Platanen und Maulbeerbäumen. Über den Häusern links droht, ganz oben, aus dem grauen, karg angegrünten Stein des Monte Sergio das breite, gelblich weiße Fort Imperial. Vor mir die Stadtmauer, nordwärts ansteigend zum Mincetaturm, während sie sich südwärts zur Seebastion Bokar auf jähen Klippen senkt. Bald ist sie ganz regengrau, bald von weißlichen Schimmern, hier rostig gefleckt, dort schwarz genäßt, mit gelben Heiligen in verwetterten Nischen; und aus dem wuchernden Graben ragen silbrige Pappeln, grüne Kiefern und dunkler Lorbeer auf. Von der Terrasse zwischen der Scuola Nautica und dem kleinen Café all' arciduca Federigo sieht man ins Meer hinab. Links die Mauer und die Bastion Bokar, rechts auf steilem Riff das Fort Lorenzo und in der Bucht noch ein ganz enger jäher Fels und daneben eine breite niedrige Bank; und über alle diese grauen und gelben und braunen Zinken und Zacken und Zulpen wirft sich das brandende, brausende, brodelnde Meer her.
Über die Brücke, durchs Tor in der Mauer. Man tritt in einen Zwinger, der sich, unter steilen Wänden, im leichten Bogen zu einem zweiten Tor senkt. Seltsam wirken die schwarzgelben Türen in dieser großen heroischen Impression; und seltsam ist es, wenn das Meer brüllt und plötzlich ein Trompeter ein Signal bläst. Nun aber, aus dem zweiten Tor tretend, hemmt man vor Entzücken den Schritt und steht und schaut: eine gerade, mäßig breite, trotzige Straße von stämmigen, wehrhaften und entschlossenen Häusern; und jedes dieser bräunlich glänzenden, gelb gescheckten, aus Steinwürfeln gefügten, streitbaren und bewaffneten Häuser steht hoffärtig für sich allein, jedes etwa drei Schritte vom nächsten weg, so daß überall enge Gassen entstehen, die sich dann, links und rechts, über Stiegen, den Berg hinauf fortsetzen. Das ist, von der Porta Pile zur Porta Ploce, Ragusas große Straße: der Stradone. Kein Trottoir. Mit großen Platten gepflastert. Man hat das Gefühl, durch einen langen schmalen Saal zu schreiten. Und irgendwie muß man immer an den Markusplatz denken. Ein enger, bedrängter Markusplatz scheints. Ein Gefahren abgerungener Markusplatz, der immer noch die Waffen in der Hand hält. Tanzsaal und Fechtsaal zugleich. So festlich als kriegerisch bereit. Das Leben jauchzt, aber an jeder Ecke steht der Tod.
Die Häuser sind niedrig. Anderthalb Stöcke. Unten meist vier runde Bogen mit Gewölben; darüber vier Fenster mit weiß oder grün gestrichenen Jalousien; und die Fenster im nächsten Stock sind kaum ein Drittel so groß. Alles sehr alt; aber ganz jung geblieben. Alles hell und rein. Alles froh und stark. Mit verbundenen Augen in diese Straße geführt, müßte man noch ihren Glanz fühlen. Und ein Fremder, hier aus einem verschlagenen Ballon gefallen, fragte sicher: In welcher Republik, bitte, bin ich hier?