Während wir kreisen, steht immer noch mein neuer Freund am Ufer, und seine guten braunen Augen sind bei mir, und manchmal ruft er, auf sich zeigend: Milo Milosevič! Und dann sticht er seinen Finger in das Herz und ruft: Amico! Ich zweifle nicht. Um eine Krone kann man hier wirklich einen Freund haben. Bei uns kostet es mehr. Und dann weiß man doch erst nicht.
Wir sind, kreisend, fast bis zum anderen Ufer gelangt, dort blicken wir zurück, und nun tut sich erst die ganze Macht der felsigen Öden über der Stadt auf. Wie mich diese Straße lockt, die Straße nach den schwarzen Bergen! Wie's mich zu diesen Menschen zieht, den Menschen in den schwarzen Bergen! Ich kenne nur wenige. In Ragusa war ich einmal mit einigen zusammen. Ich kann kaum sagen, was sie mir so lieb macht. Ich muß immer an die Welt des Wilhelm Tell denken. Oder auch an die Tiroler von 1809. Wenn Reinhardt einmal den Cymbelin machen wird, muß er her: hier sind Guiderius und Arviragus auf allen Wegen. Wenn Belarius den Jungen schildert:
– Sitz' ich auf meinem Schemel und erzähle
Von Kampf und Sieg, gleich fliegt sein Feuergeist
Mir in die Rede... da strömt
Sein fürstlich Blut ihm in die Wang', er schwitzt,
Spannt jeden jungen Nerv, spielt in Geberden
Die Worte nach –,
das ist mir wirklich immer wie ein montenegrinisches Porträt, so sind sie hier, so flammen sie von tapferen Worten auf! Und indessen haut in Mariahilf bei der Birn, zur Zehnerjausen, der dicke Selcher auf den Tisch und brüllt, schwitzend von kriegerischem Furor: Der verfluchte Serb hat ja ka Kultur!
Vielleicht wird es notwendig sein, dieser Nation jetzt unsere Waffen zu zeigen. Wir sind bereit. Es geht mir aber nicht ein, warum wir dazu den Feind erst schmähen, verleumden und schlecht machen sollen. In allen Reden des Perikles gegen die Lakedämonier ist kein häßliches Wort über sie. Nicht sie zu höhnen, sondern sein eigenes Volk zu befestigen war sein Sinn. Denn, hat er gesagt, ich fürchte weit mehr unsere eigenen Fehler als die Pläne der Gegner. – Übrigens macht es ja der einzelne bei uns nicht anders. Keiner scheint fähig, ruhig seinen Willen zu behaupten, sondern jeder scheint dazu vor sich selbst gleichsam erst einer moralischen Entschuldigung zu bedürfen, der Gegner muß immer ein schlechter Kerl sein und die Lust am Gegner, den doch jeder braucht, um so sich selbst erst zu bejahen und erfüllen, ist hier unbekannt.