Ragusa, Rektorenpalast
Uralte Mauern. In die Wogen hinein stand das Castello di mare, im Lande drin das Castello di terra. Dazwischen sind, in Gärten, jetzt die Häuser der hellen Stadt. Und hinten oben noch vier Türme; das ist das Fort spagnol. Jede Vergangenheit hat hier gehaust, jede hat ihr Zeichen gelassen. Venezianer, Spanier, Türken, wieder Venezianer, Malteser, bis dann wir gekommen sind. Und vor achtunddreißig Jahren fuhr ein vergessener österreichischer Dichter hier vorbei, mein Alexander von Warsberg, sah dies mit ahnungsvollen Augen an und schrieb, jener alten Abenteuer eingedenk, in sein Buch: »Man kann diese Schicksale nicht bedenken und das Schloß nicht sehen, ohne sich zu sagen, daß diesem Erdenflecke noch manches Ähnliche bevorstehe.«
Wir fahren, an Savina vorbei, einem uralten Kloster, das jetzt eine Art von serbischem Ober Sankt Veit ist, die Sommerresidenz des orthodoxen Bischofs von Cattaro, durch die Enge von Kombur in die behaglich ausgedehnte Bai von Tivat. Schon zeigt sich der Lovcen, der Berg von Montenegro. Vor uns aber sieht eine große Straße her, die sich langsam in die Berge windet, oben von zwei Forts bewacht, das ist der Weg in die Krivosije, zu den wilden Hirten mit den Opanken, den kurzen Hosen und dem braunen Tuch über dem rauhen Hemd, die, der Tracht und dem Sinn nach, unsere Schotten sind. Und, an Perasto vorüber, wo man sich, vor dem schlanken Campanile und gebräunten, in Verfall prunkenden Palästen, wirklich im Canal grande glaubt, sind wir in den Golf von Cattaro gelangt. Immer enger wird der See, immer häuslicher das Ufer, mit Dörfern überall, an grünen Höhen, vor uns aber droht die steile Wüste des montenegrinischen Gebirgs, mit dem verwegen in steilen Zacken zum Schnee klimmenden Weg.
Während wir landen, drängen sich die Träger heulend auf dem Kai, wie Räuber. Ich winke dem, der es am wildesten treibt. Er schreit wutentbrannt, schlägt sich in einem fort mit der Faust an die Brust, wie Alexander Strakosch, wenn er die Goneril verflucht, und springt kreischend, indem er zuweilen plötzlich den Zeigefinger spreizt, mit ihm auf das Schiff zielt und ihn dann in sein Herz stößt. Als er aber mein Zeichen erblickt hat, ist er sofort ganz still, läßt mich mit seinen guten braunen Augen nicht mehr los und nickt mir, während die Brücke gelegt wird, immer wieder zu, nur unbesorgt zu sein und Geduld zu haben. Und schon, bevor ich noch recht begreife, wie er durch das Gewühl gekommen sein kann, ist er mit einem Katzensprung bei mir, hat meine Sachen und indem vor seinen Fäusten alles auseinanderstiebt, bin ich schon mit ihm durchs Tor in die Stadt getreten. Seit er spricht, hat er gar nichts Wildes mehr, der Räuber ist ein frohes Kind. Ich sage, daß ich nach Montenegro will, nach Cetinje. Da bleibt er stehen, schlägt meinen Koffer an seine Brust und sagt, mit einem Freudenschrei: Ich bin aus Cetinje! Lachend sagt er das und sein Gesicht glänzt. Dreimal wiederholt er es: Ich bin aus Cetinje! Und dabei zeigt er immer nach den Bergen hin, in seiner Hand meinen Koffer reckend, empor zu den wilden Steinen. Jetzt sind wir die besten Freunde. Er erzählt mir von seinem Bruder, der Kutscher bei der Post nach Cetinje ist; er wird mich ihm empfehlen. Und dann stellt er sich mir vor und nennt sich: Milo Milosevič aus Cetinje! Er könnte nicht feierlicher sagen: Josef Kainz!
Er führt mich in einen schmierigen Raum, wo ein österreichisches Subjekt in Flöhen, mit irgendeiner Uniform, nach der es mir ein Finanzer scheint, meinen Paß verlangt. Und der genügt ihm noch nicht, sondern es versucht, mich auszufragen. Ich erinnere mich aber noch im rechten Augenblick, daß unser Otto Lecher immer sagt: In Östreich hilft nur schreien! Und ich schreie. Und siehe, der Otto Lecher hat immer recht, es hilft auch hier, der Flohmensch wird höflich. Weil doch in Österreich eine Amtsperson nie weiß, ob der Untertan nicht vielleicht einen Hofrat zum Onkel hat, wodurch er ja dann eben aufhört, ein Untertan zu sein. Danke, lieber Otto Lecher!
Und nun schultert Milo Milosevič meine Koffer wieder, wir eilen zur Post. Aber die Post geht nicht, der Weg ist verschneit, sie kann nicht über den Paß. Ich will es gar nicht glauben: Die Post geht nicht, wirklich nicht? Nein, schon seit drei Tagen nicht! Ich sehe Milo Milosevič an. Es ist zu hübsch, wie er den Erstaunten spielt. Sprachlos, wie gelähmt, fassungslos steht er da, schnappt mit Lippen und Augen und Händen und kanns nicht begreifen. Ich frage: Schon gestern ist sie nicht gegangen? Er sagt: Nein, gestern nicht! Ich frage: Und vorgestern auch nicht? Er sagt: Vorgestern auch nicht! Ich: Schon die ganzen Tage nicht? Er: Schon die ganzen Tage nicht! Plötzlich aber tritt er ganz dicht an mich heran, zeigt in die Berge, nickt geheimnisvoll, und als hätte er die größte Entdeckung gemacht, die er keinem Menschen auf der Welt als mir anvertrauen wollte, sagt er: Weil nämlich der Paß verschneit ist! Ich muß lachen und frage nur noch: Und du hast nicht gewußt, daß sie auch heute nicht geht? Er sieht mir in die Augen und sagt: Man kann nie wissen, Exzellenz! Als ob er der Bernard Shaw wäre, so rätselhaft schicksalsvoll sagt er das.
Wir haben gerade noch Zeit, das Schiff zu erreichen. Ich will nach Ragusa zurück, um dort abzuwarten, bis man wieder über den Paß können wird. In Cattaro mag ich nicht bleiben, als Zivilist muß man hier zu bescheiden sein. (Ich könnte mich ja freilich von Milo Milosevič in die besseren Kreise einführen lassen.) So gehen wir wieder durch die Gäßchen, wo bald ein alter Balkon, bald in einem verlassenen Hof eine wunderlich barocke Figur Erinnerungen bewahrt, an dem Uhrturm mit seinem römischen Altar vorbei, durch das Tor, auf dem der venezianische Löwe unter dem österreichischen Adler sitzt. Vor dem Schiffe bleibe ich stehen, um meinen Freund feierlich anzusprechen: Milo Milosevič, was bin ich schuldig? Er antwortet geschwind, gar nicht feierlich: Drei Kronen! Er sagt es lässig. Wie man eine selbstverständliche Wahrheit ausspricht. Wie man sagt: Zwei mal zwei ist vier. Gleichgültig, verächtlich und fast ein bißchen ärgerlich, von einer solchen Bagatelle zu reden. Aber seine Augen schielen und das Gesicht wäre bereit, mit sich handeln zu lassen. Ich erwidere, hart: Nein! Er schrickt zusammen und wiederholt, tief erstaunt fragend: Drei Kronen, Herr Baron? Und noch einmal klingt sein Staunen klagend in den stillen Regen: Herr Baron? Ich wiederhole: Nein! Er sieht mich mit seinen braunen Augen schwermütig an, läßt den Koffer von der Schulter fallen und setzt sich darauf. Da sitzt er jetzt vor mir, stumm in seinem Schicksal. Er bleibt aber nicht stumm, sondern mit einer unbeschreiblich rapiden Beredsamkeit erzählt er mir sein Leben; und wie heuer gar keine Fremden kommen und Krieg droht und Not ist. Und immer wieder fragt er mich, klagend: Herr Baron? Ich gehe zur Brücke. Er nimmt wieder meinen Koffer und kommt mir gehorsam nach. Er tippt mich auf die Schulter und schlägt mir vor, ihm bloß zwei Kronen zu zahlen, aber noch eine zu schenken, weil er ja mein Freund ist, amico. Ich drehe mich um und sage wieder: Nein! Er sticht mit dem Finger in sein Herz und sagt: Amico. Ich sage: Nein, es geht wirklich nicht, drei Kronen, nein! Er wiederholt, klagend: Herr Baron, drei Kronen? Ich wiederhole: Drei Kronen, nein, es geht nicht, drei Kronen ist zu wenig! Er duckt sich und steht horchend, die braunen Augen fallen zu. Ich sage noch einmal: Drei Kronen, nein! Er steht, wie wenn ein Erdbeben gewesen wäre. Und ich sage noch, mit meinem bösesten Gesicht und wie man ein letztes Angebot macht: Vier Kronen, meinetwegen! Milo Milosevič spricht kein Wort. Ich überreiche ihm fünf Kronen und sage, zornig: Und jetzt marsch, va via! Da fängt er, in jeder Hand einen meiner Koffer, auf der Brücke zu tanzen an und dreht sich rund herum und lacht. Ich bin schon auf dem Schiff, er tritt zu mir und streichelt leise meinen Arm und lacht. Und lachend sagt er nur immer: Herr Graf, Herr Graf! Plötzlich aber zeigt er, mit den Händen ausstoßend, zu den wilden Bergen hinauf und sagt: Ich bin aus Cetinje! Als ob er mir sagen wollte: Du hast recht getan, du hast mich erkannt, ich bin einer, der es verdient! Und er zwingt mich, mir seinen Namen aufzuschreiben, er buchstabiert mir ihn vor, und ich soll nie vergessen, daß ich jetzt einen Freund in Cattaro habe! Ganz still geht er dann ans Land zurück und steht dort noch und seine Augen bleiben noch die ganze Zeit bei mir.
Ich bin oben, beim Kapitän, der Abfahrt zuzusehen. Einer unserer Matrosen fällt mir auf, der noch auf dem Kai steht, bei einer armen alten Frau und einem armen alten Mann. Er hält ihre Hände, lacht sie an und küßt sie ab, bald den Mann und bald die Frau. Der Kapitän sagt: »Der kann sich wieder nicht trennen! Das ist die einzige Freude, die er hat, diese Stunde in Cattaro, zweimal die Woche. Da warten sein Vater und seine Mutter auf ihn und er bringt ihnen seinen Lohn mit!«
Seinen letzten Schrei stößt das Schiff aus, der Matrose reißt sich los, die Brücke fällt. Langsam wälzt es sich zurück und wendet sich langsam, stoßend und stöhnend. Seltsam ist es, wie die Bestie von Schiff anfangs immer nicht gehorchen will und sich zu wehren scheint. Und oben steht der Kapitän, nur ein kleiner schwarzer Punkt; und der kleine schwarze Punkt bändigt das ungeheure Tier. Oder eigentlich nicht der kleine schwarze Punkt, nicht der Kapitän, sondern Menschen an der Maschine, von denen wir gar nichts sehen und nur manchmal einer aus der Tiefe steigt, um seinen Eltern den Lohn zu bringen und ihre alten Hände zu küssen, zweimal die Woche.