Ich bleibe noch auf dem Deck, bis wir an Zaravecchia vorüber sind. Unsäglich traurig liegt es da. Ein Grab alter Herrlichkeiten. Einst hieß es Biograd, die weiße Stadt, und war unter kroatischen und ungarischen Königen groß. Nur Not und Schutt ist davon übrig. Und während ich im Dunkel stehe, muß ich denken: Wenn ich nun da geboren wäre und säße mit alten Büchern und läse von der versunkenen großen Zeit und hätte das Herz von den Taten meiner Ahnen voll und sähe mich dann um, auf die Not und auf den Schutt rings? Es ist noch ein Glück, daß die Leute hier nicht lesen und schreiben lernen. So wissen sie von ihrer Vergangenheit nichts. Scham und Zorn hätten ihnen sonst längst den Gehorsam ausgepeitscht. Wenn es aber einst doch geschieht, daß einige lesen lernen? Wenn ihnen einst ihre Vergangenheit erscheint? Wenn sie dann vergleichen, was sie waren und was sie sind, und die Frage steht in ihnen auf: Und jetzt, und jetzt, und jetzt?

Und plötzlich fällt mir ein: Wo sind die Deutschen? Wir haben doch Deutsche von der alten deutschen Art in Österreich. Wo bleiben sie? Deutsche Art war es von je, bedrängten Völkern beizustehen und kein Unrecht zu leiden, wo es sich auch zeige. In der ganzen Welt sind die Deutschen immer Krieger der Gerechtigkeit gewesen. So verlangt es unser Blut. Ich höre die deutsche Stimme der Väter in meinem Blut.

Aber die Nacht wird kalt, ich will lieber hinunter, zu den lustigen Offizieren.

5.

Ich erwache vom Geräusch des Stoppens. Ich kann doch kaum eine Stunde geschlafen haben, wir werden in Spalato sein. Aber durchs Fenster dringt es hell, dies weckt mich völlig auf. Ich habe neun Stunden geschlafen, wir sind in Gravosa. Noch klebt mir überall der Schlaf an. Solchen traumlosen, tief erstarrten, alles entseelenden Schlaf, aus dem man gleichsam erst wieder neu geboren werden muß, gibt mir nur das Meer. Und ich erwache dann mit einem wunderlichen Gefühl, wie nach einer moralischen Entfettungskur, als ob ich alle Vergangenheit ausgeschwitzt hätte und nun so leicht wäre, daß ich gleich auffliegen könnte, und über mich selbst hinweg.

Gravosa im Regen. So habe ich die Bucht noch nie gesehen. Es ist mir, wie wenn man eine frohe Frau, die man nur von Festen kennt, plötzlich in Trauer sieht. Denn wenn hier die Sonne scheint, ist es, als wäre der Sonnenschein Eigentum der Bucht. Nichts Linderes, Leiseres, Lieberes läßt sich denken als die heitere Zärtlichkeit, in der sie sich lächelnd wiegt. Zypressen und Pappeln schwärzen das Ufer, Villen blinzeln durch, stille Wege winken, der Wald steht auf dem Hügel, alles ruht. Von einer ganz eigenen Heiterkeit ist's, einer Heiterkeit im Winkel, die sich geborgen weiß, einer Heiterkeit, die zuweilen plötzlich warnend den Finger zu heben scheint, weil sie weiß, daß ganz nahe, gleich über dem grünen Hügel dort, das große Meer ist, in dem lauernd der Sturm liegt. Und in anderen Jahren, wenn ich hier an hellen Tagen in der stillen Sonne stand, war es mir immer ein Bild der Heiterkeit, die jetzt unser Geist sucht. Einer Heiterkeit, die zwischen Inseln geschützt liegt, rings ruht alles, sie dehnt sich im leisen Wind, aber der Hauch einer Angst schwebt über ihrem Glück, weil sie weiß, daß ganz nahe, hinter den grünen Inseln, der Tumult von Stürmen ist; und man sieht es ihrem Lächeln an.

Langsam fahren wir aus dem Hafen. Links die waldige Stille der Halbinsel Lapad, rechts die tiefe Bucht der breiten Ombla, unter kahlen Felsen. Wir drehen, immer dicht an der Küste von Lapad, erst nördlich, bald westlich von ihr, zwischen ihren dunklen Kiefern und den nackten, jähen, gelben Riffen der Pettini durch. Plötzlich ist die alte Stadt Ragusa vor uns da, mit ihren Felsen und ihren Wällen in das schäumende Meer tretend; und man weiß nicht, was Fels, was Wall ist, was gewachsen und was geschaffen, was von Ewigkeit und was das Werk der Zeiten ist; so wunderbar haben sich hier das Land und der Mensch die Hände gereicht. Das gibt dieser einzigen Stadt ihre Hoheit, die doch auf der ganzen Erde keine mehr hat. Lakroma erscheint; hier sieht es nur wie ein stiller Hain aus, man ahnt die Wunder seiner verwilderten Gärten nicht. Jetzt aber tritt alles zurück, die Stadt scheint sich in den Berg zu schieben, nur ein paar rote Dächer brennen noch aus seinem grauen Stein. Über San Giacomo schreit die Straße weiß; sie teilt sich, hier nach Trebinje steigend, dort ins Tal von Breno ziehend. Die Küste biegt sich ein, Sturm springt das Schiff an, es stößt, bäumt sich, sinkt, scheint bald zu schweben, bald zu stürzen und tanzt klatschend, zwischen den steilen Mauern der Wellen, die, bald vor ihm lauernd, bald aufbrechend, aus braunen Schlünden weiße Schäume schießen. Und mit ungeheuren Sprüngen setzt das Wasser manchmal plötzlich über uns, lacht noch schrill und ist schon zerstiebend wieder versunken.

Unseren armen Offizieren geht es übel. Bleich lehnen sie. Es ist gar nicht schön von mir, daß ich ihnen zusehe. Sonst bin ich nicht boshaft, aber es reizt mich, weil sie sich so schämen. Selbst auf hoher See noch, während das Schiff ächzt, das Wasser rast, der Sturm dröhnt, lassen sie den angelernten Begriff eines falschen Heldentums wider die Natur nicht fahren und weigern sich einzugestehen, daß sie doch auch Menschen sind. Da muß ich ihnen die Beschämung gönnen. Achill hat sich sicher nicht geschämt, in den Armen des Patroklos zu speien.

Zu ihrem Trost biegen wir schon zwischen der vorgeschobenen Punta d'Ostro, mit den steilen gelben Wänden, und dem Fort Mamola durch; oben glänzt ein einsamer Soldat auf Wache. Vor uns verengt es sich, Castelnuovo taucht aus dem Regen. Die großen Wellen verschlagen sich, sie können nicht mehr nach. Der stille weite See der glatten Bocche nimmt uns auf.