Dreimal die Woche werden die Ragusa besuchenden, im Hotel Imperial abgefütterten Fremden in eine stoßende stinkende Barkasse gestopft und nach Cannosa geschleppt; noch drei Nächte lang träumt man dann nur von Öl. Dort müssen sie aussteigen und werden über steile Stufen in der Sonne zu der berühmten Platane getrieben; gehorsam geht jeder um diese herum, die Schritte zählend, um festzustellen, daß es wirklich fünfundzwanzig sind. Dann nimmt man jedem eine Krone ab und sie dürfen in den Garten der alten Grafen Gozze. Hier sind Zedern und Lorbeer und Palmen von seltener Art, und es wäre hier sehr schön. Schon aber wird der schwitzende Fremde wieder in die stinkende Schale gesteckt. Rote Rosen winken vom Fels, das blaue Meer glänzt, aber die ganze Welt riecht hier nach Öl. Einer liest vor, daß die Erinnerungen der Gozze zurück bis in das zehnte Jahrhundert gehen und wer alles aus dem kleinen Schloß schon über das Meer geblickt hat, Tegetthoff und Kaiser Max mit der Charlotte und unser alter Kaiser Franz, und daß die weiße Straße, die man dort sieht, nach dem Herzog von Ragusa, dem Marschall Marmont heißt, aber alle rümpfen die Nasen, denn alle diese feierlichen Namen schwimmen in Öl. Und man hat nach einiger Zeit das Gefühl, daß es überhaupt nur Öl gibt. Und dann unterhalten sich die Frauen. Ihr Hauptvergnügen ist, jede will der anderen beweisen, daß sie noch billiger eingekauft hat. Ein dickes, kommerzienrätliches, altes Weib, schwer mit Putz behangen, beschreibt, wie man es anstellen muß, um den armen Händlern auf dem Stradone die Preise zu drücken. Sie zeigt einen Ring, den sie gekauft hat, und läßt raten, um wie viel. Es ist nicht der Ring, der ihr Freude macht, sondern das Hochgefühl, den armen Albanesen übervorteilt zu haben. Ehrfurchtsvoll wird ihr zugehört.
Spalato
So weit sich in Öl denken läßt, überlege ich, warum wohl diese Menschen eigentlich reisen mögen. Auf den Schiffen stecken sie die Köpfe zusammen und erzählen sich Anekdoten. Manchmal nennt einer den Namen einer Insel, da sehen sie hin und sagen: A! Und schon stecken die Köpfe wieder beisammen. In den Hotels interessiert sie die Kost, und sie vergleichen, was man um dasselbe Geld in Wiesbaden, Ischl und Sorrent zu essen kriegt. Zuweilen lassen sie sich von einem Führer durch die Stadt treiben, der ihnen ungeduldig Daten zuwirft, die er aus dem Baedeker hat. Und sie verlassen das Land, ohne jemals mit einem seiner Bewohner ein Wort gesprochen zu haben. Der Hofrat Burckhard hat einmal einer Dame von Rom erzählt, da rief sie, den Gatten stupfend: »Ach ja, Rom! Erinnerst du dich? Da wo uns der liebe weiße Pudel zugelaufen ist!«
Der reiche Reisende hat für ein Land wirklich bloß einen wirtschaftlichen Wert. Der arme, der Student, der junge Künstler, der Lehrer, hat auch einen geistigen. Denn der lernt das Volk kennen und es ihn. Den hätte Dalmatien nötig. Der könnte dann, heimgekehrt, von diesem wunderbaren Land erzählen, und von der tiefen Not, in der sein edles Volk gefangen liegt. Und dies wäre der Tag der Freiheit. Denn das heutige Dalmatien wird unmöglich sein, sobald man nur einmal davon weiß.
Ein einziges Mal möchte ich, bloß eine Woche lang, zehn ruhige rechtliche Männer, Kaufleute, Landesgerichtsräte, Hausbesitzer aus Krems oder Steyr, durch Dalmatien geleiten!
8.
Wieder nach Cattaro. Doch der Paß ist noch immer verschneit. Keine Post nach Cetinje. Selbst mein Milo Milosevič kann mir nicht helfen. Also wieder auf das Schiff zurück. Das ist der rechte Tag, im Sonnenschein nach Spalato zu fahren, nach der »Stadt in Illyrien«, wo Orsino Herzog ist, die schöne Gräfin Olivia nach dem verstorbenen Bruder weint und des Junkers Tobias schmatzendes Gelächter durch die Gassen schallt! Wunderlich froh macht mich der Gedanke. Und die strahlende Sonne, der strahlende Schnee, das strahlende Meer! Alles schwebt in linder Lust, alles lächelt und wiegt sich. Ein leises Klingen ist in der lauen Luft. Und die weißen Möven, über dem Schiff, im Sonnenschein! In mir knistert's von Erwartungen. Und es spricht durch meinen Sinn: