Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,

Spielt weiter! gebt mir volles Maß!

Die Worte des Herzogs verfolgen mich. Gebt mir volles Maß! Wie das Merkwort meines Lebens ist mir das immer. Was sich auch mit mir begibt, mich verlangt nur immer wieder: Spielt weiter, gebt mir volles Maß! So hielt der Knabe schon die gierigen Hände hinaus, dem Leben alles abzunehmen, was es zu geben hat. Und immer dann gleich wieder weiter. Und immer wieder: Spielt weiter! Und immer noch die Qual, daß es noch immer nicht das volle Maß ist. Gebt mir volles Maß!

Wie so ein menschliches Hirn, einmal erregt, questert und quirlt und aus einem Eimer in den anderen schöpft! Plötzlich ist ein altes Wort aus dem Hyperion bei mir: »Meine Seele wallt mir über von mir selbst und hält im alten Kreise nicht mehr.« Und ein anderes springt an, das ich neulich erst las, es ist von Roosevelt: »Ich will euch die Lehre vom vollen Leben verkündigen!« Und dazwischen läutet es immer noch hinein:

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,

Spielt weiter! gebt mir volles Maß!

Es ist vielleicht nie Tieferes von der Musik ausgesagt worden, als daß sie der Liebe Nahrung ist. Denn da nun die Liebe der Welten Nahrung ist, ohne die das große Kreisen, ausgehungert, schon verstummt wäre, ist also Musik das wahre Wunderbrot, an dem sich die Schöpfung mästet. Und wer uns die Lehre vom vollen Leben verkündigen will, kann es nur, indem er die Musik in der Menschheit mehrt. Musik aber entsteht, wenn eine Seele von sich selbst überwallt und aus dem alten Kreise bricht. Und ist nichts als ein ewiges: Gebt mir volles Maß! Und indem sie die Liebe nährt, wird sie von ihr aufgezehrt, Musik verhallt, aber ihr Brüder und Schwestern, klagt nicht, sie hat sich nur verwandelt und was von ihr übrig bleibt, ist Liebe. Musik läßt überall bei den Menschen Liebe zurück... Wie die kleinen Wellen da den Mund aufreißen, aber aus ihm springt immer wieder ein Mund, der immer wieder einen Mund auswirft, so speit in mir ein tanzender Gedanke den anderen aus, der, gleich wieder zerstiebend, schon wieder eine neue Zunge zeigt, und bald ist es nur noch ein Kreiseln und Klingeln von flimmernden und gischenden Worten in mir, die sich winden, und ich weiß nichts mehr und fühle nur mein Blut tanzen. Und: spielt weiter, gebt mir volles Maß!

Es ist aber dafür gesorgt, daß der Mensch nicht in den Himmel wächst, und so soll ich plötzlich verhaftet werden, weil ich versucht habe, den Flug der weißen Möven zu photographieren. In Gravosa stürzt ein Büttel aufs Schiff, der mich verlangt. Ich frage noch: »Vom Grafen Orsino wohl, der Herzog in Illyrien ist? Aber Ihr irrt, ich bin Antonio nicht!« Doch klärt man mich auf, daß es der kaiserlich-königliche Kommissär der ragusanischen Polizei, dem telegraphiert worden ist, den Spion mit den langen Haaren zu verhaften. Weil aber der Spion in Zeitungen schreibt, geschieht es nicht, man nimmt mir nur den Kodak ab, und ich erinnere mich, wie sich der Hofrat Burckhard einst als Ochsentreiber hundertfünf Gulden verdient hat, indem er einem alten Bauer half, sein störrisches Vieh nach Sankt Gilgen zu bringen, wofür ihm der fünf Gulden gab, was der Hofrat dann in der Zeitung beschrieb, wofür er von dieser noch hundert Gulden bekam. Das will ich auch, ich will auch meinen Ochsen treiben. Und ich setze mich hin, mein dalmatinisches Abenteuer zu beschreiben.

Lustig ist, wie die Passagiere mir ausweichen, seit ich fast verhaftet worden bin. Man kann ja doch nie wissen! Aber die Leute vom Schiff, Matrosen und Aufwärter, lieben mich seitdem. Ich werde noch einmal so gut bedient. Ich muß doch trachten, nächstens einmal ganz verhaftet zu werden. Spielt weiter, gebt mir volles Maß!

Nun aber will ich die Feder eintauchen und Adjektive fischen, für meinen Ochsentrieb! Es dämmert schon, das Meer geht still. Durch die matten Scheiben sieht in den weißen Dampf von Zigaretten der Abend veilchenblau herein.