Nun ist die Fastnacht da. Masken drängen durch die Stadt, Augen glühen, Späße taumeln. In dem Saal des Hotels Troccoli staut sich die Menge. Eng sind die Tische zusammengerückt; wer keinen Stuhl mehr gefunden hat, steht, die schwitzenden Kellner können kaum durch; Militärmusik und Coriandoli. Anfangs gehts noch ganz sittsam zu, die Mädchen verwahren ihre Blicke noch. Diese Kroatinnen sind am hübschesten zwischen fünfzehn und zwanzig, wenn in ganz kindliche Züge plötzlich das heiße Blut schießt; sie kokettieren schon allerliebst, aber mit einer schuldlosen Heiterkeit, die dann bei den Frauen bald einem entschlossenen Ernst der Leidenschaft weicht. Dieser Liebesernst macht den ganz eigenen Reiz kroatischer Schönheiten aus; in ihren Mienen steht, daß sie mit allem anderen spielen, aber die Liebe das Herz ihres Lebens ist. (Ich habe das Gefühl, daß sie so sind, wie Stendhal die Italienerinnen gesehen hat, die mir neben ihnen so vorkommen wie ihm neben den Italienerinnen die Französinnen.)
Oben, ganz am Ende des Saals, ist ein langer Tisch, da sitzen die Offiziere. Es ist aber, als säßen sie hinter einer unsichtbaren Mauer. Niemals springt die Lust bis an ihren langen Tisch, selbst die Coriandolis scheinen Respekt zu haben. Die Herren Offiziere sind ganz unter sich. – Auch auf der Gasse fällt das auf. Man sieht sie nie mit Zivilisten. Sie klagen, es sei ganz unmöglich für den Offizier, in die kroatische Gesellschaft zu kommen, und wenn einmal einer zufällig einer kroatischen Dame vorgestellt worden sei, drehe sie bei der nächsten Begegnung den Kopf weg, um nur seinen Gruß nicht erwidern zu müssen. Sie ziehen es deshalb vor, sich abzusondern und abseits zu bleiben. Man erinnert sich wieder unserer lombardischen Erlebnisse. Ich schlage vor, ein Gesetz zu machen, wonach der Staat jedem Offizier, der eine Kroatin zur Frau gewinnt, die Kaution stellt und jedes Kind erzieht, das ein Offizier, ehelich oder nicht, mit einer Kroatin hat, und dann die Deutschmeister oder das Linzer Regiment hinzuschicken. Da man doch immer von innerer Kolonisation spricht.
Immer enger drängt sich das Gewühl in dem dampfenden Saal, die Freude siedet, Mädchen raffen die Coriandolis von den Tischen zusammen, ballen sie, kneten sie, springen auf die Stühle und schleudern die großen Kugeln, weiße Zähne blitzen und die schwarzen Augen jauchzen, ein Stampfen ist, in den Rauch der Zigaretten fließt der Dunst verwelkender Blumen und erregter Frauen, Gelächter und Trompeten schallen, plötzlich tauchen ungeheure Schädel auf, die Menge rast, die Schädel wanken durch den Saal, es sind meine Maler von gestern, die mich so pariserisch angeheimelt haben, mit gewaltigen künstlichen Köpfen, Karrikaturen städtischer Berühmtheiten. Und nun ist alles nur noch ein einziger Knäuel tosenden Entzückens.
(Diese jungen Maler geben auch eine sehr witzige Zeitschrift heraus, Duje Balavac; sie heißen Emanuel Vidovič, Angelo Uvodič, Virgilius Meneghetto, Anton Katundrič.)
Dann noch ins Café nebenan. Ich sehe durch das Fenster auf die venezianische Loggia. Vom Platz schallt slawischer Gesang. Masken dringen ein und necken die Frauen. Die ganze Stadt des Diokletian hallt von Lust und Gier. Und in der Luft ist das Zittern einer wild verlangenden ungebändigten Kraft.
10.
Zu Josip Smodlaka.
Mit Smodlaka ging's mir wie mit dem heiligen Biagio. Den trifft man überall, wo man immer in Ragusa geht. Über jedem Tor steht er, aus jeder Nische schaut er, jede Mauer trägt sein Bild. Immer scheint es ein anderer Heiliger zu sein: bald ein zierliches Männchen, zwischen korinthischen Säulchen, den Bart ganz lang und spitz, die Mütze ganz lang und spitz, den Finger der warnenden und drohenden Hand ganz lang und spitz, so blickt er von der Porta Pile aus dem gelben Stein in den grauen Zwinger, dem lieben Nikolo bei uns zu Haus gleich; bald wieder seltsam feierlich, kindlich stilisiert, ein Sarastro aus Lebzelt, wunderbar hager und steif gehalten, in der rechten Hand das Modell der Stadt, die linke mit einem schmalen Hirtenstab, so hält er im Hafen die Wacht; bald wieder, wie über dem Fenster der alten Dogana, in der anmutigsten venezianischen Nische, ein rechter Kinderschreck und böser Gnom mit einem Umhängbart und fetten kleinen Fäusten, einem ganz kurzen, plumpen, atemlosen Rumpf und den winzigsten zittrigsten Beinchen. Und immer ist's doch derselbe: der Heilige der Stadt, dem auch die schöne Barockkirche am Stradone gehört. Er hat die Stadt in seiner Hut, jeder vertraut sich ihm an; und so geschieht's, daß jeder sich nach der eigenen Not sein Bild von ihm macht. Wie von Smodlaka. Der steht jetzt auch überall in Dalmatien. Wovon man immer mit den Leuten zu reden beginnt, um ihre Sorgen, ihre Hoffnungen, ihre Wünsche zu hören, zuletzt wird plötzlich sein Name laut. Sie klagen, sie sind bettelarm, niemand will ihnen helfen. Sagt man ihnen, es sei doch in Wien mancher gute Wille für ihre Not bereit, so verschleiern sich die mandelförmigen samtenen Augen, argwöhnisch stockt das Gespräch, dunkel wird es. Aber plötzlich lacht dann einer und sagt: »Wir werden Wien nicht brauchen, nein, wir haben ja jetzt den Smodlaka!« Und gleich ist es hell. So viel Sonne bringt ihnen der bloße Name. Oder man spricht von alten Zeiten, unter den Venezianern, unter den Türken, als der Dalmatiner noch mitten im Sturm der Geschichte stand; und die gelben Wangen röten sich, die leisen dunklen weichen Stimmen springen auf, bis einer traurig sagt: Es war einmal! Und aller Glanz ist plötzlich erloschen, und aller Stolz wieder versunken, sie sitzen still, draußen wirft die Bora den weißen Schaum über die Riffe. Sie hören es und horchen. Und in das Zischen hinein, während der Sturm so mit seinen zornigen Schwingen schlägt, daß das eherne Tor des Himmels einzubrechen scheint, fragt einer dann: Und jetzt, und jetzt? Aber da sagt ein anderer, während die scheiternden Wasser heulen: Und jetzt, vergeßt nicht, haben wir doch den Smodlaka! Und es ist, als wäre plötzlich ein großes schweres altes Schwert gezückt, durch seinen bloßen Namen. Oder man fragt etwa, ungewiß, sich in allen diesen Zank von Serben und Kroaten, Alten und Jungen, Bedächtigen und Beweglichen zu finden, fragt nach Programmen, fragt nach der Herkunft und der Richtung der Parteien, da steht mitten im Gespräch plötzlich ein ungeduldiger junger Mensch mit dunklen Locken auf und schüttelt alles ab und sagt: Das ist alles Unsinn, das zählt nicht, das sind Masken, wir haben überhaupt erst seit vier oder fünf Jahren wieder ein politisches Leben, denn unser politisches Leben in Dalmatien besteht nämlich aus Smodlaka! Und so bekam ich's immer wieder zu hören, überall, von Intellektuellen und Bauern und Arbeitern, auf dem Land und in den Städten, von Nationalen und Demokraten und Sozialisten: Smodlaka, Smodlaka! Jeder ruft ihn an, in ihm glauben sich alle zu finden. Er hat jedes Vertrauen, ihm will jeder gehorchen. Er ist die allgemeine Landesfreude. Er ist der neue San Biagio der dalmatinischen Jugend.
Dieser neue Biagio ist Advokat in Spalato, Landtagsabgeordneter und fast Reichsratsabgeordneter. Wer nämlich jetzt eigentlich der Reichsratsabgeordnete von Spalato ist, weiß man seit der letzten Wahl nicht. Die Regierung behauptet, es sei Monsignore Franz Bulič gewählt worden. Monsignore Bulič ist ein unendlich feiner, unendlich liebenswürdiger und unendlich gelehrter alter Herr, der sein Leben damit verbringt, die versunkene Stadt Salona auszugraben. Er hat ein bißchen etwas von einem alten Landpfarrer, ein bißchen etwas von dem deutschen Philologen der »Fliegenden Blätter« und ein bißchen etwas von einem Visionär. Wenn man so neben ihm sitzt, zwischen geborstenen Kapitälen, zersprungenen Aphroditen und verwaschenen Inskriptionen, und er einem nun die Stadt des Diokletian erklärt, sieht man, daß er sie sieht, vor seinen Augen steht sie da, und er geht in ihr herum. Wenn er aber in der heutigen Stadt Spalato herumgeht, hat er diese Sicherheit nicht, und ich zweifle sehr, daß er sie sieht. Was auch vielleicht ein bißchen zuviel verlangt ist von einem und demselben Mann: mit eben denselben Augen zu sehen, was vor tausend Jahren war, und zugleich, was heute ist; es gehörte dazu eine nicht gemeine Fähigkeit der Akkommodation. Die letzte Wahl spielte sich nun so ab: Smodlaka war der Kandidat, der Bezirkshauptmann aber erklärte, Bulič sei der Kandidat, was Bulič, höchst erschreckt, eifrig bestritt. Die Wähler erklärten nach der Wahl, sie hätten Smodlaka gewählt. Der Bezirkshauptmann aber erklärte, sie hätten Bulič gewählt. In Wien hielt man sich an das, was der Bezirkshauptmann erklärte. In Wien glaubt man heute noch, Bulič sei der Abgeordnete von Spalato. Bulič selbst aber glaubt es nicht, ihm ist es nicht geheuer, er übt sein Mandat nicht aus, er weigert sich, er will nicht. Wohl auch weil ihm das versunkene Salona lieber ist, da kennt er sich aus, und dort gab es auch damals noch keinen Bezirkshauptmann. Die ganze Sache ist sehr österreichisch, man muß einen österreichischen Kopf haben, um sie zu verstehen; auch in Galizien gibt es das ja, und nun muß man wissen, daß, was Wahlen betrifft, dalmatinisch noch der Komparativ von galizisch ist.