Dies ist sicher der schönste Weg, den wir in Österreich haben. Die wilde Macht der jähen Felsen, die sanfte Schönheit des breiten Kanals, der nur östlich einen ganz schmalen Pfad ins Meer hinaus hat, die ruhigen Züge der Weingärten und Ölwälder, die Stille der Dörfer, die Klarheit der Luft, in der alles so groß, ganz nahe, ja wie verewigt scheint, die Schwermut langer Mauern, alter Türme, verschlossener Häuser aus grauem Stein, die Lust des schallenden weißen Blühens, die seltsamen Erektionen der Agaven, die, schief von ziehender Sehnsucht, ihre langen Stengel zum Himmel strecken, der silbrige Staub der Straße, das Leuchten überall zwischen der gelben Wand des Bergs und der blauen des Meers, dies hat zusammen solche Größe mit solcher Lieblichkeit zugleich, daß man nur immer ins Unbegreifliche schaut und schaut und schaut. Diese Straße könnte das ganze Land ernähren. Überall fordert sie zu Villen, Schlössern am Meer und Capanen auf. Hier könnte, Sommer und Winter, Europa sein. Hier sind ein paar arme Dörfer.
Manchmal aber bewaffnet sich der strebsame Mensch der Verwaltung noch mit einem Ästheten, der findet, daß es auch schad wäre, den malerischen Reiz des Verfalls zu zerstören. Denken Sie sich hier Amerikanerinnen und Berliner, die ganze Stimmung wäre weg! Wie malerisch aber ist das Elend! Es regt zu melancholischen Betrachtungen, manchen sogar zu Gedichten an. Hüten wir uns, dieser einzigen Stimmung ihre Patina zu nehmen! – Wie man ja auch in Wien die Forderungen des Verkehrs durch ästhetische Bedenken hemmt, plötzlich um irgendein liebes altes Haus besorgt, das im Wege steht; und lieber soll die Stadt ersticken! In der Not, wenn es gilt, Leben zu verhindern, werden sie sogar Ästheten. Denn es wäre bequemer, aus Österreich ein Museum zu machen.
Trau, der Insel Bua gegenüber, auf die man über eine Drehbrücke kommt, ist noch ganz venezianisch, überall sitzt der Löwe noch. Der berühmte Dom, im dreizehnten Jahrhundert, nachdem die Sarazenen den alten zerstört hatten, begonnen, 1600 ausgebaut, hat ein wunderschönes romanisches Portal. Man wird dann in eine Kapelle geführt, hier ist das Grabmal des heiligen Johann Orsini, des ersten Bischofs von Trau. Die Wappen der Bischöfe werden gezeigt, ein kostbarer Schrein, Meßgewänder und Missalen. In Vergangenheiten geht man so herum, und tritt man dann wieder auf den Markt in die Sonne hinaus, ist wieder Vergangenheit überall, und mir ist ganz, wie wenn ich bei Reinhardt oft in der aufgestellten Stadt Verona spazieren ging, während sie leise gedreht wurde; nur die Beleuchtung ist hier besser, ich ziehe die Sonne Homers doch der des Herrn Knina vor. Halb macht es mir Spaß, halb mich ängstlich, Menschen so gleichsam auf einer Bühne wohnen zu sehen. Und nun, da heute ja Fastnacht ist, geschieht es noch, daß auf der Riva vermummte Männer mit Hörnern und langen roten Nasen, verlarvte Frauen mit Mantillen in der Sonne springen. Und in Lumpen liegen alte Bettler und wärmen sich. Gespenstisch ist alles, am blauen Meer in der lieben Sonne.
Und da kommt mir plötzlich alles unsäglich albern vor, was wir in den großen Städten tun. In den großen Städten werden die Gedanken gemacht. Menschen sitzen und suchen, bis wieder ein neuer Gedanke gefunden ist. Den legt jeder dann in ein Buch, da wird er aufbewahrt und bleibt eingesperrt. Draußen aber, überall, strecken sich die Hände vergeblich aus! Wie ein Dieb komme ich mir vor. Darf ich mir eine Wahrheit behalten, für mich allein, statt ihre Kraft ohnmächtig verlangenden Menschen zu geben? Dies alles, was ich weiß, was mich stärkt, was mein Trost und meine Sicherheit ist, wovon ich lebe, wodurch ich bin, anderen versagen? Selber reich sein und andere darben lassen, im neidischen Hochmut des Wissenden? Und es reißt mich, in die Loggia hier zu treten und zu rufen, bis aus allen schwarzen Gassen und von der Insel her auf dem hellen Markt um mich alle versammelt wären, und der horchenden Schar zu sagen, was ich weiß, von der Entstehung der Welt und der Abstammung des Menschen und wie jedes Gestein und jedes Gewächs und jedes Getier uns Bruder und Schwester ist, bis alles Leid von den Lauschenden fällt und die Lust des Erkennens in einen einzigen ungeheuren Schrei der Freiheit ausbricht. Aber man ist feig. Auch käme doch sicher gleich ein Gendarm.
Bauern in Sinj
Kultur, von der soviel die Rede ist, hätten wir dann erst, wenn, was irgendeiner zu seinem Trost gefunden und erkannt hat, allen zugesprochen würde. Wir aber vergraben unsere Gedanken, wie geizige Bauern die Taler im Strumpf. So liegen sie dann unverzinst. Aber nicht bloß, daß sie nichts tragen, sondern sie gehen ein, trocknen aus und fallen ab. Vielleicht ist keine Zeit noch reicher an Gedanken gewesen als unsere; weil aber keiner in der Erde der Menschheit Wurzeln schlägt, bleibt sie bettelarm.
Der Prasser, der vor seiner Türe verhungern und erfrieren läßt, scheint mir nicht verächtlicher als wer irgend etwas weiß, ohne die Kraft und den Mut dieses Wissens den Schwachen und Ängstlichen zu geben. Und bis zu körperlichen Schmerzen quält es mich oft, daß wir mit unseren höchsten Erkenntnissen unnütz sind, weil von den Wissenschaften und den Künsten kein Weg ins Volk ist. Wir sagen stolz: die Zeit Darwins, Wagners, Ibsens! Aber war es denn ihre Zeit? Sie waren in dieser Zeit. Es ist mir unerträglich, zu denken, daß die Menschen in dieser alten venezianischen Stadt hier nie den Tristan gehört haben. Der Grund gehört den Herren, das Geld gehört den Herren, und die Wahrheit auch und die Schönheit auch. Auch zur Wahrheit und zur Schönheit ist den Armen der Eintritt verboten. Wer nichts zu essen hat, soll auch nichts zu denken, nichts zu fühlen haben. Und der Denker, der Künstler, statt der Herr der Menschheit zu sein, ist ein Knecht der reichen Leute. Und ist es zufrieden! Ich schäme mich manchmal so, daß ich auf und davon möchte, hinaus ins weite Land und zu Menschen, den wirklichen Menschen, und ein Wanderer im Volk werden, weil es doch mehr ist, einem einzigen Menschen zu helfen, als einsam in verwegenen Gedanken und erlauchten Stimmungen zu schwelgen, und weil doch nur der das Leben erst genießt, der überall auf seinen Wegen Freude hinter sich läßt.
Eine Stunde von Spalato liegt ein altes Schloß in Trümmern. Es gehört einem reichen Grafen, der es zerfallen läßt. Selten sieht man ihn in den Gassen der Stadt, meistens hütet er das Bett. Nur wenn eine italienische Truppe kommt, taucht er auf, ladet alle Sängerinnen und Tänzerinnen ein und unterhält sich mit ihnen so lange, bis ihn der Schlag trifft. Dann legt er sich wieder ins Bett, bis wieder eine Truppe kommt. Draußen aber zerfällt sein altes Schloß. Er hat keine Freude daran. Doch gehört es ihm, er gibt es nicht her, so kann es auch keinem anderen Freude machen. Das ist ein Gleichnis unserer Verwaltung in diesem Lande. Sie hat keine Freude daran. Aber sie verhindert es, anderen Freude zu machen.