Ich möchte noch dabei sein. Ich möchte noch Österreich erleben. Spielt weiter, gebt mir volles Maß!

9.

Ich hätte so gern den Milan Begovič kennen gelernt, den die Dalmatiner ihren d'Annunzio nennen. Aber er ist fort. Vor ein paar Tagen erst ist er nach Hamburg abgereist, zum Baron Berger, bei dem er Regie lernen will. Auch wieder ein Beispiel der slawischen Gier, deutschen Geist und deutsche Kunst und unser ganzes Wesen einzusaugen, die mich an den jungen Tschechen so freut. Mein Freund Kvapil, der Dramaturg des böhmischen Landestheaters in Prag, kommt jeden Augenblick nach Berlin, mit einer wahren Todesangst, nur ja nichts zu versäumen, was draußen vorgeht; alles wollen sie wissen, alles haben, und sie glauben es ihrer Nation schuldig, ihr alles zu bringen, was sich nur an neuen Gedanken, Wünschen oder Versuchen irgendwo zeigt. Während in den österreichischen Deutschen eine Neigung ist, hochmütig gegen das Neue sich im Alten zu beruhigen, als ob sie nichts mehr nötig hätten. Hält bei diesen der Dünkel, bei jenen die Gier an, so kann es geschehen, daß in Österreich die neue deutsche Kultur nur noch bei Slawen zu finden sein wird. Wer unsere Deutschen aber warnt, macht sich verdächtig, in dem großen Kampf um den Nachtwächter lau zu sein.

Auf Gundulič folgten noch zwei Dichter, Gjon Palmotic und Ignjat Gjorgjic. Dann war es still. Hundert Jahre lang. Gjorgjic starb 1737. Und 1830 begann der Illyrismus, unter den Slowenen und Kroaten. Ljudevit Gaj, der Steirer Stanko Vraz, Miklosichs Freund, und Ivan Mazuranic, Peter Preradovič, der aus einem General eine Art von slawischem Wotan wurde, und August Senoa sind die Hauptnamen dieser Romantik. 1900 aber erschien in Agram ein Buch, das schlug einen Ton an, den man noch nicht vernommen hatte; seitdem gibt es eine kroatische Moderne. Es war einer Marchesa Zoë Boccadoro gewidmet und nannte sich nach ihr Knjiga Boccadoro, das Buch Boccadoro. Sein Dichter hieß Milan Begovič, war damals vierundzwanzig Jahre alt und dem Studium der romanischen und slawischen Sprachen ergeben. Er hat dann die Locandiera, das goldene Vließ und die Gespenster übersetzt, ein Drama Myrrha, ein Lustspiel Venus victrix, ein historisches Schauspiel Marya Walewska und eine seltsame Dichtung, die im russisch-japanischen Krieg spielt, Das Leben für den Zaren, verfaßt. Die Pracht seiner kunstreichen Sprache wird gerühmt. Seiner Myrrha hat er das Motto vorgesetzt: »Alles für Liebe und Schönheit, Myrrha! Laß dich die Gesetze der Menschen nicht kümmern: sie sind ungerecht, unnütz und selbstisch, sie sind vergänglich. Schönheit und Liebe sind ewig; dies nur ist Verbrechen: ihrem Rufe nicht folgen.« (Ich habe meine Kenntnisse von Murko und unserem Otto Hauser; dieser hat auch seine Venus victrix übersetzt.)


Nach Trau. Immer links das Meer, rechts die kahlen steilen Wände. Das ist der Weg der sieben Kastelle. Warsberg hat recht: »Auch wer das Schönste von Italien und Südfrankreich gesehen, wird hier noch Freude erleben.« Nur der Einwohner erlebt keine.

Rings um Spalato besteht noch das Kolonat. Allgemeines gleiches Wahlrecht und dazu das Kolonat. Ein Haus, ein Feld mit Wein und Ölbäumen wird vom Eigentümer dem Kolonen übergeben, der es bestellt und dem Herrn einen Teil des Ertrages abzuliefern hat. Ein Minimum ist bestimmt. Kann er es nicht leisten, weil etwa der Hagel die Frucht zerschlagen hat, so muß er Geld dafür geben, er hat für den Hagel Strafe zu zahlen. Wenn auf den Feldern des Herrn Arbeit notwendig ist, besorgt sie der Kolone; der Herr bestimmt den Lohn dafür. Sie rechnen, daß ein Viertel, bisweilen ein Drittel ihrer Arbeit im Jahre dem Herrn gehört; und von dem, was der Rest ihnen trägt, haben sie dann erst noch jenen Teil an den Herrn abzuführen. Jede Gefahr trifft den Kolonen; bricht Feuer aus, so haftet er für den Schaden. Das Werkzeug stellt der Kolone. Das Vieh auch. Den Dünger auch (den aber, bevor er ihn verwenden darf, der Herr prüft, ob er gut sei). Meliorationen dürfen ohne Zustimmung des Herrn nicht geschehen; die Kosten trägt der Kolone. Früher konnte der Herr den Vertrag nach Belieben lösen; jetzt ist meistens eine Frist zur Aufkündigung gesetzt. Ein Tagelöhner hat seinen Lohn sicher, der Kolone nichts. Alles Risiko trifft sonst den Herrn, hier trifft es den Knecht. Es ist ein System, das dem Eigentümer unter allen Umständen gegen alle Gefahren einen Ertrag sichert und alle Sorgen des Eigentums auf den Arbeiter wälzt, der ohne Lohn dient, jeden Schaden, keinen Nutzen hat, in schlechten Jahren sich verschulden muß, um den Herrn zu bezahlen, jeden Tag davongejagt werden kann, aber das Gefühl hat, ein freier Mann zu sein, da doch in Österreich die Robot durch das kaiserliche Patent vom vierten März 1849 aufgehoben worden ist.

Heinrich Friedjung erzählt: »In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vernachlässigte das ungarische Königtum seine sozialen Pflichten, während der magyarische Adel sich in einer ruhmvollen politischen Blütezeit zum klaren Verständnisse seiner Aufgaben aufschwang. Baron Eötvös widmete der Schilderung der überlebten Verhältnisse im ungarischen Komitatsleben den besten seiner Romane: »Der Dorfnotär«, und niemand stand feuriger und beredter als Kossuth für die Befreiung des Landvolks ein. So gelang es ihm, der Abgott des Bauers zu werden und darauf sein Volk zum Kampfe gegen das Haus Habsburg mit fortzureißen.« Wenn nun ein dalmatinischer Kossuth aufstünde? Wozu haben wir eigentlich unsere schmerzlichen ungarischen und italienischen Erfahrungen, wenn wir noch immer aus ihnen nichts lernen?

Dann kommt aber der strebsame Mensch der Verwaltung, Austriacus insapiens, und sagt: »Ich bitt' Sie, mit den Dalmatinern ist nichts zu machen, sie sind indolent! Sehen Sie sich doch nur den Boden an! Die schlechteste Wirtschaft, keine Maschinen und keine Spur eines neuen Betriebs!« Wie soll der Kolone Maschinen kaufen, wenn er riskiert, daß ihn sein Herr vertreibt, bevor noch ihr Preis getilgt ist? Woher nimmt er das Geld, da doch unsere Verwaltung keine Sparkassen im Lande will? Was kann er von neuen Betrieben wissen, da doch unsere Verwaltung keine Schulen will? (Neunzig Prozent Analphabeten, hat der Doktor Tartaglia gestern erzählt.) Denn der strebsame Mensch der Verwaltung mag Sparkassen und Schulen nicht, Sparkassen bringen Geld ins Land, Schulen Bildung und wenn es erst Geld und Bildung hat, haben wir die Revolution! Was natürlich ein Unsinn ist, denn wer was zu verlieren hat, macht keine Revolution. Und nichts ist dümmer als die Meinung unserer Verwaltung, Notwendiges lasse sich durch Gewalt verhindern. Als wenn er das jetzige Dalmatien gekannt hätte, hat Goethe einmal gesagt, er sei vollkommen überzeugt, »daß irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird. Ist aber ein wirkliches Bedürfnis zu einer großen Reform in einem Volke vorhanden, so ist Gott mit ihm und sie gelingt.« Aber wer in der Statthalterei kennt Goethe?

(Über das Kolonat hat der Wiener Professor Hofrat Doktor von Schullern zu Schrattenhofen im Auftrag des Ackerbauministeriums geschrieben.)