Vormittag bei Diokletian, dann in den slawischen Wogen der Gassen, am venezianischen Rathaus vorüber ins Quartier latin, jetzt im Wagen mit einer heiteren Wienerin, die Ibsen spielt, ins Land hinein, das ganz spanisch wirkt. Wirklich, wie um Burgos herum ist die Landschaft hier, in ihrem großen, unmenschlichen, barbarischen Ernst, der die Bäume, jedes Haus, jede Regung eines einzelnen Geschöpfs verschlingt. Esel traben; in den Säcken, zwischen Körben oder auch hinter der Last sitzt oder liegt lässig ein sorglos lallender Mensch; man sieht kaum, ist es ein Mann oder ein Weib oder ein Kind, man sieht nur einen bunten Fleck, ganz hinten auf dem Esel, und während der Esel trabt, steigt aus dem bunten Fleck ein stammelnder, flackernder, wankender Gesang. Aber schon hat auch den trabenden Esel mit dem bunten Fleck die furchtbar unbewegliche Strenge dieser zeitlosen, grundlosen, leblosen Landschaft verschluckt. Ich suche vergebens, das Gefühl zu nennen, das ich hier habe: von einer gänzlichen Leere zugleich und doch auch einer ungeheuren Größe. Als hätte Gott hier zunächst erst bloß den Raum erschaffen, und der stünde nun wartend da, bis Gott ihn später einmal füllen wird.
Da blitzt vor uns, am Ende des Blicks, hoch auf dem steilen Berg, ein krachendes Weiß auf. Etwas ungeheuer Lebendiges hat dieses Weiß, in der Grabesstille des erstarrten Raums. Wie das Leben selbst winkt dieses blühende Weiß. Es ist Clissa, die Feste, die das Tal sperrt. Kroatisch, venezianisch, ungarisch, türkisch, wieder venezianisch, österreichisch, französisch und wieder österreichisch ist seine Vergangenheit gewesen. Jetzt steht ein Korporal mit einem Zug unserer Soldaten dort.
Plötzlich erscheint ein blauer See, die Bucht von Salona, wir kommen über die alte türkische Brücke, Häuser blinken hell, die ganze Landschaft ist verwandelt, die Gräfin Olivia schildert mir ihre Nora, da halten wir schon bei ihren Freunden, eine junge Frau von einer seltsamen schweren maurischen Schönheit kommt uns entgegen und ich habe mich in dem ein wenig sezessionistelnden Zimmer, das ein Porträt Tolstois und eine große Reproduktion des Klingerschen Beethoven beherrscht, noch kaum behaglich gesetzt, als ich der gierig fragenden Frau mit den heißen schwarzen Augen vor allem von der Elektra erzählen muß, und überhaupt von Richard Strauß und wie das in Dresden alles gewesen ist. Dann erst gehen wir in die tote Stadt Salona, die, schon im 4. Jahrhundert v. Chr. griechischen Kolonisten gastlich, dann römisch, von Goten und Hunnen bedroht, im Jahre 639 von den Avaren zerstört worden ist. Wo wir aber hauptsächlich von d'Annunzio reden, in den aufgedeckten Tempeln und Bädern mit seiner blinden ahnungsvollen Anna wandelnd.
Bulič, der Schliemann von Salona, hat sich hier ein lustiges kleines Haus gebaut, ein bißchen kitschig, in einem nicht sehr glaubwürdigen altchristlichen Stil möbliert, mit allerhand Urnen, Steinen von Sarkophagen, Kapitälen als Leuchtern, Inschriften und Fragmenten. Hinter dem Häuschen beginnt das Manastirine (manastir oder namastir heißt das Kloster, namastirište der Ort, wo einst ein Kloster gewesen ist), der Bezirk der Ausgrabungen. Uns aber führt d'Annunzio, die Gräber der Atriden tun sich auf, mit den Leichen in Gold, das Fieber unvergessener Schrecken quillt, der Schatten Klytemnästras steigt und so sind wir wieder bei Richard Strauß, während über dem blauen Dunst des Abends das erblassende Weiß der alten Feste Clissa thront.
Und dann sitzen wir abends noch lange wieder unter dem Bilde des alten Tolstoi. Diese kleine Frau mit den großen schwarzen Augen ist merkwürdig. In Tanger sah ich solche Jüdinnen, die den unsrigen nicht gleichen, sondern in ihrer schweren schwellenden Anmut eher etwas Türkisches haben. Sie ist die Tochter eines Juweliers in Sarajevo, hat aber durchaus die geistige Form einer westlichen Intellektuellen. Dem Leib Suleikas scheint durch ein Wunder der Geist Mirbeaus eingegeben. Ihr Mann, ein Ingenieur, der hier eine Zementfabrik einrichtet, setzt sich ans Klavier und spielt aus dem Lohengrin. Sie tritt zu ihm und singt mit ihrer kindlichen Stimme bosnische Lieder. Und dann kommt noch, die lustige Verwirrung zu vollenden, aus der Stadt der Doktor Tartaglia, der der Sohn eines italienischen Grafen und ein fanatischer Anwalt der kroatischen Demokraten ist. So haben wir jetzt, in der geistigen Luft von Beethoven, Tolstoi und Richard Strauß, hier beisammen: eine Wiener Ibsenspielerin aus der Schule Jarnos, eine türkische Jüdin mit nordwestlichen Empfindungen, einen Ingenieur und Wagnerianer, einen gräflichen Demokraten von italienischem Namen und kroatischer Gesinnung und einen Wiener Hausherrn aus Linz vom Deutschen Theater in Berlin; hier am Adriatischen Meer, im Salona der Argonauten, das zum Kampf der Griechen um Troja zweiundsiebzig Schiffe gestellt hat, unweit der von Shakespeare belebten Stadt Spalato, die einst der Palast des Kaisers Diokletian war, in Gesprächen über Olbrich, d'Annunzio, Klimt, die Duse, Masaryk, den Trialismus und die Sezession. Dies ist Österreich.
Die Tartaglias sind einst auf einem Kastell da droben irgendwo gesessen. Da waren sie Kroaten. Da haben sie mit den Türken gerauft. Ein Türkenschädel wird in der Familie noch aufbewahrt. Dafür wurden sie zu venezianischen Grafen gemacht. So waren sie plötzlich Italiener. Bis dann dieser hier, der Ivo, nach Prag kam, da besann er sich eines Tages und entdeckte wieder, daß sie Kroaten sind.
Das haben die Menschen in Österreich voraus, daß sich hier, wer nur ein wenig über sich nachdenkt, als ein Ergebnis vieler Verwandlungen erkennt. Anderswo hat es der Nachkomme leicht, das Erbe der Väter anzutreten, denn es enthält einen einzigen Willen und überall denselben Sinn. In uns aber rufen hundert Stimmen der Vergangenheit, der Streit der Väter ist noch nicht ausgetragen, jeder muß ihn aufs neue noch einmal entscheiden, jeder muß zwischen seinen Vätern wählen, jeder macht an sich alle Vergangenheit noch einmal durch. Denn die Vergangenheit unserer Menschen hat dies, daß keine jemals abgeschlossen worden ist, nichts ist ausgefochten worden, der Vater weicht vor dem Sohn zurück, aber im Enkel dringt er wieder vor, niemand ist sicher, jeder fühlt sich entzweit, unseren Menschen ist zu viel angeboren. Anderswo mag einer getrost den Vätern folgen, wir können es nicht, denn unsere Väter, uneinig unter sich, rufen erst unser Urteil an. Je ne puis vivre que selon mes morts, hat Barrès gesagt. Wir aber können nicht nach unseren Toten leben, weil wir zerrissen würden, denn jeder unserer Toten zerrt uns anders. Nous sommes la continuité de nos parents, sagt Barrès, toute la suite des descendants ne fait qu'un même être. Wir sind noch nicht soweit; wir haben es noch nicht dazu gebracht, aus Vorfahren und Nachkommen ein einziges Wesen zu machen; dies ist vielmehr eben erst unser Problem, das unsere Generation überhaupt erst erkannt hat. Aus den bosnischen Tartaglias, die dort in den Bergen gegen die Türken standen, und den italienischen Tartaglias, die gräflich in venezianischen Sitten schwelgten, nun einen gemeinsamen Tartaglia zu machen, der jene mit diesen so verschmilzt, daß beide sich in ihm erfüllen, ist das Problem des heutigen Tartaglia. Und meines ist, den frohen deutschen Sinn des jungen Webers, der vor zweihundert Jahren vom Rhein nach Schlesien kam, in das ängstliche Gemüt gehorsamer Staatsdiener und den eingeborenen Trotz des unbändigen Oberösterreichers so zu gewöhnen, daß jeder meiner Väter schließlich in mir Platz hat. Als wir uns vor zwanzig Jahren erhoben, war in Österreich der Wahn, man könne ein vaterloses Leben führen. Das nannte man Liberalismus bei uns. Wir aber erkannten, daß alles Leben darin nur besteht, ein Ende mit einer Vergangenheit und so den Anfang mit einer Zukunft zu machen. Doch Vergangenheit ist nie zu Ende, bevor sie nicht ein neuer Mensch in sich aufgesaugt hat; so lange muß ihr Gespenst unerlöst auf Gräbern irren. Und Zukunft hat erst begonnen, wenn in einem neuen Menschen alle Väter versammelt sind. Darauf hoffen wir, damit ringen wir, daran leiden wir, wir. Jetzt aber ist wieder eine neue Jugend da.
Bei Spalato
Diese Menschen, mit denen ich hier sitze, sind alle noch unter dreißig. Und mir ist es ein wunderschönes Gefühl, wie schnell wir in Erfüllung gegangen sind! Unser Leiden, unser Ringen, unser Hoffen, hier ist es gestillt. Es hat sich in ruhige Kraft und einen heiteren Willen verwandelt. Diese neue Jugend sucht nicht mehr, zweifelt nicht mehr, bangt nicht mehr. Sie weiß, was sie will, und sie weiß, daß sie's kann, sie wird es wagen. Sicher ist sie, ihrer selbst gewiß und von entschlossener Freudigkeit. In ihr sind die Väter erlöst, Zukunft ist da. Wir sind nur durch die Welt gerannt, unserer Sehnsucht nach. Diese stehen fest, in Bereitschaft, frohen Taten entgegen. Österreich kann beginnen.