Ich will essen gehen. Und dann Nachmittag nach Salona. Und es wäre doch wirklich talentlos, wenn mir gar nichts begegnet in der Stadt der munteren Jungfer Maria.
Essen ist nun in Spalato kein Vergnügen. Ein kahler Raum; es riecht wie in einem Keller. Mißmutige Kellner in fleckigen Fräcken. Alles greift sich naß an. Und die Gäste sind der Kellner wert. Leopoldstadt. Daß da draußen, keine hundert Schritte weit, das blaue Meer sein soll, ist unglaublich. Mitten unter ihnen aber sitzt – ich reibe mir die Augen – nein, du bist wach, die Sonne scheint und draußen ist das blaue Meer und hier, gleich am nächsten Tische neben mir, sitzt wirklich die Gräfin Olivia, hochgeboren. Ich bin nicht talentlos.
Sie hat sehr schönes rotes Haar, ein feines weißes Gesicht mit einem unartigen Näschen, erfahrene Lippen, ein englisches Kleid, das von Zwieback sein wird, und einen sehr ungeduldigen erlauchten Ton mit den Kellnern. Ich rate hin und her, was ich aus ihr machen soll. Am ehesten vielleicht noch die Frau eines Offiziers, der in's Land hinein abkommandiert ist. Indem sie sich von meinen Blicken auskultiert fühlt, werden die weißen Wangen rot, der arge Mund zornig, das Näschen bübisch und sie beugt sich auf den Teller herab vor, so daß ich jetzt nur noch den roten Helm ihrer Haare sehen kann. Während ich sie dafür durch Gleichgültigkeit strafe, steht auf einmal gegenüber ein dicker alter Herr auf, tritt an meinen Tisch und fragt mich, ob es wahr ist, daß ich der berühmte Hermann Bahr bin. Ich antworte, daß ich das nicht weiß. Er sagt, gekränkt: Das müssen Sie doch wissen! Ich sage, gereizt: Das kann ich nicht wissen! Er sagt: Jeder Mensch weiß, wer er ist. Ich sage: Kein Mensch weiß, wer er ist. Er fragt: Also sind Sie nicht der Hermann Bahr? Ich antworte: Ja ich bin ein Hermann Bahr! Er sagt: No dann sind Sie's! Und er stellt sich vor und ladet mich ein, den schwarzen Kaffee mit ihm zu nehmen, aber nebenan im anderen Saal, weil es dort nicht so kalt ist, denn er hat die Gicht. Ich antworte nicht gleich, weil er gar nicht so verlockend ist, da wendet sich der alte Herr zur Gräfin Olivia, nebenan am Tisch, und sagt: Und vielleicht das Fräulein auch oder die gnädige Frau? Nun liegt der rote Helm ganz auf dem Teller. Ich sage: Gehn Sie nur voraus, ich komme dann vielleicht nach. Olivia schweigt. Er sagt: Denken Sie nichts Schlechtes von mir, Fräulein oder gnädige Frau, schauen Sie doch meinen weißen Bart an, aber ich glaube halt, daß Sie sich langweilen! Eigentlich ist er sehr nett und ich bin ein Rüpel. Aber der rote Helm im Teller schweigt. Der Alte geht.
Ich bleibe noch ein paar Minuten, zahle gemächlich, stehe dann auf, nehme meinen Hut und meinen Rock und frage: Werden Sie nun zu dem braven alten Herrn gehn?
Unter dem roten Helm hervor antwortet es: Wenn Sie gehen!
Ich will das aber noch deutlicher haben und frage: Ohne mich nicht?
Es ist doch sehr hübsch von ihr, daß sie gleich antwortet: Nein.
Da sage ich: Aber wozu brauchen wir dann erst den braven alten Herrn?
Sie wiederholt, lachend: Nein. Den braven alten Herrn brauchen wir wirklich nicht.
Ich schlage vor, lieber nach Salona zu fahren. Sie will nur noch rasch telephonieren. Indem wir dann zum Wagen gehen, sagt sie: Ihre Photographie hängt nämlich seit fünf Jahren in meinem Zimmer. Und es kommt heraus, daß die Gräfin Olivia Schauspielerin geworden ist und einmal in einem meiner Stücke mitgetan hat. Und in Salona will sie mich in das Haus einer Freundin aus Sarajevo bringen, die meine Bücher mag. Und für den Abend hat sie mir telephonisch geschwind einige Leute bestellt, und es sind gerade die, an die ich Empfehlungen mit habe. Das menschliche Leben ist höchst einfach. Man muß nur so talentvoll sein, sich um die rechte Stunde im richtigen Gasthaus an den rechten Tisch zu setzen.