Je mehr du dich aus dir kannst austun und entgießen:

Je mehr muß Gott in dich mit seiner Gottheit fließen.

Und mitten in dem scharfen brenzlichen Geruch dieser bäurischen Städter mit ihren zottigen Kutten ist es mir eine selige Lust, mich aus mir ganz auszutun und zu entgießen. Sie drängen mich, sie schieben mich, ich weiß nichts mehr, ich will nichts mehr, durch unbekannte Gassen geht's, hier lacht ein Gesicht, dort zürnt ein Auge, mich aber trägt in festen Armen eine Macht dahin. Und nur manchmal sagt es leise noch in mir: Jetzt müssen wir aber doch gleich beim Garten der Gräfin Olivia sein!

Ärzte sollten Nervösen verordnen, das Gewühl von Massen aufzusuchen. Nichts tut Ängstlichen oder Unruhigen besser, als wenn ihnen einmal die Selbstbestimmung abgenommen wird und sie sich treiben lassen. Der Wille ruht aus und wir sind ja wahrscheinlich alle im Willen krank. An der Entfernung von der Gemeinschaft kranken wir. Dem Menschen ist nun einmal zugewiesen, erst im anderen sich selbst zu finden. Worauf man sich denn ebenso einen reaktionären als einen demokratischen Vers machen mag. Hauptsächlich aber einen erotischen. Ich glaube, daß, was den Mann zum Weibe treibt, zuletzt dieselbe Macht ist, die Massen beseelt. Das liebende Paar, der Marsch von Knaben in gleichem Schritt und Tritt, die Kirche, die Gemeinde, die Stadt, das Volk, der Staat, es sind alles nur Erscheinungen, Verwandlungen desselben Triebs. Bei katholischen Prozessionen, wo Eros in allen seinen Gestalten mitgeht, spürt man das sehr stark. Alle Mysterien, von Eleusis bis Echternach, wurzeln darin. Alle Propheten haben es gewußt. Und es ist sonderbar, daß es in unserer Zeit nur einer gewußt zu haben scheint: Walt Whitman. Vielleicht der einzige bisher, der die Demokratie wirklich erkannt hat: als Erfüllung des Eros.

Und nun, auf dem Markt in das Café Troccoli tretend, bin ich plötzlich entführt, wie durch Faustens Mantel. Draußen ist der Orient in allen Farben, aber drinnen das Quartier latin, mit langen Haaren, fliegenden Krawatten und dem Tumult atemloser Reden. Junge Maler sind's, die hier, beim Diokletian, einen Boul' Mich' etablieren.

Ich sinne dem Diokletian nach. Ein dalmatinischer Bauer, der Kaiser wurde, ein glücklicher Feldherr, ein großer Verwalter, ein Künstler war, die Macht verachten lernte, Rom haßte, den Thron verließ und wieder in die Heimat ging, um in großer Pracht ein Eremit zu sein. Salomon und Cäsar und der große Fritz und der zweite bayrische Ludwig in einer Person. Mit Zügen eines asiatischen Schwelgers, eines Landsknechts, eines aufgeklärten Despoten, eines Artisten und eines Weisen. Vom Feldwebel zum Kaiser. In Ägypten und an der Donau Sieger. Zwanzig Jahre lang Herr der Welt. Mit den Höflingen grausam, ein Freund der Armen. Ein Organisator. Der Erbauer der Thermen in Rom. Die Christen verfolgend. Und dann nach zwanzig Jahren der Tat, des Ruhms, der Macht wieder heim. (Wie Shakespeare dann wieder nach Stratford heimritt.) Und sitzt dann noch neun Jahre hier und sieht über das Meer hin und hört noch die heidnische Welt zerbrechen und die verhaßten Christen siegen. Er stirbt, Salona fällt, das Volk flüchtet vor den Avaren in den Palast, den er seiner Einsamkeit erbaut hat, und der schweigsame Palast verwandelt sich in eine lärmende Stadt.


Mittag wird's, die kroatischen Pariser gehen, ihre großen Hüte schwenkend, wie die Gascogner Kadetten. Ihre Lustigkeit hat mich angesteckt. Es freut mich auf einmal gar nicht mehr, an den alten Diokletian zu denken. Und morgen ist Fastnacht! Wie dumm, in der lauten Stadt allein zu sein und Steine anzusehen, in der Stadt des Junker Tobias!

Bei Spalato