Aber auf unsere Regierung ist er noch viel schlechter zu sprechen als Smodlaka. Sie versteht nämlich auch vom Palast des Diokletian nichts. Er erzählt mir, wie er, vor Jahren schon, als er eben zum Konservator ernannt worden war, sich feierlich ins Amt begab, um dort den Palast des Diokletian als Staatseigentum anzumelden, wodurch er ihn vor barbarischen Eingriffen zu sichern glaubte. Statt nun aber dafür, wie er fest erwartete, belobt zu werden, was denken Sie, was geschah? Er steht auf und faßt mich an, er kann es noch heute nicht glauben. Was denken Sie? Das errät niemand! Was denken Sie, was geschah? Ich hätte einen Orden verdient, aber ich bekam eine Nase. Eine Nase! Und er reibt sich seine, als ob es jene wäre. Statt mir zu danken, daß ich das einzige Mittel fand, den Palast zu schützen! Aber im Finanzministerium meinte man, daß es Geld kosten könnte. Und davon wollen sie nichts wissen in Wien. Wenn ich nach Wien komme, heißt's immer: Sehr schön, sehr gut, aber wir haben kein Geld! Und wieder springt der alte Herr auf, nimmt mich an den Schultern und wiederholt, mit seiner schweren zornigen Stimme, ratlos: Kein Geld, für den Palast des Diokletian kein Geld! Und wenn ich nach Wien komme, wollen sie mich schon gar nicht mehr anhören, der Sektionschef läßt sich verleugnen und entschuldigt sich mit Geschäften, die wichtiger sind. Wichtiger als der Palast des Diokletian! Und er tippt mit seinem knöchernen Finger auf meine Schulter und sieht mich aus seinen versunkenen Augen an und wiederholt das Unbegreifliche: Wichtiger als der Palast des Diokletian!

Ich muß lachen, weil ich mir denken kann, wie seltsam, ja fast unheimlich denen in Wien der alte Schwärmer vorkommen mag. Und das Gesicht des jungen Referenten im Ministerium, als damals ein so gar nicht erwünschtes Staatseigentum »angemeldet« wurde! Und den Schrecken, den sein juristisches Gemüt bekam! Die »Nase« war ja sicherlich rechtmäßig fundiert. Denn es kommt in einem Rechtsstaat nicht darauf an, Recht zu haben, sondern die rechte Form zu finden. Einen aber, der das Rechte will, auf den rechten Weg zu bringen, ist nicht Sache des Referenten. Auch muß es denen in Wien unbegreiflich sein, wie man sich um etwas kümmern kann, das einen schließlich ja gar nichts angeht. Dem braven Bulič aber, wie Gott ihn nun einmal geschaffen hat, muß es wieder unbegreiflich sein, daß ihnen das unbegreiflich ist. So geht es in der Welt, und einer hält dann den anderen für schlecht und dumm.

Nun schildert er mir die Leiden seiner Ausgrabungen. Der Taglohn steigt, der Betrag, den man ihm in Wien ausgesetzt hat, bleibt lächerlich klein, so stockt das Werk. Und was gefunden wird, kann er nicht unterbringen. Der enge Raum des Zimmers, das einstweilen als Museum dient, ist längst überfüllt. Seitdem liegt alles in Kisten verpackt, die in Kellern warten. Er kann nicht wissenschaftlich arbeiten, weil er nichts mehr aufstellen, nichts mehr ordnen kann. Und die Miete der Keller, in denen die Kisten liegen, verringert noch den Betrag, mit dem er für sein Werk auskommen soll. Endlich ein wirkliches Museum zu bauen ist unabweislich. Dann kann endlich erst alles ausgepackt und aufgestellt werden, dann erst wird er arbeiten können, dann erst ist es möglich, junge Gelehrte herzuziehen, die ihm helfen, dann wird man die Wunder von Salona sehen, dann werden die Fremden kommen! Ein Architekt hat ihm den Plan dieses Museums entworfen. Damit ist er dann wieder einmal nach Wien gereist und hat die in Wien so bedrängt, daß sie schließlich, um ihn nur wieder los zu werden, sich nicht anders zu helfen wußten, als durch die Zusage, die Baukosten zu bewilligen, unter der Bedingung jedoch, daß die Stadt Spalato dafür aus Eigenem den Bauplatz beizustellen hätte. Sie dachten wohl, er könnte dies von der Gemeinde niemals erreichen und sie stünden dann noch als die verkannten Wohltäter da, ohne Kosten, und hätten Ruhe. Und wirklich wollte die Gemeinde zuerst nicht. Bulič aber, der selbst im Rat der Stadt sitzt, bedrohte sie so, daß endlich keiner mehr zu widersprechen wagte. Nur versuchten sie noch, sich auszureden, indem sie behaupteten, es werde ja doch nichts nützen, denn die Regierung werde nicht halten, was sie versprochen, weil sie noch nie gehalten hat, was sie versprochen hat. Aber da sprang Franz Bulič auf, und indem er drohend seine schwere Hand gegen die Zweifler hob, sprach er: »Ich habe das Wort der Regierung und so kann ich, Franz Bulič, den Ihr kennt als einen wahrhaft gesinnten Mann, der nie gelogen hat, ich kann euch schwören, daß, wenn ihr den Grund gebt, die Regierung das Geld geben wird, und wer ist unter euch, der an meinem Eide zweifelt?«

Mitten im Zimmer steht er, erzählend, mit erhobener Hand, wie wirklich vor der ganzen Gemeinde. Dann besinnen sich seine fernen Augen, kommen langsam zurück, und indem er sich wieder zu mir setzt, sagt er: So sprach ich ins Gewissen der versammelten Gemeinde, da gaben sie den Grund, aber die Regierung gab das Geld nicht, jetzt lachen sie mich aus, und ich muß mich schämen!

Clissa

Natürlich ist man in Wien empört, daß die Regierung verdächtigt wird, nicht zu halten, was sie versprochen hat. Das ist auch eine Verleumdung, denn die Regierung sagt keineswegs, daß sie das Geld nicht geben wird. Sie wird es schon geben, sie läßt sich nur Zeit. In dieser Zeit aber (fünf Jahre mag es her sein) ist es geschehen, daß inzwischen in der Stadt der Arbeitslohn um etwa vierzig Prozent gestiegen ist. Wenn nun also, nachdem die Gemeinde den Grund gegeben hat, die Regierung, wie sie versprochen hat, schließlich doch einmal das Geld geben wird, das der Architekt damals gefordert hat, so wird man nun erst wieder nicht bauen können, denn das Geld reicht jetzt nicht mehr, und mehr als sie versprochen hat, wird die Regierung nicht geben, und sie kann dann noch sagen, daß man eben wieder einmal sieht, wie mit diesen Dalmatinern nichts zu machen ist, und das ausgegrabene Salona bleibt weiter in Kisten verpackt, in Keller versenkt, und kein Forscher, kein Fremder kriegt es zu sehen, und kein Forscher, kein Fremder kommt mehr, und die in Wien haben Ruhe.


Mitternacht. In der Kabine, heimwärts zu fahren. Langsam stößt das mächtige Schiff aus dem Hafen, die Lichter der frohen Stadt erblassen. Und in mir ist eine wunderbare Sicherheit: Diese Menschen hier sind stark, sie werden stärker sein als alles!

Und dann fragt es noch in mir: Warum? Warum wollen wir dieses kräftige Volk voll Zukunft nicht für uns haben? Es ist bereit, warum stoßen wir es weg?