Ich hätte manchmal weinen mögen, über unsere Dummheit. Das schönste Land mit den treuesten Menschen trägt sich uns an und wir wollen es nicht. Warum, warum?

Aber dann denke ich, daß selbst die Dummheit vergebens gegen die Götter kämpft. Die Götter sind stärker, die Macht der Entwicklung siegt. In unserer ganzen Geschichte geht es ja doch immer so, daß wir dumm sind und doch zuletzt etwas Gescheites daraus wird. Wir sind dumm gewesen und haben Deutschland führen wollen. Da sind wir aus Deutschland geworfen worden und nun bleibt uns doch nichts übrig als auf den Balkan zu gehen. Wir sind wieder dumm, wir wehren uns, wir wollen nicht. Aber wir müssen. Wenn es um das Leben geht, hört der Mensch auf, dumm zu sein. Wir müssen auf den Balkan. Wir können aber nicht auf den Balkan, wenn wir unserer Südslawen nicht sicher sind. Bosnien und die Herzegowina zu nehmen kann nur den Sinn haben, daß Österreich seine Zukunft auf dem Balkan sucht. Dazu braucht es das Vertrauen der Slawen auf dem Balkan. Diese muß es sich zu Freunden machen. Kann es sich diese zu Freunden machen, wenn es der Feind ihrer Brüder, seiner eigenen Slawen, bleibt? Sollen uns die Slawen auf dem Balkan vertrauen, so kann es nur geschehen, wenn unsere Slawen in Dalmatien und Kroatien ihnen Lust dazu machen. So lange wir hier aber wie in Feindesland hausen, wird dies die drüben nicht verlocken, sich uns anzuschließen. Wir müssen auf den Balkan, aber wir können es erst, wenn Bosnien und die Herzegowina, Dalmatien, Kroatien und Slawonien beisammen und für Österreich bereit gemacht sind.

Die Geschichte wird sicher wieder gescheiter sein als wir, mir ist gar nicht bange. Still atmet die Nacht zu den Luken herein und wiegt mich; das Wasser schlägt ans Schiff. Mich schläfert, es kreiselt durch das Hirn und ich denke noch, daß ja sicher, bis ich wieder, vielleicht im Herbst, nach Dalmatien komme, diese Verwaltung schon weggejagt und hier ein freies Volk sein wird, an Österreich gläubig, durch Österreich stark, für Österreich bereit, da die Geschichte ja noch immer gescheiter war als wir.

11.

Nach Agram. – Architektonisch läßt sich nichts Österreichischeres denken als die alte Stadt Agram, oben beim Palast des Banus und rings um den Dom. Schönstes österreichisches Barock, in welchem sich der südlichen Anmut gleichsam ein bedächtiger deutscher Ernst, ein bürgerlich haushaltender Sinn auf die Schulter setzt. Häuser von einer so lieben Einfalt, stille Balkone, Fenster mit verkrausten Kranzeln sind da im Gewinkel und Gewirr verschlafener Gassen und verbogener Ecken, daß man sich die Augen reibt und verwundert fragt: Ja, bin ich denn in Salzburg oder der alten Stadt Steyr? Und unwillkürlich glaubt man, gleich wird aus einem der engen Fenster ein Wiener Hofrat seinen alten Kopf stecken, um das Land zu mustern! Tritt man dann, an dem Wohnhaus des Barons Rauch vorbei, das wie aus einem Stück von Goldoni aussieht, auf die Promenade hinaus, die nach dem Bischof Stroßmayer heißt, so breitet sich das lieblichste Tal aus, mit anmutigen Villen auf sanften Gehängen, und in der Ferne glänzt die Save weiß. In die untere Stadt zurückgekehrt, steht man vor dem Jelacic, den Fernkorn auf den großen Platz gestellt hat, hoch zu Roß und den Säbel froh gezückt, gegen Ungarn hin. Da brechen Erinnerungen auf, und man kann die Wandlungen der abwechselnden österreichischen Geschichte repetieren.

Ich ging dann ins Gericht, wo jetzt dieser Prozeß gegen die Serben spielt. Ich meine nämlich, daß man Menschen aus ihren Reden niemals erkennen kann, wenn man sie nicht leibhaftig vor sich gesehen hat. Die Gesichter der Menschen muß man sehen, dann bekommen ihre Reden erst den rechten Sinn. So saß ich denn und sah mir die Gesichter an, der Richter oben und der Beschuldigten. Ich erlebte dabei wieder einmal, was ich doch im Grunde für ein Theatermensch bin. Gleich waren meine Gedanken bei Reinhardt, als hätte der ein Stück zu inszenieren, und ich säße bei seiner Probe. Irgendein Stück von der Tolstoischen Art, wo denn immer, wie das schon Tolstoischen Gedanken entspricht, das Licht den Angeklagten günstiger ist als den Klägern. Aber ich würde da sicher zu Reinhardt sagen: »Das ist nun wieder recht Ihre Art mit Ihrer Vorliebe für die ganz starken Ausdrücke, durch die gleich im ersten Augenblick dem Publikum alles handgreiflich gemacht und seine Sympathie sogleich entschieden werden soll! Ich verstehe das schon, aber, lieber Max Reinhardt, übertreibt denn das Leben so? Ich dächte, so drastisch klar abgeteilt sind die Dinge doch im Leben nicht. Und mir wird angst, ob wir da nicht auf einmal wieder in der alten Komödie sind, mit den fuchsroten Bösewichtern und der schwanweißen Unschuld. Geben Sie nur acht!« Es kann aber sein, daß Max Reinhardt mehr vom Leben weiß als ich; die Dinge teilen sich da manchmal wirklich gar drastisch ab, und der Unterschied von der alten Komödie ist vielleicht nicht so groß.

Ein kahler, heller Raum. Die Luft ist trüb. Wenig Publikum. Und diese paar Leute drücken sich eng aneinander und halten sich ganz still. Sie sind scheu und regen sich nicht. Denn das Publikum wird hier sehr streng gehalten. Die Frau des Doktors Hinkovic, des Hauptverteidigers, hat neulich mit ihrer Nachbarin gesprochen, gleich hat sie fort müssen.

Im Halbrund am Fenster sitzen die Richter mit großen vorhängenden kupfrigen Gesichtern, dicken Schnauzbärten und vagen, wie verlorenen Augen, aus denen nur Gehorsam blickt. Merkwürdig ist der stets gereizte Präsident, der aussieht wie jemand, der schlecht schläft und böse Träume hat. Er hört nicht gern zu, besonders den Anwälten nicht. Lieber spricht er selbst. Er kann kaum seine nervösen Hände beherrschen; immer auf dem Sprung sitzt er da. Nimmt einer der Anwälte das Wort, so schüttelt's ihn, und er fährt los. Sie wollen immer beweisen, daß diese oder jene Handlung nicht geschehen sei; ihn aber scheint mehr die Gesinnung zu interessieren. Und er führt manche Neuerungen in den Prozeß ein; wie er z. B. den Verteidigern verboten hat, den Angeklagten, die doch noch gar nicht verurteilt sind, die Hand zu reichen. Eine gute Figur macht der Staatsanwalt. Er zeichnet sich dadurch aus, daß er Talent zu haben scheint. Noch jung, schlank, kampfbereit, agil mit seinem Zwicker hantierend und von einer fast katzenhaften Anmut der beweglichen Gebärden, weiß er seine Sache unbedenklich zu führen. Besonders geschickt ist er im Angriff, wobei ihm eine gewisse geistige Gelenkigkeit hilft, die jeden Augenblick die Stellung wechselt und, wenn ein Argument versagt hat, es sogleich mit dem Gegenteil versucht, immer wieder von einer anderen Seite her. Er hat eine geschmeidige Intelligenz, die jeden Sprung wagt, in dem sicheren Gefühl, zuletzt schon irgendwie wieder auf die Füße zu fallen. Und wenn es einmal für ihn gefährlich wird, läßt er sein Temperament schießen und will überrennen. Seine Begabung wird sichtlich vom Präsidenten gewürdigt. Der Staatsanwalt heißt Accurti, und für die angeklagten Serben soll es eine Art Trost sein, daß seine Frau von dem letzten serbischen Wojwoden Suplikac stammt.

Die Angeklagten sind Lehrer, Popen, Händler und kleine Beamte vom Land, fast durchaus ganz arme Leute. Sie sitzen ergeben da, halb ermüdet, und halb schon ein bißchen gelangweilt; und manchmal reißt einer weit die traurigen Augen auf, als müßte das alles, was er hier hört, doch nur ein einziges großes Mißverständnis sein, und dann senkt er den Kopf wieder und ergibt sich, es gelassen zu tragen, oder sein stiller Blick geht langsam im Saal herum, Menschen suchend. Seit Monaten sind sie in Haft, Monate haben sie noch vor sich. Und dann? Sie sind angeschuldigt, den Tod durch den Strang verdient zu haben. So sitzen sie halt in dem kahlen Raum mit dem trüben Licht und erwarten. Einer fällt unter ihnen auf, Adam Pribicevic, der Hauptangeklagte, mit seinem weißen, geistig zerquälten Gesicht und den großen, fernblickenden Augen. Es ist das Gesicht eines logischen Schwärmers, den viele Fragen gepeinigt haben, eines Suchenden, der sich mit der Welt nicht abfinden kann, eines Unsteten im Geiste, der alles Leid austrinken will, um die Wahrheit über das Leben zu erfahren; einen Hamlet-Zug hat es. Er und der Staatsanwalt, da sieht man vielleicht nebeneinander die beiden Enden der Menschheit. Stark scheint in ihm das Bedürfnis zu sein, ins Volk zu gehen und zu helfen. Was er zu wissen glaubt und für recht hält, will er nicht für sich behalten, sondern es soll unter die Menschen kommen, um die Leiden zu lindern. Dieses Bedürfnis haben junge Russen oft; bei uns ist es ziemlich unbekannt, weshalb es für ihn schwer sein wird, sich hier verständlich zu machen. Man sieht ihm an, daß er mit Zweifeln gerungen hat, und er macht den Eindruck, ein sehr zartes und reizbares Gewissen zu haben. Deshalb sind auch seine Antworten zuweilen von einer Art, die nicht üblich ist. In einer Verhandlung ist ihm gedroht worden, in Ketten geschlossen zu werden. Er antwortete: »Ich fürchte das nicht. Denn körperliche Qualen können mich nicht schrecken. Sie sind mir eher erwünscht, weil sie die anderen, die geistigen, betäuben und die Seele besänftigen.« Zu einer solchen Menschenart, wie sie sich in diesen Worten ausspricht, wird man hier vielleicht kein rechtes inneres Verhältnis finden, aber dies scheint er nicht zu bemerken. Er gehört wohl zu den gläubigen Seelen, die sich, wenn sie etwas für recht halten, ganz sicher fühlen, und er weiß noch nicht, wie die Menschen einander oft mißverstehen.

Die Verteidigung führt der Doktor Hinkovic. Er wird hier jetzt ebenso geschätzt als gehaßt. Mit einer gewissen großen Vereinfachung, die dann freilich im einzelnen nie völlig stimmt, kann man sagen, daß einst Kroatien zwischen Stroßmayer, dem großslawischen Schwärmer, und dem alten Starcevic, für den es auf der Welt nur Gott und die Kroaten gab, geteilt war. Wer nun in dieser Richtung des Starcevic weiter denkt, hält sich jetzt an den Doktor Josip Frank, während die Gläubigen des großen Bischofs zur serbokroatischen Koalition gekommen sind, der der Doktor Hinkovic angehört. Er ist ein unermüdlicher Verstandesmensch, der ganz genau weiß, was er will, und seine Zeit abwartet. Die Neigung, eher ein Wort zu wenig als ein Wort zuviel zu sagen, hilft ihm sehr, und es ist sein Sport, sich um keinen Preis provozieren zu lassen. Als seine Frau neulich aus dem Saal verwiesen wurde, ist er ganz still gesessen, man hat ihm nichts angesehen, und es war nichts zu machen. Seinem Kollegen, dem Serben Doktor Dusan Popovic wird dies weniger leicht, er hat ein prachtvolles Temperament, gleich schießt ihm das Blut in den ehrlichen Kopf, und er ringt insgeheim die Hände, weil er, ganz wie die Angeklagten selbst, gar nicht verstehen kann, warum man denn oft, statt Aufklärungen hinzunehmen, die ganz plausibel sind, noch nach ferneren und unwahrscheinlichen Motiven sucht.