Spalato
Dann ist mir noch was Lustiges passiert, wie es schon mein Schicksal scheint, in meinem Vaterland nirgends unangefochten zu bleiben. Die Bank der Journalisten war besetzt, so luden mich die Verteidiger ein, zu ihnen zu kommen. Dies war mir erwünscht, weil sie mir ja manches erklären konnten. Auch habe ich einen Hang zu symbolischen Akten, da war es mir recht, mich an die Seite des Mitleids zu setzen. Wohl eine Stunde saß ich dort, sehend und hörend, bis dann plötzlich der Staatsanwalt in einen Zwist mit dem Doktor Popovic neben mir geriet. Da fragte der Präsident, wer denn eigentlich der neue Verteidiger da wäre, nämlich ich. Und ich verstehe ja gewiß, daß Zuschauer und Zuhörer aus dem Norden oder Westen hier jetzt nicht gerade sehr erwünscht sind oder doch sich so plazieren sollen, daß sie nichts davon verstehen. Übrigens weiß ich dem Präsidenten allen Dank, es ist mir lieber, daß er mich fortgeschickt hat, als wenn er mich am Ende dort behalten hätte.
Nachts fuhr ich heim. Die Strecke nach Steinbrück scheint die Bestimmung zu haben, die Entfernung zwischen Agram und Wien zu vergrößern. Der Zug war mit Auswanderern voll. Bauern vom kroatischen Land, nach Amerika getrieben, ein paar hundert. Ächzend schob der Zug sich in die schwarze Nacht hinein. An den Stationen, im Dunkel, ihre Mütter, Weiber und Kinder, mit den Schürzen winkend, in die Hände weinend. Der ächzende Zug aber unerbittlich fort in die schwarze Nacht. In der Ferne verhallt das Wimmern. Und die Bauern schreien, gewaltsam: Nach Amerika!
12.
Als Epilog noch einiges, was die Fahrt ergab.
Von Ragusa schrieb ich an das Berliner Tageblatt um Hilfe:
Um Berliner wird gebeten.
Nämlich in Dalmatien.
Ich war jetzt wieder unten. Und überall dieselbe Klage, noch immer: Wir haben keine Fremden! Und überall derselbe Wunsch, wieder: Ja, wenn wir Berliner hätten! Allen ist es ausgemacht: Nur Fremdenindustrie kann uns retten. Oder wie sie's gern sagen: Nur als Adriatische Schweiz können wir leben. Und dürfen wir es nicht ansprechen? Wird nicht die Landschaft der Bocche, mit den weißen Bergen am blauen Golf, nordischen Fjorden verglichen? Lockt Lakromas verwunschener Hain nicht weicher als Korfu? Haben wir in Salona, kaum eine halbe Stunde von Diokletians verwittertem Palast, nicht unser Pompeji? Nicht die ganze Küste von Arbe bis nach Ragusa hinab Reste der venezianischen Herrlichkeit, mit einer Kraft im Zierlichen, einer Unschuld im Prächtigen, einem Frühling in der Anmut hier, die daheim, in der Sicherheit des eigenen Landes, längst zum Buhlerischen, Üppigen, Prahlerischen entartet? Und dazu das Gewimmel serbischer, albanischer, türkischer Trachten, in durchsonnten Farben! Und auf dem angestammten Stolz ungebrochener Leidenschaften liegt der bronzene Glanz der slawischen Wehmut! Uralte Sitten, aus griechischer Zeit noch, walten im Land, der Orient greift herein, aber schon wühlen westliche Gedanken, Hoffnungen aus dem Norden das Volk auf; und dies alles wird von dem ahnungslosen österreichischen Militär bewacht! Galizien und Castilien und der Peloponnes ist hier, aber in die Jugend bläst ein Alarm von Amerikanismus, Jugend dehnt sich, Jugend streckt die kühnen Arme, während von den Forts der Radetzky-Marsch klingt! Wo gibt es das noch, extremen Osten und Westen, Süd und Nord, Urzeit und Zukunft so beisammen? Hier könnt ihr ein totes Land sehen! Und hier könnt ihr ein Land erwachen sehen! Es ist ein ganz einziger Augenblick. Und hier könnt ihr den Orient begreifen, in seiner stillen Heiligkeit, und den österreichischen Bezirkshauptmann, in seiner lauten Albernheit! Aber sachte gleiten diese neuen großen, schönen Dampfer des Lloyd durch die glitzernde See, weiße Möwen ziehen mit. Möwen, aber keine Fremden. Warum kommen keine Fremden? Warum kommen die Berliner nicht? In zwei Tagen kann man von Berlin in Triest, in vierundzwanzig Stunden von Triest in Ragusa sein. Warum kommen die Berliner nicht? So hat man mich überall gefragt.