Platz hätten achthundert. Wir sind aber unser kaum zwanzig. Und als ich letzte Woche hinunterfuhr, waren wir noch weniger. Überall hört man jammern, die ganze Küste entlang, in allen Hotels, in allen Läden: Leer, es wollen keine Fremden heuer kommen, leer! Und die Schuld wird natürlich den Zeitungen gegeben; wieder einmal. Die Zeitungen haben das angestellt! Die Zeitungen verscheuchen uns die Fremden, mit ihrem Kriegslärm und ihrer Kriegsfurcht! Täglich hab' ich's überall hören müssen: Schreiben Sie doch, bitte, bitte, schreiben Sie doch in die Zeitung, daß es nicht wahr ist; daß wir hier in aller Stille leben, wie sonst; daß weit und breit der schönste Friede herrscht; das verdammte Kriegsgeschrei ruiniert uns noch alles! Die armen Leute taten mir leid, so gern hätt' ich ihnen zu helfen versucht! Wenn ich nur nicht inzwischen fast verhaftet worden wäre.

Das spielte sich in drei Akten ab. Es begann vorigen Mittwoch in Cattaro. Wir kamen an, ich wollte nach Montenegro, da hieß es, die Post gehe nicht, weil alles verschneit und der Paß unpassierbar für Wagen sei. Ich glaubte das zunächst nicht, nach meiner Gewohnheit, zunächst nichts zu glauben, und ließ meine Sachen ans Land bringen. Da trat mir ein finsterer Mann entgegen, ein österreichischer Finanzer von Aussehen, und auf italienisch, wie er mich mit meinem Facchino reden hörte, forderte er mir meinen Paß ab. Zufällig hatte ich in meinem alten Reisesack einen mit (er gilt natürlich längst nicht mehr, ich habe ihn nicht erneuern lassen, weil ich ja meistens im Ausland reise, und im Ausland braucht man keinen). Der Mann der Obrigkeit, der nicht Deutsch konnte, sah sich den Paß lange an. Dann rief er einen Kollegen herbei, der konnte auch nicht Deutsch. Und nun sahen alle zwei den Paß an und konnten alle zwei noch immer nicht Deutsch. Endlich nahm der erste wieder das Wort und fragte mich in seinem rauhen gutturalen Italienisch, wohin ich denn wolle. Ich: Nach Cettinje. Er, schon sehr argwöhnisch: Um was dort zu tun? Im reinsten Toskanisch, dessen ich fähig bin, bekam er zur Antwort: Was ich will. Er glaubte nicht recht verstanden zu haben und fragte wieder, als ob er schlecht gehört hätte: Um was zu tun? Ich sagte wieder: Was ich will. Und noch einmal wiederholte er seine Frage, ich meine Antwort: Um was zu tun? Was ich will. Und plötzlich, mit einem freundlichen Wink, war ich entlassen. Ist das nicht echt österreichisch, harmlosen Passagieren erst durch unnützes Verhör die Reise zu verleiden, wenn sich dann aber herausstellt, daß sie gar nicht harmlos sind, sondern frech, sogleich Respekt vor ihnen zu haben?

Trau

Nun war aber wirklich kein Gefährt nach Cettinje zu kriegen; es regnete, der Sturm stieß mir ins Gesicht, so beschloß ich, in meinem geliebten Ragusa besseres Wetter abzuwarten. Und erst heute fuhr ich nun wieder nach Cattaro. Zweiter Akt in dieser Tragödie von der dalmatinischen Hebung des Fremdenverkehrs. Ort: Hafen von Gravosa. In Erwartung des Dampfers. Der Morgen glänzt, leise Wellen schweben durch die Bucht, drüben grünen die Kiefern hell. Torpedos und Kriegsschiffe liegen draußen, grau wie Forellen. Ich stehe, mein Gepäck und einen von diesen stillen, geduldigen, gottergebenen Trägern neben mir. Und nichts Verdächtiges war an mir, bis auf den Schädel, den mir der liebe Gott verliehen hat. Da kam plötzlich langsam ein Feldwebel von der Gendarmerie zu mir heran, mit einem großen, offenen, herzensguten Gesicht, und grüßte mich recht freundlich und war sichtlich sehr verlegen, wie jemand, der sich furchtbar geniert. Es half ihm aber nichts, er mußte schließlich doch meinen Paß verlangen. Sehr froh war er, daß ich einen hatte. In meiner Bosheit hätt' ich's ihm gegönnt, keinen zu haben; es fiel mir aber zu spät ein; im ersten Moment regt sich doch stets der ausgezeichnete Staatsbürger, wenn man in Linz geboren ist; auch fuhr schon der Dampfer an. Mit hohen Ehren gab mir nun der Gendarm den Paß zurück, den ich alle die Jahre her in Italien, Frankreich und England niemals gebraucht. Und jetzt Akt drei! In Cattaro hieß es nämlich wieder: Alles verschneit, kein Wagen kommt durch! Und wieder vertröstete mich mein Freund Milo Milosevič, Packträger, Bruder eines Postkutschers und Montenegriner: In ein paar Tagen, vielleicht morgen schon! Aber ich hatte keine Lust, in dem säbelklirrenden Ort mit den aufgezwirbelten Kadetten zu bleiben, und zog es vor, nach Spalato zu fahren. Also ging ich aufs Schiff zurück, da lauerte mir schon das Verhängnis auf. Es bestand zunächst aus einer ganz merkwürdigen, schneehellen Luft, die von solcher Reinheit war, daß alles darin wie frisch gebadet schien; und nun oben der Himmel, unten das Wasser von einem venezianisch unwahrscheinlichen Blau, dazwischen aber das kreischende Kreideweiß des neu gestreuten Schnees in allen Bergen. So jung hatte mir schon lange keine Luft geglänzt; als wär's ein neuer Anfang aller Dinge. Zweitens aber bestand das Verhängnis aus einer Kette von Möven, diesen blitzschnellen, flugfrohen Möven, die hier in der Adria und unten im Mittelmeer oft tagelang den Schiffen folgen. Ein ganzer Zug war's, einige darin aber ganz toll vor Übermut, sich zu regen, wie betrunken von Sonne; und tauchten und stiegen und sprangen und bogen sich und warfen sich und trieben's so arg wie junge Delphine oder lange, lichte Engländerinnen, die Tennis spielen. Und eine, die war gar geheimnisvoll: sie schien's gar nicht nötig zu haben, erst zu fliegen, sondern ganz still hielt sie sich, und der Wind, auf seinem sanften Arm, trug sie. Da war's um mich geschehen. Nichts reizt mich nämlich mehr, als den Vogelflug zu photographieren. Nie gelingt's, drum will ich's immer. Einen Apparat hatte ich mit. Ich soll ja nämlich für meinen Verleger ein Büchl über dieses Land schreiben, um den Menschen in Berlin ein bissel Lust zu Dalmatien zu machen; und da, meint er, wären ein paar Aufnahmen gut. Also: ich stelle den Apparat auf die Möven ein, aber das Schiff stößt. Da sind wir gerade vor Castelnuovo, hier wird nicht gelandet, sondern Boote legen an. Der Dampfer steht, die Möven schweben, eben will ich knipsen, da schreit mir ein Individuum, das wie ein Briefträger aussieht, aus einem Boot herauf in rauhem Deutsch mit rabiaten Gesten zu, nicht die Festung zu photographieren! Ich lache und sage gelassen zurück: »Aber nein, ich will ja bloß die Möven, die Festung ist doch sicher den Italienern längst bekannt, also wozu?« Aber schon bewegen wir uns wieder, ich habe die kleine Möve verloren, nun freut's mich auch nicht mehr. Und den blauen Golf entlang, still auf dem Deck spazierend, genieß ich das Glück des silberweißen Tages und denke nur insgeheim, daß es gar nicht so einfach ist, den Menschen Mut zu Dalmatien zu machen! Und schon biegen wir wieder in die gelinde Bucht von Gravosa, wir landen, siehe, da springt ein aufgeregter Herr aufs Schiff, ein Telegramm in der Hand schwingend: der Polizeikommissär! Mein Pech war nun, daß unser Kapitän mich kannte und dem Kommissär meinen Namen nannte. Und leider war es ein wohlgebildeter und wohlgesitteter, sehr artiger Kommissär (auch das gibt's!), der sich höflich entschuldigte, mir zur Entschuldigung das Telegramm wies, das jener gelb ausgeschlagene Lackl von Castelnuovo dem Spion mit dem Kodak patriotisch nachgeschickt, nur »der Form wegen« meinen Paß zu sehen bat und mir, wohl auch »nur der Form wegen«, den Apparat abnahm, aber baldigst nachzusenden versprach – aber sicher wird die Polizei schlecht »entwickeln«! Schade. Wie schön wär's gewesen, in Ketten über den Stradone zu marschieren! Die besten Gelegenheiten versäumt man. Ernsthaft: wenn ich nun nicht zufällig »einer von der Zeitung« wär', die jeder haßt, aber mit einer solchen Heidenangst davor? Wenn ich ein unbekannter junger Maler wär'? Oder gar ein ehrsamer, lustiger Schneidergesell? Den hätten sie drei Wochen eingesperrt und mit dem Schub nach Haus geschickt.

Ich höre nun liebe Wiener sagen: Muß er denn auch grad jetzt nach Dalmatien gehen, bei den aufgeregten Zeiten? Sie haben ganz recht: man muß nicht. Aber darum handelt es sich ja grad: denn die Dalmatiner möchten doch, daß man muß. Und seit Jahren werden doch in den Ministerien so viele Köpfe gekratzt, dienstlich oder freiwillig, was denn geschehen soll, damit man nach Dalmatien muß! Und wie kann ich den Dalmatinern den Gefallen tun und »in die Zeitung schreiben«, daß hier niemand was von Kriegsgefahr und Aufregung weiß und alles still und friedlich ist, wenn man nicht einmal mehr dem banalen Mädchensport des Kodaks frönen darf, in seinem eigenen Lande nicht? Ja, die Dalmatiner gehen freilich ruhig ihren Arbeiten und Sorgen nach, sie wissen nichts von Lärm und Furcht, sie sind still und friedlich wie sonst, sie schon; das ist schon wahr. Aber die Polizei macht das Land unsicher. Und da hab' ich's: Ich muß in diesem Satze nur Verwaltung noch für Polizei einsetzen, und er drückt vollkommen das Gefühl aus, das mir in Dalmatien nicht von der Seite geht. Die Verwaltung macht Dalmatien unsicher, das ist es. Seit Jahren reise ich hier und muß mich immer wieder fragen, was denn so bang und schwer hier auf allen Menschen und allen Dingen liegt. Und eigentlich kommt's mir immer mehr und mehr so vor: Wir haben dieses Land inne, wir halten es besetzt und bewacht, aber wir eignen es uns noch immer nicht an, dafür tun wir nichts. Wir eignen es uns nicht an, denn dazu gehörte Vertrauen bei beiden; und Vertrauen hat keins. Das Verhältnis ist: dem Dalmatiner ist von vornherein alles verdächtig, was von der Regierung kommt, und der Regierung ist von vornherein alles verdächtig, was der Dalmatiner will; und trifft es sich zuweilen einmal, daß beide dasselbe wollen, so kriegen beide Angst, und beide denken, daß sie sich geirrt haben müssen! Die Regierung sagt, sie will das Beste. Möglich. Die Dalmatiner sagen auch, sie wollen das Beste. Höchst wahrscheinlich. Und dieses Beste, wovon in einem fort geredet und worüber in einem fort geschrieben wird, warum geschieht es nie? Weil die Regierung meint, es müsse von ihr aus geschehen, nach ihrer Wohlmeinung und als eine Belohnung sozusagen, die sich die Dalmatiner erst durch artige Sitten zu verdienen hätten. Und weil die Dalmatiner verlangen, daß es durch sie selbst geschehe, durch ihres eigenen Volkes Kraft und nach seinem Bedürfnis und als sein Recht. Darum bleibt, was immer man in Wien für Dalmatien »erlassen« mag, die Stimmung im Lande stets: Timeo Danaos et dona ferentes. Man muß in alten Memoiren nachlesen, aus der Zeit, als wir noch in Oberitalien saßen. Auch da sind wir immer Danaer geblieben. Und unsere Verwaltung macht überall immer doch die alten Dummheiten wieder!

Sonst wenn ich nach Dalmatien kam, war ich auf den Zufall angewiesen, mir in den Gassen die Stimmungen der Menschen zu erhorchen. Diesmal haben es mir Empfehlungen erleichtert, die ich dem Grafen Ivo Vojnovič, dem großen kroatischen Dichter, verdanke; sie schlossen mir manches gastliche Haus auf. Nun sind mir diese scheuen, ernsten, schwermütigen Menschen erst recht ins Herz gedrungen! So traurig sind sie, so preisgegeben und ausgesetzt fühlen sie sich, mit ihrer tiefen Liebe zur Heimat. Und immer dieselbe Klage: Niemand will uns anhören, man traut uns nicht, wie in feindlichem Land hausen sie mit uns! Und überall hat man mir dieselbe Geschichte wieder erzählt: wie vor ein paar Jahren der Stadt Ragusa, weil einmal in ihren Straßen auf den durchfahrenden Prinzen Danielo von Montenegro zu stark Hoch gerufen wurde, strafweise ein Bataillon entzogen worden sei, »strafweise, als wären wir unartige, schlimme Buben!« Noch klingt mir immer der dunkle, schamverhüllte Ton zorniger Kränkung im Ohr, in dem mir's alle erzählten: Wie schlimme Buben, die man in den Winkel stellt! Und darum geht schließlich alles: sie wollen nicht von Wien »erzogen« werden, sie fühlen sich reif, sich selbst zu erziehen, ihr eigenes Leben wollen sie haben, ihrer eingeborenen, angestammten Art gemäß! Und dann rücken sie an einen ganz nahe heran, und die mandelförmigen, samtenen Augen glänzen ihnen, und, kindisch-treuherzig, beteuern sie, es sei wirklich nicht wahr, daß sie Hochverräter sind, nur ihr schönes Land möchten sie für sich haben.

Agaven

Noch eine Geschichte haben mir alle gerne erzählt. Als der Kaiser Franz einst nach Ragusa kam, gefiel ihm eine Straße sehr. Und er hörte: Die haben die Franzosen gemacht! Und dann gefiel ihm eine Brücke. Und er hörte: Die haben die Franzosen gemacht! Und noch manches gefiel ihm. Und immer hörte er: Das haben die Franzosen gemacht! Bis er endlich sagte: Schad', daß s' nicht länger da blieben sind, die Franzosen! So sprach der staatsmännische Kaiser Franz.