Übrigens, wenn die Ragusaner Polizei noch weiter nett mit mir sein wird, mir meinen Apparat unversehrt wiedergibt und den Film nicht verdorben hat, will ich mich revanchieren und ihr raten, wie sie sich noch patriotischer betätigen kann: Sie soll doch auch die Ansichtskarten der Bocche konfiszieren!
Einstweilen aber sinne ich nach, wie ich's anstellen soll, um wieder Lust zu kriegen, den Leuten Lust zu Dalmatien zu machen.
Diese Schilderung meines Dalmatinischen Abenteuers war dem jungen Herrn von Chlumecky gar nicht recht, und er ließ sich darüber in der Österreichischen Rundschau vom 15. März also vernehmen:
»Hermann Bahrs Dalmatien.
Dem Lande Dalmatien ist großes Heil widerfahren: Hermann Bahr hat es entdeckt. Jetzt wird das Aschenbrödel Österreichs bald eine reiche Prinzessin werden, denn Hermann Bahr sinnt darüber nach, wie er »wieder Lust bekommen könnte«, den Leuten Lust zu Dalmatien zu machen. Wie er uns selbst sagt, soll er über seines Verlegers Wunsch ein »Büchel« schreiben, um Stimmung für Dalmatien zu machen. Es scheint nicht, daß es dem Verleger wirklich darum zu tun ist, gerade dieses Ziel zu erreichen. Der Ruf eines Landes muß schon wohl begründet sein, um Hermann Bahrs zersetzenden Kritiken standhalten zu können. Schon in dem Präludium[*] zu seinem »Büchel« bleibt uns die ätzende Lauge seines Spottes nicht erspart. Sie ergießt sich wie gewöhnlich über die Verwaltung Österreichs. Diese hat freilich ein schweres Vergehen begangen. Hat es gewagt, Herrn Bahr nach seinem Paß zu fragen und ihm den Kodak abzunehmen, als er in einem Festungsrayon lustig darauf losknipste. Die böse, vom Polizeigeist Metternichs durchdrungene Verwaltung! Sie unterfängt sich am Vorabend eines Krieges in einem von Spionen durchkreuzten und von Feinden umlauerten Lande den Fremdenverkehr ein bißchen zu überwachen. Und nun gar die Kodakaffäre! Freilich: In Malta oder Villefranche oder Spezia wie in jedem Kriegshafen oder anderen Orte des Auslandes, in dem wichtige Festungen sich befinden, wäre Hermann Bahr einfach arretiert worden. Selbst dann, wenn es dort keinen Kriegslärm gegeben und vielleicht auch dann, wenn er gar nicht photographiert hätte, sondern mit seinem Kodak bloß spazieren gegangen wäre. Selbst der Kaiserin Eugenie ist einmal ähnliches widerfahren. Im Auslande kennt man eben in solchen Dingen keinen Spaß, und Hermann Bahr verdankt es nur unserer Gemütlichkeit, wenn es ihm dabei so glimpflich ergangen ist.
Wer ihn hört, muß freilich glauben, daß in Dalmatien das türkische Spitzelsystem herrsche. Ausnahmezustände und Ausnahmezeiten werden als Regel dargestellt und so dem ahnungslosen Publikum für immer die Lust benommen, nach Dalmatien zu reisen. Das kleine »Abenteuer mit dem Kodak« scheint Herrn Bahrs objektiven Blick getrübt zu haben, denn auch die Wiedergabe seiner sonstigen Beobachtungen läßt das unbefangene Urteil missen. Studien, die bei einer hastigen Eilfahrt längs der Küste des Landes betrieben wurden, scheinen den Beobachter zu befähigen, ein Urteil zu fällen, welches klarer und treffsicherer sein soll als jenes von Beamten und Offizieren, die jahre- und jahrzehntelang im Lande leben, es von Nord nach Süd und bis tief ins Innere durchstreiften, dabei tagtäglich mit der Bevölkerung in innigsten Kontakt kamen, und die heute alle es noch wagen, anderer Meinung zu sein als Hermann Bahr. Das eben ist der Vorzug des Genies. Es erfaßt alles auf den ersten Blick und kann aus einigen hie und da aufgelesenen Andeutungen ein ganzes System ausklügeln. Schade nur, daß die Quellen, aus denen Herr Bahr geschöpft, vielleicht etwas trüb, die Ansichten, die er zu hören bekommen, recht einseitige waren. Man darf nicht vergessen, daß Ragusa seit Jahren der Brennpunkt der großserbischen Bewegung ist, welche gerade die Intelligenz der Stadt erfaßt hat. Es scheint, daß Hermann Bahr in Kreise gelangt ist, die man nicht konsultieren darf, wenn man über Österreichs Wirken in Dalmatien die Wahrheit wissen will. Dies gibt uns den Schlüssel für seine ganz eigenartige Auffassung der Dinge. »Die Polizei macht das Land unsicher.« Gewiß, unsicher für jene, welche »still und friedlich« ihre – hochverräterischen Pläne mit Cettinje und Belgrad weiterspinnen wollen, unsicher für jene, welche großserbischen Ideen nachjagen. Diese »scheuen und schwermütigen Menschen« Hermann Bahrs, die seit Jahrhunderten ein mit faszinierender Liebenswürdigkeit verbundenes diplomatisches Auftreten einander vererben, haben auch andere als Herrn Bahr über ihre wahren Ziele und Absichten getäuscht. Mit etwas mehr Gründlichkeit würde aber Hermann Bahr dessen gewahr werden. Er würde die ihm so unschuldig erscheinende Demonstration für den Fürsten Danilo in ihrer Bedeutung einschätzen lernen, würde erfahren, daß hinter dem Glanz dieser »mandelförmigen, samtenen Augen« sich Hoffnungen verbergen, deren Kühnheit sein Erstaunen und vielleicht auch sein Befremden erregen dürften.
Und noch einen anderen Irrtum begeht Bahr, indem er meint, man brauche nur der eigenen Kraft des Volkes freien Lauf zu lassen, um Dalmatiens wirtschaftliche Lage zu bessern. Es ist wahr: Österreich hat an Dalmatien jahrzehntelang schwer gesündigt, aber gerade dadurch, daß es von der Initiative der Bevölkerung immer erwartet hat, was dieser ohne Anregung von außen besonders schwerfallen wird: sachliche, ruhige Arbeit. Die Kräfte des Dalmatiners sind durch seine politischen und nationalen Kämpfe, welche ihn mehr fesseln als jedwede andere Betätigung, so sehr gebunden, daß sie auf keinem anderen Gebiete mehr zu voller Entfaltung gelangen können. Daher erwartet der Dalmatiner jeden Impuls, und mehr als das, jede praktische Tätigkeit zur wirtschaftlichen Hebung des Landes immer nur von der Regierung. Die Intelligenz Dalmatiens treibt Politik und übt Kritik an der Regierung und ihren Maßnahmen. Der Verwaltung wird die Aufgabe zugewiesen, dem Volke Arbeitsgelegenheit zu schaffen, für die materiellen Bedürfnisse des Landes zu sorgen. Und eben dadurch haben die Regierungen Österreichs gefehlt, daß sie jahrzehntelang darauf warteten, daß dieses durch den Dalmatiner selbst geschehe. Damals, als die Verwaltung keine Anregung zu geben wußte, da wurde sie in Dalmatien als indolent verschrien. Heute, wo die Regierung die wirtschaftliche Wiedergeburt des Landes selbst herbeiführen will, wehren sich die Dalmatiner gegen die fremde Einmischung. Herr Bahr möge uns den Weg weisen, wie wir es anstellen sollen, um diesen einander widersprechenden Wünschen und Beschwerden gerecht zu werden. Solange er uns kein anderes Rezept zu geben weiß, halten es viele für das beste, Dalmatien wie eine Kolonie zu verwalten, in die man erst alles von außen hineintragen muß. Alles: Kapital, Menschen, Impulse und Ideen.«
[*]: »Neue Freie Presse« vom 2. März 1908.