Ich lasse mir nun ja viel gefallen, aber doch nicht, daß der junge Herr von Chlumecky den Retter Dalmatiens spielt; ich weiß zu gut, womit er seine Zeit in Ragusa zugebracht hat. Ich bat also den Regierungsrat Glossy zum Telephon, den Herausgeber des Blatts, um anzufragen, ob ich antworten könnte. Er war einverstanden und so schrieb ich ihm am 19. März:

»Sehr verehrter lieber Herr Regierungsrat! Im letzten Hefte Ihrer Rundschau macht sich Herr Baron Chlumecky der Jüngere das Vergnügen, meine Meinungen über Dalmatien mit Ironie zu behandeln. Ich könnte ihm das vergelten. Ich könnte ja zum Beispiel erzählen, wie man über ihn in Dalmatien denkt; man kennt ihn dort und weiß manches von ihm. Doch handelt es sich hier weder um ihn noch um mich, nicht um Personen, sondern um die Sache, um Dalmatien. Ich kenne Dalmatien und die Dalmatiner seit Jahren, nicht bloß vom Eildampfer aus, ich liebe das Land und die Leute, sie tun mir sehr leid, und ich habe nachgedacht, ob es denn nicht möglich wäre, aus Dalmatien ein österreichisches Land zu machen. Jetzt, kommt mir vor, ist es dies keineswegs, sondern es wird von uns nur mit Waffengewalt besetzt gehalten. Und wir werden es uns, kommt mir vor, so lange nicht innerlich aneignen, als wir zu den Dalmatinern und sie zu uns kein Vertrauen haben. Nach meinen Erfahrungen zeigt aber die österreichische Verwaltung den Dalmatinern kein Vertrauen und sie verdient von ihnen keins. Mein Eindruck ist alle die Jahre her dort immer derselbe gewesen: ein armes, stilles, treues, aufrichtiges und gehorsames Volk, das sich in seiner Not gar nichts Besseres wünschen möchte, als gut österreichisch sein zu können, wird durch Unverstand, Willkür und Rechtlosigkeit gepeinigt, als sollte ihm gewaltsam sein österreichisches Gefühl ausgetrieben und es vorsätzlich zum Hochverrat gezwungen werden. Da man nun damit bisher nichts erreicht hat als Verwirrung, Argwohn und Haß im ganzen Land, wäre ich dafür, es jetzt einmal mit Vernunft, Wohlwollen und Gesetzlichkeit zu versuchen. Probeweise könnten ja, zunächst etwa bloß für ein Jahr, Vernunft, Wohlwollen und Gesetzlichkeit in Dalmatien eingeführt werden, und man könnte dann eben abwarten, was aus den Dalmatinern werde, wenn sie sich einmal wohl fühlen. Das ist meine Meinung über Dalmatien. Sie kann natürlich falsch sein. Aber es kann ja auch die Meinung des Herrn Chlumecky falsch sein. Das können wir beide nicht wissen. Wollen wir in Dalmatien darüber abstimmen lassen, wer von uns beiden recht habe? Ich bin's bereit. – Übrigens weiß ich sehr wohl, daß Dalmatien fremde Hilfe braucht, darin hat Herr Baron Chlumecky sicher recht. Ich habe nur noch nicht bemerkt, daß es sie je von Wien bekommen hätte. Weshalb ich schon voriges Jahr einmal in der Neuen Freien Presse vorschlug, Dalmatien sollte doch, da ja wir nichts dafür tun, einer Berliner G. m. b. H. übergeben werden, und erst neulich noch im Berliner Tageblatt über Dalmatien unter dem Titel schrieb: Um Berliner wird gebeten! Ich sagte da meinen Berliner Freunden: Dalmatien braucht Geld, das größte Geschäft wäre dort zu machen, Österreich unterläßt es, also macht ihr es doch! Da es am Ende ja wirklich gleich sein kann, woher Geld in das verlassene Land kommt. Wenn Herr Baron Chlumecky eins bringt, solls ebenso willkommen sein. Er will ja »kolonisieren«. Nur zu! Alles, alles soll durch ihn ins Land gebracht werden, »Kapital, Menschen, Impulse, Ideen!« Nur zu! Aber wenn er schon »alles, alles« in Dalmatien importiert, wüßte ich ihm noch etwas, was er auch mitbringen könnte: ein bißchen Gerechtigkeit, oh, einen einzigen Tropfen nur, einen einzigen kleinen Tropfen Gerechtigkeit für den ersten Anfang.«

Spalato, Porta aurea

Aber ich mußte dem verehrten Regierungsrat noch ein zweites Mal schreiben, nämlich folgendes: »In der Österreichischen Rundschau vom 15. März hat sich Herr von Chlumecky über mein in der Neuen Freien Presse vom 2. März erschienenes Feuilleton, »Dalmatinisches Abenteuer« ausgesprochen. Telephonisch wurde dann zwischen Ihnen und mir vereinbart, daß ich in Ihrer Zeitschrift antworten könnte. Zehn Tage, nachdem meine Antwort an Sie abgegangen war, wurde ich von Ihrer Redaktion verständigt, das Manuskript sei auf eine unbegreifliche Weise in Verlust geraten; dies mit der Bitte, eine Kopie des Manuskripts einzusenden, mit dem Bedauern, daß es nun leider für die Nummer vom 1. April zu spät sei, und mit der Versicherung, den Brief im zweiten Aprilheft abzudrucken. Dieses zweite Aprilheft ist am 9. ausgegeben worden und enthält meinen Brief nicht. Ich überlasse es Ihrem Urteil, sehr verehrter Freund, ob dies unseren journalistischen Sitten entspricht.«

Er antwortete mir: »Ich habe mir am 2. April erlaubt, Ihnen mitzuteilen, daß ich Ihre Erwiderung Herrn Baron Chlumecky mitgeteilt habe und hoffentlich in der Lage sein werde, Ihnen recht bald Nachricht zu geben. Von meinem Osterausfluge zurückgekehrt finde ich sowohl ein Schreiben des Herrn Baron Chlumecky als auch Ihre werte Zuschrift vom 13. d. M. vor. Herr Baron Chlumecky schrieb mir, daß man gerne Ihre Stimme in einem sachlich begründeten Artikel, worin die Bedenken der dalmatinischen Verwaltung erörtert und Vorschläge zu deren Verbesserung gemacht werden, hören würde. Mit Ihrer Erwiderung könnte er sich nicht einverstanden erklären. Ich möchte Sie also bitten, hiervon Kenntnis zu nehmen und dem Vorschlage des Herrn Baron Chlumecky zu entsprechen. Ich habe Ihnen bereits mitgeteilt, daß wir Herausgeber uns in die Arbeit geteilt haben und daß der politische Teil unserer Zeitschrift in das Arbeitsgebiet des Herrn Baron Chlumecky fällt. Ich würde mich ungemein freuen, endlich einmal einen Beitrag aus Ihrer Feder für unsere Zeitschrift zu erwerben. Sie können sich auch denken, daß mir bei der besonderen Sympathie für Ihre Person diese Episode sehr unangenehm ist, und ich hoffe, daß Sie mit Rücksicht auf Ihre mir sooft bewiesene freundschaftliche Gesinnung auch diesmal entgegenkommen werden. Ich bin auch der Meinung, daß bei Vermeidung jeder Spitze der Effekt weit kräftiger und nachhältiger sein wird.«

Worauf ich dem verehrten Regierungsrat noch ein drittes Mal schrieb, nämlich so: »Es tut mir sehr weh, Sie in dieser Gesellschaft zu sehen. Ihre Redlichkeit kennend, weiß ich ja, wie schwer es Ihnen geworden sein muß, das Gebot des journalistischen Anstands zu verleugnen.«