An Nikolaus Nardelli, den Statthalter von Dalmatien, schrieb ich am 9. März:

»Sehr geehrter Herr Statthalter! Um über Dalmatien, das ich seit Jahren kenne, für einen Berliner Verleger ein kleines Buch zu schreiben, bin ich nun wieder einige Zeit dort gewesen. Dabei wurde mir in Spalato von Leuten, die durchaus mein Vertrauen haben, immer wieder ein Vorgang erzählt, der sich vor ganz kurzer Zeit abgespielt haben soll, der mir fast unglaublich vorkommt, der mir aber von allen mit einer solchen Heftigkeit beteuert wird, daß ich ihn nicht werde verschweigen können. Doch will ich nicht von ihm sprechen, ohne zuvor Ihre Äußerung eingeholt zu haben, da Sie, sehr geehrter Herr Statthalter, mir überall als ein gründlicher Kenner und der ehrlichste Freund Dalmatiens bezeichnet werden und ich für Sie, für Sie persönlich, keineswegs für Ihre Organe, die allergrößte Hochachtung hege. Erzählt wird allgemein, daß vor einigen Monaten eine allgemeine Entwaffnung angeordnet und dann in der Umgebung von Spalato bei den Bauern nach Waffen gesucht worden sei. Nun besteht das einzige Erbe dieser armen Leute in altertümlichen Gewehren, Pistolen oder Handsäbeln, die von ihren Ahnen den Türken abgenommen worden und von Geschlecht zu Geschlecht als kostbare Andenken an eine größere Zeit in den Familien aufbewahrt geblieben sind. Es ist ganz unzweifelhaft, daß solche längst unbrauchbar gewordene historische Geräte keine »Waffen« im Sinne des Gesetzes sind. Und wären sie es, so müßte doch jedenfalls der Ordnung gemäß verfahren und dem Eigentümer mitgeteilt werden, was mit den »Waffen«, die man ihm konfisziert hat, denn eigentlich geschieht, wohin sie gebracht worden und wo sie bleiben. Erzählt wird aber, daß man dies unterlassen, den Bauern ihr Eigentum einfach weggenommen und es verschleudert habe. Meine Vertrauensmänner pflegen diesen Bericht mit der Bemerkung zu schließen, daß man seitdem bei vielen Beamten und Offizieren merkwürdig reiche Sammlungen kostbarer alter dalmatinischer Waffen finde. Meine Vertrauensmänner stehen nicht an, dies als einen »amtlichen Raub« zu bezeichnen. Ich wäre Ihnen, sehr geehrter Herr Statthalter, außerordentlich verbunden, wenn Sie die große Güte hätten, mich darüber mit einigen Worten aufzuklären.«

Als ich dem Hofrat Burckhard von diesen merkwürdigen »Entwaffnungen« berichtete, sagte er: »Sie dürfen nur nicht glauben, daß dies etwas Neues oder etwas besonders Dalmatinisches sei, nein, es ist gute alte österreichische Tradition.« Und er erzählte mir, wie er als Bub daheim einst ein verrostetes altes Schießgewehr fand und sein Vater, als er ihn damit spielen sah, in argen Zorn geriet, weil dieses Schießgewehr nämlich früher eine wunderschöne Flinte gewesen war, die 1849, bei der allgemeinen Entwaffnung, abgeliefert werden mußte; und als dann später die konfiszierten Waffen ihren Eigentümern zurückgegeben wurden, siehe! da hatte die kostbare Flinte sich in ein wertloses Schießgewehr verwandelt. Es gab also schon damals solche Sammler und die dalmatinische Verwaltung hält sich an ein altes Gewohnheitsrecht.

Auf meinen Brief an den Statthalter in Zara kam zunächst an mich ein Brief aus Spalato. Einer meiner Freunde dort hatte erfahren, was ich an den Statthalter geschrieben, ferner daß darauf der Statthalter bei der dortigen Bezirkshauptmannschaft angefragt, und endlich, was die Bezirkshauptmannschaft dem Statthalter geantwortet und was nun also der Statthalter mir antworten werde. Dies alles schrieb mir der Freund, und es machte mir Spaß, die Antwort des Statthalters früher zu wissen als er selbst. Ich dachte einen Moment daran ihm zu schreiben: »Sehr geehrter Herr Statthalter! Auf meinen Brief vom 9. d. M. werden Sie mir antworten, daß usw. Ich erlaube mir darauf im voraus zu erwidern, daß usw.« Aber das hätte ihn am Ende geärgert.

Der Statthalter antwortete mir am 30. März aus Zara:

»Euer Hochwohlgeboren! Wiewohl mir die von Euer Hochwohlgeboren erwähnten Gerüchte über das Verschwinden amtlich konfiszierter Waffen wenig glaubwürdig vorkamen, habe ich hierüber Erhebungen einleiten lassen, aus welchen ich entnehme, daß die letzte Entwaffnung im Bezirke Spalato im Jahre 1898 erfolgte. Die damals konfiszierten Waffen befinden sich ausnahmslos noch gegenwärtig in Verwahrung der Bezirkshauptmannschaft. Die Euer Hochwohlgeboren erteilten Informationen über ein Abhandenkommen einzelner derselben muß ich demnach als ganz unrichtig bezeichnen. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ergebener Nardelli.«

Ich schrieb darauf an ihn noch diesen Brief: »Sehr geehrter Herr Statthalter! Nehmen Sie, sehr verehrter Herr Statthalter, meinen allerbesten Dank für Ihre so freundlichen Bemühungen und Ihr liebenswürdiges Schreiben vom 30. März. Was die Sache selbst betrifft, die ja auch mir »wenig glaubwürdig« verkommt, so sind mir inzwischen hierzu noch folgende Daten angegeben worden: ›Zu Weihnachten 1908 wurden bei der Entwaffnung des Dorfes Otok im politischen Bezirke Sinj den Bauern mehrere sehr schöne, kostbare, antike Nationalwaffen genommen, welche die Bauern bei dem jährlichen, am 15. August stattfindenden historischen »Alka«-Pferderennen als Schmuck tragen. So wurde dem Dorfvorsteher von Otok, Luka Milanovič-Litre des ver. Luka, zwei mit Silber beschlagene sehr alte Gewehre und ein gleichfalls mit Silber beschlagenes und mit sehr kostbaren Steinen besetztes Handjar-Messer genommen. Diese Waffen waren schon über 150 Jahre im Besitze der Familie Milanovič.‹ So steht nun Behauptung gegen Behauptung. Nochmals bestens dankend, bin ich, sehr geehrter Herr Statthalter, Ihr aufrichtig ergebener H. B.«

Darauf erhielt ich vom Statthalter keine Antwort mehr, wohl aber erschien in der Spalatriner »Sloboda« vom 18. Juni folgender Aufsatz:

»Hermann Bahr für Dalmatien.

Als Hermann Bahr den verflossenen Winter in Dalmatien zubrachte, fragte er uns, da er sich für die Landes- und Volksverhältnisse sehr interessierte, unter anderem, weshalb unsere reichen und altertümlichen Volkswaffen immer mehr verschwinden, so daß sie heute zu einer Seltenheit im Lande geworden sind.