Drut
... den österreichischen Roman zu schreiben, das Buch, in dem nicht einzelne Typen, sondern der gesamte Komplex von verknöcherten Traditionen, kampfbereiten Expansionsgelüsten, innerem Parteihader, still arbeitenden politischen Gewalten, von Liberalismus und Demagogentum, von ehrfürchtiger Kaisertreue und scheelem Zynismus, von müde gewordenen Hoffnungen und machtdurstiger Geschäftigkeit, in dem dieser Komplex von mehr fühlbaren als faßbaren Dingen lebendig würde und dies in der spezifisch weichen, lebensfrohen Atmosphäre Österreichs – dieses Buch zu schreiben gelang erst heute Hermann Bahr in seinem eben erschienenen Roman »Drut«... Es wird Leute geben, die sich an diesem allzu frischen Zusammenhang des Bahrschen Romans mit realen Ereignissen stoßen werden. Sie werden das Buch lesen müssen, um zu sehen, wie ein Künstler den Einzelfall ins große Allgemeine, Typische zu weiten weiß. Mit welch tiefer Seelenkunde, mit welch warmem Verstehen und namentlich mit welch unglaublicher Lebensechtheit die Menschen hier gestaltet sind. Und wie in ihr Tun alle Probleme und alle Mächte des heutigen Österreich hineinspielen, wie greifbar die österreichische Landschaft hineingrüßt – und sie werden dann bewundernd zu der Höhe der Kunst hinaufsehen, zu der sich Bahr durch so vielerlei Wandlungen emporläuterte.
(Pester Lloyd)
... So bekommen wir auch in diesem Roman, der, künstlerisch gemessen, eines seiner bedeutendsten und vollkommensten Werke, ein österreichischer Roman im besten Sinne des Wortes, ein wundervoll lebendiges Bild unserer Zeit ist, doch auch manchen prächtigen Essay, manche treffende Abhandlung über soziale und ethische Fragen zwischendurch zu lesen. – Bahr will eben nicht bloß unterhalten, sondern auch überzeugen. Er ist Bildner und Lehrer, Prophet und Dichter zu gleicher Zeit. Sein Roman ist in diesem Sinne auch ein politisches Buch. Und es ruft nicht bloß – wie sonst meistens Romane – Frauen und Jünglinge, sondern auch und vielleicht vor allem Männer zu seinen Lesern herbei. Männer, die dieses Österreich lieben wie Bahr selbst und denen Österreichs Zukunft am Herzen liegt.
(Neue Freie Presse, Wien)
Die Rahl
Hermann Bahr hat einen neuen Roman geschrieben: »Die Rahl«. Aus dem Theaterleben, dem Bahr schon so viel psychologische Beute verdankt. Diesmal steht eine große Tragödin in der Mitte und neben ihr ein kleiner Schuljunge, ein Gymnasiast. Die Rahl lebt im Leben nur ein Scheindasein, ihr inneres und echtes Leben lebt sie auf dem Theater; der arme kleine Junge neben ihr darf eine Nacht lang ihr Genosse sein, und da der Gymnasiast in der Wirklichkeit steht, kann er es nicht begreifen, daß die Künstlerin die große Stunde so rasch vergessen konnte. Am Ende, da der Jüngling von den Bedienten der Rahl nicht mehr vorgelassen wird, dringt er in seinem knabenhaften Mut bis zu dem Grafen, dem Gatten der Tragödin, vor, um ihm alles zu »enthüllen«. Das ist eine von delikatestem Witz eingegebene Szene. Dieser bebende kleine Junge, der mit der Romantik seiner sechzehn Jahre vor einem vom Leben durchgegerbten, aus Notwendigkeit milde gewordenen Gatten steht, nun von dem vermeintlichen »Unterdrücker« die Geliebte fordert, und als Antwort nur ein sehr gütiges, nachsichtiges Lächeln empfängt! Ich wüßte nicht, welcher Deutsche außer Hermann Bahr eine ähnliche Szene schreiben könnte. Diese aus seelischem Wissen entspringende Lustspielstimmung gehört nur ihm. Wo ist denn ein anderer Deutscher, dessen Humor aus psychologischem Untergrund kommt? Der Roman ist mit einigen sehr scharfen Silhouetten aus der Mittelschulwelt geschmückt, und besonders in Wien wird das angedeutete Porträt des »kleinen Beer«, des jüdischen Revolutionärs im Obergymnasium, von Hunderten Jünglingen als das eigene Bild angesehen werden.
(Wiener Arbeiterzeitung)