Der Staat an sich würde in Starrheit verknöchern, im Flußbette des Verkehrs versanden, wenn seine Rechtsformen nicht beständig zur Verjüngung aufgerufen, zu neuem Leben für die Autorität des Staates und die Allheit der Menschen umgestaltet werden. Das ist das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Staat.

Und dieses Verhältnis durchzieht auch die gesamte Geschichte Altisraels. Im ganzen Mosaismus verschlingt sich der Sozialismus mit den Instituten von Recht und Staat. Und der ganze Prophetismus verschärft diesen innerlichen Gegensatz dieses Weltalters.

82. So mußte der Prophetismus eine scharfe Stellung nehmen zu der Frage: wie die Armut, die die Propheten gemäß ihrer Sozialpolitik als das eigentliche Menschenleid erkannten und exemplifizierten, mit der Gerechtigkeit Gottes in Einklang zu bringen sei. Die alte mythische Anschauung von der Vererbung der Schuld auf die Geschlechter mußte zerschellen an der neuen Lehre von der individuellen, persönlichen Sünde. Diese aber konnte nicht aufrechterhalten werden als Grund der Armut, wenn dagegen der Reiche als der Schuldlose betrachtet werden müßte: der vielmehr als der Inhaber und Verüber der Gewalt gebrandmarkt werden muß. Wo gab es einen Ausweg für dieses Dilemma, wenn die Differenz zwischen arm und reich ebenso stark empfunden wurde, wie die zwischen schuldig und unschuldig?

83. Da wurde es nun entscheidend für die ethische Echtheit des Monotheismus, daß die Propheten, und nach ihnen die Psalmendichter zu einer Konsequenz sich erkühnten, die nur auf ihren Prämissen sich aufbauen konnte. Sie traten auch hier dem Mythos entgegen und schlossen umgekehrt: der Arme ist unschuldig: er leidet unschuldig. Das Leiden ist nicht Strafe; sonst wäre Armut Strafe, und Reichtum Tugend und Tugendpreis. Hingegen ist vielmehr die Armut das Wahrzeichen der Frömmigkeit.

84. Die hebräische Sprachwurzel für arm leistete diesem grundlegenden Gedanken Vorschub. Arm bedeutet ursprünglich bedrückt, und gedrückt bedeutet auch demütig. Demut aber ist die Tugend des Armen, das Kennzeichen des echten Menschenleids. Diese Bedeutung läßt sich aber auch in dem hebräischen Worte für fromm erkennen. So werden die Armen zu den Frommen und die Frommen zu den Armen.

Und damit wird die Frage hinfällig nach der Schuld der Armen an ihrem Leide; denn sie haben keine Schuld: sie sind die Frommen. Die Frage geht daher von den Armen über auf Gott: wie kann Gott das Leid der Frommen verantworten? Diese Frage aber war ja auch ohne soziale Einsicht schon früher gegen Gott gerichtet worden: wie kann es dem Gerechten schlecht ergehen?

85. So bildet die Theodizee den Angelpunkt in der Entwicklung des Monotheismus. Diese Frage, wie sie sich über viele Literaturgruppen ausbreitet, erweist ihre hohe Bedeutung; die Frage selbst hat ihre Bedeutung, abgesehen von ihrer Lösung. Denn wie sollte eine befriedigende Antwort auf diese Frage möglich sein? »Willst du die Ferne Gottes finden, und zum Ende der Allmacht hingelangen?« So erklärt Hiob, gleichsam aus dem Gesichtspunkte der Metaphysik, die Frage für unlösbar. Aber ethisch kann sie um so mehr lösbar werden, und aus der Ethik heraus auch das Walten Gottes erhellen.

86. Der Prophetismus hat selbst auch eine Antwort versucht, die mehr nach der Metaphysik hin zu liegen scheinen könnte. Er hat sie aus dem Gesichtspunkte des Messianismus stellen müssen, und demzufolge auf die Völker, anstatt nur auf die Individuen, die Frage gerichtet. Auf diese Lösung wollen wir hier noch nicht eingehen. Sie bildet vielleicht ein Grundkapitel in aller Philosophie der Geschichte: das Leiden eines Volkes für ein anderes oder für andere Völker, für deren Kulturarbeit in der Weltgeschichte, wobei freilich vorbehalten bleibt, daß das Leiden des einen Volkes nicht minder als Kulturarbeit für den Sinn und Wert der Weltgeschichte gelten müsse.

Stellen wir uns nun auf den Standpunkt der neugewonnenen Einsicht, daß die Armen die Frommen, also die idealen Menschen seien: welches Entsetzen muß uns bei diesem Gedanken erfassen. Kann es uns genügen und beschwichtigen, wenn wir hören, und selbst wenn wir Einsicht und Überzeugung davon gewinnen, daß diese als widerwärtigste Differenz erscheinende Identität im Plane der göttlichen Vorsehung liege? Was kann alle theoretische Einsicht helfen gegenüber der Tatsache, vor die unser sittliches Gefühl, unser sittliches Urteil gestellt wird, daß die Armen die Frommen seien? Mögen immerhin die Reichen in ihren Gütern schwelgen; das sollte mich weniger anfechten; wenn nur nicht die Frommen bittere Not litten; wenn nur nicht die Armen die geschichtlichen Bürgen der Sittlichkeit wären!

87. Eine epochemachende Wendung mußte hier eintreten. Wir sind vom Gebote der Nächstenliebe her an den Gedanken gewöhnt, daß der Nebenmensch ein Mitmensch sei. Und so auch nehmen wir das Gebot der Liebe als eine selbstverständliche Pflicht hin. Indessen ist weder der Mitmensch, noch gar die Liebe zu ihm eine selbstverständliche Regung des menschlichen Bewußtseins. Hier stehen wir vielleicht, wie am Dornbusch, an der heiligen Stätte, an der der Begriff des Mitmenschen und der Begriff der Menschenliebe aufging.