Zur Heimat wird uns die Natur durch das, wodurch auch die Welt der Kunst dem Eingeweihten zu einer Heimat im geistigen Sinne wird: dadurch, daß wir mehr und mehr ihre Linien und Formen, ihre Farben und Glanze, ihren Duft und Klang und alles, wodurch sie an unsere Sinne brandet, als eine Sprache verstehen lernen, die der Ausdruck eines allem Lebenden und auch uns verwandten Wesens ist. Dieses Verstehenlernen beginnt bei der einfachen Entdeckerfreude des Hirtenknaben, der Jahr für Jahr seine Eichenwälder am Rande der Äcker in gleichen dunklen Formen rauschen, die gleichen Wolken und Wetter in großen Rhythmen darüber hinziehen sieht, dem die Ahnung aufgeht, daß hier ein geheimer lebendiger Wille alljährlich bestimmte, nicht willkürliche Lebensversuche den feindlichen toten Elementen entgegenschickt; und daß er selber mit Leben und Tod ein Ring in dieser Kette, ein Ton in diesem Lied ist, unlösbar und glückhaft mit diesem Ganzen verbunden. Es gipfelt — über die stammelnden Versuche von Dichtern und Malern hinweg — in der sorgsam unermüdlichen Arbeit eines Ringes von Wissenschaften, alle Einzelheiten, die zusammen das Bild dieser Planetenoberfläche bilden, festzustellen, in ihre Teile und Teilesteile zu zerlegen, ihre notwendigen und zufälligen Zusammenhänge zu zergliedern, ihrer Ursache und Folge nachzugehen und eine Sprache dafür zu finden, und endlich wieder sie in ihrer Gesamtheit zu überschauen. So muß die Erdkunde das Weltall ins Auge fassen, um die Bewegungen dieses Einzelsterns zu begreifen, aus denen für die Erde Tag und Nacht, Sommer und Winter werden. Von den Gestirnen nimmt sie die Linien her, um die Oberfläche in feste Orte zu teilen und ihren Maßen auf die Spur zu kommen. Sie sucht etwas vom Innern dieses Körpers zu erahnen, dessen Ausbrüche rätselhafte Striche und Flecken auf sein Äußeres zeichnen; sie muß aus vielen Wissensgebieten die Fingerzeige aufspüren, die ein Bild von der Entstehungsgeschichte der Erde und besonders der Formen und Art ihrer Oberfläche geben. Die Grundlage all ihrer Arbeit bildet das Zusammentragen einer möglichst lückenlosen und von keinen Sinnestäuschungen beeinflußten Kenntnis aller Einzelheiten ihrer Oberfläche; und die großen Gruppen dieser Einzelheiten begründen wieder Wissenschaften an sich: Gesteins-, Gebirgs-, Wüsten-, Süßwasser-, Meereskunde, Pflanzen-, Tier-, Menschenkunde usw. Nicht minder muß die Erdkunde sich auf die Erforschung des Luftschleiers der Erde ausdehnen: Klima-, Wetterkunde usw. Es gilt, die Reiche der lebendigen Natur in ihrer Beziehung zu den Erdgebieten, ihrer Abhängigkeit davon zu betrachten: Tiere-, Pflanzen- und Menschenerdkunde. Die letztere erst erschließt eine neue Welt von Aufgaben: die Völkerkunde im allgemeinen, die wir auch hier unter den Begriff der Erdkunde einbeziehen, lehrt uns die Menschen als Naturwesen wesentlich in ihrer Abhängigkeit von der Erde kennen. Dazu kommt dann die politische Geographie, die den Menschen als Bildner von Gesellschaften, als Krieger, als Jäger, Hirten, Ackerbauer, Handwerker, Techniker, Kaufmann, Industriellen, als Errichter von Bauten und Verteiler von Verkehrsmitteln und zuletzt als Künstler und Wanderer in seiner Eigenschaft als Bezwinger und Gestalter der Erde zeigt.
Ebenso mannigfach wie die Beziehungen, unter denen der Mensch die Erde zu erforschen strebt, ist die Art der Erkenntnis, mit der er an sie herantritt, und die Art der Befriedigung, die sie ihm gewährt. Zum Begriff der Erdkunde gehören die Reisen des Odysseus, des edelsten Urbildes aller Abenteurer, und die des Gilgamesch, des Urbildes babylonischer Weisheit und aller Weisheitspilger ebensogut wie die der heutigen Forscher von der Art Hedins und der Polreisenden. Der Wanderer, der mit Rad und Rucksack langsam die nächste Heimat durchfährt, um nichts als ein Gesundungsbad der Sinne in ihr zu nehmen, treibt ebensogut Erdkunde wie der Mann auf dem Hochschulkatheder, und der Landschaftsmaler ebensogut wie der Geometer oder Landwirtschaftsschüler. Unendlich sind heute unsere Interessen an einer gründlichen Kenntnis der Erde. Sie gehört zu jedermanns unerläßlicher Vorbildung, ohne die man kaum noch einen Beruf vollkommen beherrschen, geschweige denn das ganze geistige Leben der Gegenwart in Kunst und Wissenschaft, ja auch nur seine tägliche Zeitung verstehen kann. Aus der Erdkunde schöpfen nicht nur Wanderer, Abenteurer, Weltreisende flüchtigen Sinnesgenuß und dauernde Gesundheit; sie gibt auch all unsern Künsten — Malerei, Dichtkunst, Musik, Theater, Plastik — Anregungen, will wenigstens von ihnen achtungsvoll berücksichtigt sein (kein Dichter dürfte uns heute noch von der „böhmischen Seeküste“ fabulieren). Die Tatsache, daß wir beginnen, wirklich die ganze Welt als „Heimat“, unsere Heimat zu empfinden, findet in dem Bestreben des Weltnaturschutzes Ausdruck. Wir streben Weltschutzparke, Welttierreservate usw. an, ein unverkennbares Zeichen für das an keinen Ort mehr gebundene Verständnis für den Wert der unberührten Naturschönheit. Einen mächtigen Ansporn für den Erwerb eingehender Erdkenntnis bildet ihre heutige Ausnutzung: Handel, Industrie und Verkehr kennen keine Orts-, keine Völkergrenzen mehr. Auch das gesellschaftliche (politische) Interesse des letzten Arbeiters umfaßt heute bereits den Erdball: Erdkunde als allgemeines Bildungsgut ist der Boden, auf dem unsere Träume von gegenseitigem Völkerverständnis, vom Austausch geistiger Güter und damit Weltfriede gedeihen können. Die Wissenschaft ist noch nicht am Ende ihrer Aufgabe, die letzten leeren Flecke auf dem Globus zu beseitigen; noch kämpfen ihre kühnen Bahnbrecher um die wissenschaftliche Eroberung der Pole, des Innern Asiens, dunkler Gebiete Afrikas. Schon aber senkt die Gedankenwissenschaft, die Philosophie, ihre Wurzeln in den reichen Wissensboden, den ihr die heutige Erdkunde bereits zusammengetragen hat, um daraus, in die Bahnen ihrer ältesten Vorbilder zurückkehrend, die Grundlinien einer neuen naturwissenschaftlichen „ Weltanschauung“ zu gewinnen, um das alte Menschenspiel der Vergleichung zwischen den Gesetzen der Geisteswelt und den Erscheinungen unserer Sinnenheimat fortzusetzen. Jener Gilgamesch, der aus der Heimat unseres Geschlechtes an die Grenzen der damaligen Welt pilgerte, um Antwort auf die Frage nach dem Wesen von Leben und Tod zu finden, das Urbild aller „Pilger in die Wüste“, in die lebensvolle Wüste der Nur-Natur, in der sie nichts suchten als Stille für ihren Geist — er ist und bleibt auch das erhabene Urbild aller, die sich um „Erdkunde“ bemühen. Genuß — Nutzen — Wissen — Geistesklärung sind die vier Sterne, die der Wissenschaft von der Erde voranschweben.
Welche Mittel hat nun der Mensch von heute, um diesem seinem Wissen diejenige Tiefe und Vollständigkeit zu geben, durch die es allein seine Ansprüche befriedigen, seinem Zeitgewissen genügen kann? Ein Blick rings um unsere heutige Kultur sagt uns, daß diese Mittel seit kaum einem Jahrhundert eine Ausdehnung und Vervollkommnung erfahren haben, die sich keines der Geschlechter, die vor uns ins Grab gesunken sind, je hat träumen lassen. Wir können sagen, daß erst die Fülle dieser Mittel uns in den Stand zu setzen beginnt, die Erdkunde aus einem zur Hälfte phantastischen „Traum vom Wissen“ zu einer wirklichen nutzbaren Wissenschaft, einer wirklichen Bereicherung der allgemeinen Menschenbildung zu machen, sie aus einem „romantischen“ in ihr „klassisches“ Zeitalter zu überführen.
Erdkunde ist ja nicht das Wissen von einem Teil der Erde als solchem, sondern von ihrer Ganzheit. Erst die Möglichkeit, alle Teile zu vergleichen, alle unter dem Bilde einer Einheit zu sehen, von allen in einem Hirn auch eine der Wirklichkeit entsprechende „Anschauung“ zu vereinigen, erlaubt uns ja, überhaupt von „Erdkunde“ zu sprechen. Die Schwierigkeit, die jeder Erdkunde entgegenstand, war die Überwindung von Raum und Zeit. Entferntes vergleichen, Vergangenes gegenwärtig zu haben, mußte ermöglicht werden. Dazu reichte früher, ohne unsere Hilfsmittel, kein Menschenleben aus. Heute ist es eine Möglichkeit für jedermann geworden. Die Mittel, die es uns ermöglichen, gliedern sich in zwei Gruppen: solche, die den körperlichen Verkehr erleichtern, und solche, die den Gedankenaustausch, den Austausch von Beschreibungen und Abbildungen der Erde ermöglichen: Werkzeuge des körperlichen und Werkzeuge des geistigen Verkehrs. Es ist eine wunderbare und nicht zufällige Fügung, daß die Entwicklung beider gleichzeitig und gleich großartig vor sich gegangen ist: daß wir auch heute imstande sind, sinnliche Anschauungen und Anschauungsersatzmittel einander die Wage halten lassen zu können. Eins ohne das andere hätte die menschliche Begriffswelt einseitig beeinflußt.
Die Grundlage aller Erdkunde ist und bleibt für alle Zeiten das unmittelbare Sinnenerlebnis, die körperliche Anschauung der Dinge, und kein Hilfsmittel wird es je ersetzen, sondern immer nur ergänzen können. Aber die Anschauung selber bedarf der Hilfsmittel, soll sie sich in einem einzelnen Kopfe in annähernd genügender Vollständigkeit ansammeln. Ich brauche nur leise zu erinnern, was wir in dieser Beziehung heute zur Verfügung haben, heute zur Verfügung weniger, in zwei, drei Jahrzehnten vielleicht zur Verfügung vieler — wenn sie nur aufwachen und es sich zunutze machen wollten! Über dem Gedanken an Eisenbahn, Dampfschiff und Automobil, der uns zuerst einfällt, dürfen wir nicht vergessen, was heute aus dem Straßenwesen der Welt selber geworden ist, wie es technisch und politisch, frei von Zöllen und Gefahren, doch der Anfang und die Voraussetzung für alle Entwicklung des Weltverkehrs war. Vor den Köpfen unserer Heerstraßen und Eisenbahnen fliehen die Geister der Wildnis, richten sich die Ruinen verfallener Paradiese wieder auf, lernen Wilde die Sprache der Verständigung. Bald werden die Entfernungen durch elektrische und Motorenbahnen, durch Wasser- und Luftflugapparate und Luftschiffe abermals um die Hälfte und mehr verkleinert werden, immer wertvoller wird unsere Lebenszeit, immer reicher die Fülle von Stoff, die wir uns unmittelbar verschaffen können. Auch an dieser Stelle möchte ich aber nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß das vollkommenste Werkzeug, um die Erde wirklich betrachtend zu erleben, das eigentlichste Arbeitswerkzeug unmittelbarer Erdkunde das Fahrrad ist — das rechtmäßige Kind des heutigen Straßenwesens möchte ich es nennen, und doch überall brauchbar, wo es nur die Spur einer Straße gibt; uns von der Unzulänglichkeit der Fußwanderung befreiend, und doch all seine Vorzüge steigernd; uns und beträchtliche Lasten schleppend und doch ganz unabhängig von Nahrung, Betriebsmitteln, Kosten und Abfahrtzeiten; unser Freund und Diener auch, wo wir es nicht fahren, sondern neben ihm her gehen; das Reisen aufs äußerste verbilligend und dabei es recht eigentlich erst ermöglichend. Ich habe diesen Gedanken ausführlich in meiner Schrift „Radzigeunerei“ (C. Ziehlke Verlag, Liebenwerda, M 1.50) behandelt, auf die ich verweise. Allein nicht um dieses Verweises willen spreche ich hier so dringlich davon. Es liegt mir daran, hier wie überall darauf hinzuweisen, daß wir Menschen vom Anfang des 20. Jahrhunderts ganz allgemein gesprochen über das Wesen und die Ausnutzung fast all der technischen Hilfsmittel, die uns dieses kurze Zeitalter der künstlichen Sinnenvervollkommnung geschenkt hat und bald noch schenken wird, noch nicht entfernt genug nachgedacht, daß wir vor allem den Grundsatz, der in eisernen Lettern an der Stirnseite unserer öffentlichen Bauten von heute, an der Wand unserer Arbeitszimmer und auf der ersten Seite unserer Tagebücher stehen sollte, noch nicht erfaßt, geschweige denn uns zu Fleisch und Blut gemacht haben: daß alle unsere Gaben und ebenso alle Gaben technischer Vervollkommnung die der Menschheit in den Schoß fallen, uns nur und nur gegeben sind, um sie mit dem Aufgebot alles Scharfsinns, aller Willenskraft und Selbstbeherrschung in den Dienst unserer geistigen Vervollkommnung, unserer geistigen Weiterbildung zu stellen, zu der Gesundheit, Körperkräfte und Maschinenkräfte einzig und allein unentbehrliche, aber untergeordnete Mittel sind. Das in Beziehung auf eine einzelne Technik nachzuweisen und immer wieder zu betonen, und den Weg dazu finden zu helfen, ist im Grunde genommen der einzige Zweck auch dieser unserer Lichtbühnen-Bändchen, wie es die Seele und das A und O aller nicht in Redensarten stecken bleibenden Kinobesserung ist.
Das zweite Hilfsmittel der Erdkunde, dem der unmittelbaren Selbstsinnenbeobachtung nachgeordnet und von ihr abhängig, aber nicht minder unentbehrlich, ist die Welt der Anschauungsersatzmittel. Sie dienen dazu, uns erstens ein Bild von dem zu machen, was wir eben doch nicht selber sehen können. Sie haben aber noch eine darüber hinausgehende Bedeutung: sie ermöglichen uns auch, räumlich und zeitlich Getrenntes nebeneinander oder in rascher Folge zu vergleichen, das Flüchtige in größerer Ruhe und Bequemlichkeit und so häufiger Wiederholung, wie wir wollen, zu betrachten und es zu messen, ja sie erlauben uns unter Umständen und in gewisser Richtung eine genauere sinnliche Wahrnehmung, eine gründlichere sinnliche Vertiefung und darauf folgende geistige Verarbeitung als der Anblick der Dinge selbst. Wenn sie diesem vorangehen, bilden sie auch eine vortreffliche Vorbereitung, um sich von der Wirklichkeit weniger überraschen und ihre kurzen Augenblicke desto trefflicher nutzen zu können. Ein Teil dieser Hilfsmittel — die schematischen Veranschaulichungen z. B., aber im Grunde genommen jede Abbildung oder Beschreibung — ermöglicht uns noch dazu, uns Dinge zu versinnlichen, die gar nicht unmittelbar sinnenfällig in der Wirklichkeit hervortreten: die Unterscheidung von „Haupt“- und „Neben“-Sachen, Kräftelinien usw. Jedes Bild zerlegt zugleich das Veranschaulichte, indem es einen „Augenblick“ davon herausgreift und es uns so als eine Kette von „Augenblicken“ zu erfassen ermöglicht.
Unter all diesen Anschauungs-, Ersatz- und Ergänzungsmitteln der Erdkunde leuchtet nun die Kinematographie mit ihrem Auftauchen als „Stern der höchsten Höhe“ hervor. Noch niemals vorher hat ein Mensch, hatte die Menschheit das Aussehen der Natur in solcher Vollkommenheit, solchem Reichtum und solcher unverfälschten Genauigkeit der Einzelheiten im Bilde gesehen als damals, als zum ersten Male die „lebensgroße“ Photographie auf der Leinwand zu „leben“ anfing, als dort die Reize einfacher Blattaufnahmen vertausendfacht erschienen. Und so, wie man im Traumesflügelschwingen wohl plötzlich, durch ein unerklärliches und nun doch sofort ganz selbstverständlich und natürlich erscheinendes Wunder sich wirklich von der Schwergefühlsangst, vom Gefühl ewig unzulänglichen Strebens erlöst, und „wirklich“ schwebend emporgetragen fühlt, wie man plötzlich leicht und körperlich wie ein Vogel durch die Lüfte getragen wird (nicht mit sprungbereitem Mißtrauen gegen einen, wenn auch noch so genial erdachten Flugmechanismus) —, so sahen auch wir uns plötzlich leicht und licht hinweggetragen über das stille Bedenken, das innere bängliche Hemmnis, das wir unausgesprochen bis dahin vor jeder, auch der vollendetsten Naturdarstellung gefühlt hatten, über die Frage: „Wunder-, wunderschön — aber wieviel ist Menschenhand, Menschenphantasie, und wieviel ist — Wahrheit?!“ Wer kennt nicht die stille Selbstbescheidung, mit der der sehnsüchtig in die Ferne, in die Wunder der Natur- und Menschenwelt Hinausdenkende, sein illustriertes Geographiebuch zuklappte — „die Wirklichkeit — wird doch wohl noch anders sein“! Man denke anderseits an den Riesenerfolg, den ein künstlerisch weniger bedeutender Zeichner, wie z. B. Allers, mit seinen Reiseskizzen hatte, weil er in etwas dem Hunger aller Welt nach Wirklichkeitstreue an Stelle aller Künstlerträume entgegenkam. Man erinnere sich ferner an die Einbuße, die die wirkliche Kenntnis von Ländern und Völkern, die Geographie und Ethnographie als Wissenschaft infolge der Schwierigkeit, zu allgemeiner Anschauung ihrer Gegenstände zu gelangen, bis in unsere Zeit erlitten hat. Gerade hier versagt ja angesichts der tausendfachen lebendigen Mannigfaltigkeit der Dinge, die hier gerade eine Hauptsache ist, der Zeichenstift und auch, was ihn vornehmlich ergänzen mußte, das beschreibende Wort. Beide versagen, nicht nur, wo es gilt, dem Reichtum und der Beweglichkeit der Erscheinungen gerecht zu werden, sondern auch ihre Verhältnisse und ihre Bedeutung in gegenseitiger Abmessung wirklichkeitsgetreu festzuhalten. Bezeichnend sind da die bekannten „Prospekte“ — zeichnerische Wiedergaben von Landschafts-, Städte-, Raum- und Menschenszenerien. Man lege einen alten Merianschen Kupfer oder eine beliebige andere Städtedarstellung aus alter Zeit mit Photographien zusammen, die das etwa heute noch erhaltene selbe Stadtbild darstellen. Sofort hat man den Eindruck, als ob die Stadt zu Zeiten Merians aus lauter dicht gedrängten, malerisch ragenden Kirch- und Rathaustürmen, Burgen und Klöstern bestanden hätte, um die herum die Wohnhäuser verschwinden. Auf der Photographie werden die Türme klein und rücken weit auseinander, die Höhen werden unscheinbar, die Häuser sind gewachsen. Der Zeichner sah eben vor allem, was ihn interessierte: das malerisch und das gedanklich (z. B. geschichtlich) Hervorragende; das wurde ihm unter dem Stift groß, und das andere schrumpfte zusammen. Oder ein altes Platzbild: der Platz selbst erscheint ungeheuer erweitert, aber auf ihm tummeln sich Fußgänger, Reiter, Equipagen in solcher Größe und in so interessanten Stellungen und Beschäftigungen, daß man alles andere darüber vergißt. Die Photographie rückt die Maße ernüchternd zurecht. Diese Darstellungsmängel alter Zeiten wirkten aber begriffsverwirrend. Wesentlich mit durch sie glauben wir heute noch vielfach, das Mittelalter sei so viel „malerischer“ gewesen als die Gegenwart und setzen auf unsern Bühnen das „malerische“ Puppenspiel mit Fest- und Prunkkleidern in jeder Alltagsszene fort. In architektonischen Zeitschriften hat man manchmal Gelegenheit, ein und dasselbe Gebäude, ein und dieselbe Platzanlage nebeneinander photographisch und als zeichnerische (Architekten-) Skizze zu sehen. Selbst hier, wo doch mit genauen Maßstäben gearbeitet und zur Erhöhung des Wirklichkeitseindruckes sogar manchmal die photographische Technik nachgeahmt wird, ist man oft verblüfft, den Unterschied in der Wirkung zu sehen. Die Photographie ist — selbst in gelegentlicher perspektivischer Unstimmigkeit — nüchterne Wirklichkeit, die Zeichnung ein — Künstlertraum. Woran liegt's? Kühn hinschweifende Wolken, ideal gehaltene Alleen, kleine Weglassungen von „Unwesentlichem“ — es läßt sich gar nicht aufzählen. Vor mir liegt ein geographisches Buch über „Deutschland“. Die Umschlagzeichnung („Vom Fels zum Meer“) zeigt schneebedeckte Berge mit ausnahmslos nicht unter 45° Steigung, daneben Dünen von der halben Höhe der „Eisbedeckten“. Es soll ja nur eine „dekorativ wirkende Skizze“ sein — aber was für falsche Vorstellungen sie bei denen weckt, die die Sache selbst nicht kennen, ist kaum nachzumessen. Wir alle erinnern uns doch wohl, wie gründlich wir unsere selbst aus den besten Abbildungen und Beschreibungen gewonnenen Vorstellungen haben umarbeiten müssen, als wir zum ersten Male wirklich „das Gebirge“, „das Meer“, „die Tiefebene“ sahen. Oder man versuche festzustellen, welche Vorstellung verschiedene Personen etwa von ein und demselben Schauplatz eines Ereignisses haben, nachdem sie dessen ausführliche Schilderung in einem Roman, in einer Gerichtsakte gelesen haben. Meistens nehmen wir in einem solchen Falle unbewußt die Zuflucht zu einem möglichst ähnlichen, irgendwo einmal gesehenen Bilde, bestenfalls zu einem ähnlichen, uns bekannten wirklichen Platze und bleiben dabei. Vielleicht ist er auch wirklich ähnlich — aber gerade Kleinigkeiten ändern hier das Bild sofort wesentlich! Die Schwierigkeit der Anschauung, der Mangel an Darstellungsmitteln, die Notwendigkeit, mit gedanklich abgeleiteten Vorstellungen (Abstraktionen) und Schemen (Typen) zu arbeiten, war die Hauptursache, weshalb eine ernst zu nehmende allgemeinere geographische Bildung kaum in leisen Anfängen im 18. Jahrhundert begann. Was hier bereits die Anfänge der Kinetographie — erst das einfache Lichtbild, dann aber entscheidend das unendlich überzeugendere, unendlich breiter wirkende Kinobild gebessert haben, ist gar nicht abzusehen.[1)]
Die Photographie allein bringt allerdings auch „Wirklichkeit“. Sie berichtigt unsere Vorstellungen, aber doch mehr auf dem Umwege über den rechnenden Verstand. Was ihr fehlt, ist die sinnliche Frische. Gewiß, ihre Landschaften, Häuser und Menschen sind „richtig“ — aber sie sind auch, von Ausnahmeleistungen abgesehen, langweilig. Die Photographie gibt zu wenig von ihnen. Sie will uns einreden, Menschen und Dinge seien bloß erstarrte Schatten. Infolge der Kleinheit des Bildes sehen wir sie wie aus weiter Ferne. Was das Künstlerbild zu sehr betonte, fehlt hier — besonders bei geographischen Bildern — oft ganz: das Malerische, die Gedanken anregenden, beziehungsreichen Einzelheiten. Das Stereoskopbild, das die Plastik hinzufügt, wirkt um so beängstigender puppenhaft, lufthaft, mitten in einem wirklichen Augenblick erstarrt.
Das kinematographische Bild ist ein Riesenschritt weiter. Echtes Licht — naturähnliche Größe — zitterndes, schwelgendes Bewegungsleben, und dadurch auch ein gewisser Ersatz der Körperlichkeit — das ist schon ganz etwas anderes! Da wird nicht nur das Auge erregt — ein Hauch vom fernen Leben selber umweht uns, spannt all unsere Sinne, weckt Denken und Fühlen, weckt die eigne Mittätigkeit, das Erfassen-, das Entdeckenwollen, und die ununterbrochene Veränderung auf dem Schauplatz hält die Aufmerksamkeit wach, läßt die Teilnahme nicht zur Ruhe kommen. Die zehnte Muse — „Illusion“ — spinnt von der Leinwand aus ihre Zauber: das Haus, die Bänke, die Menschenköpfe und die Damenhüte, die roten Lichter und die Schatten der Nischen werden unwirklich, das lebenwimmelnde Bild wird allbeherrschende Wirklichkeit. „We put the world before you“ nennt ein englisches Filmhaus mit Recht seinen Wahlspruch — „Wir bringen die Welt zu euch her“. Wenn Mohammed nicht zum Berge kam, muß der Berg zu ihm hin — das Wunder ist geschehen! Wenn wir nicht zu den Wundern der Welt hinaus kommen — und wer wird sich je den lückenlosen Anblick von ihnen selber verschaffen können, welches Menschenleben wäre lang genug dazu — so muß nun die Welt, wo sie am schönsten ist, von ihrer Oberfläche her ihre lichten Ätherwellen bis hinein zu euch in Schule, Vortragssaal und Theater senden! Und damit es jederzeit geschehen kann, lassen wir die Wellen sich abdrücken in festem Stoff, packen sie ein, versenden, bewahren sie und erwecken sie beliebig zu neuem Leben — so wie wir das Licht der Sonne, das sich vor hunderttausend Jahren in Farrenwäldern verkörperte, heute als Kohle einpacken, versenden, aufbewahren und im Ofen wieder zum Licht erwecken! Und mehr: damit es auch allerorten geschehen kann, vervielfältigen wir die Ätherwellenspuren, so oft wir wollen. So sehen wir, was irgendwo ist, an allen Orten, und was war zu allen Zeiten! So scheint also das Ideal der Schule, das Ideal der Welt von heute erfüllt: Anschauung überall statt Begriffe, Wirklichkeit statt Phantasien, Wahrheit, unverfälschte, auch hier als einzige Quelle unseres Wissens und unserer Bildung; auch da, wo die persönliche Wahrnehmung versagt!