Ist es das wirklich? Wenn unsere Freude über das Gewonnene uns nicht einen Streich spielen, nicht in Kürze in Enttäuschung und Überdruß umschlagen, ja den Segen der Kinematographie für Wissenschaft und Schule in sein Gegenteil wenden soll, so müssen wir mit demselben Willen zur Ehrlichkeit, mit der wir ihre Vorzüge anerkennen, uns ihre Grenzen und Mängel vor Augen halten. Das ist ja auch ein allgemeines Kennzeichen der Gegenwart, dieser Überdruß, der angesichts so vieler schöner Dinge zutage tritt — nicht nur gegenüber technischen Hilfsmitteln, wie Kino, Fahrrad u. dgl., sondern ebenso und aus denselben Gründen gegen Theater, Illustrationswesen, Presse, die ganze „ästhetische Kultur“ — dieser Überdruß gerade der Denkenden und Gebildeten, der keine andere Ursache hat als die vorangegangene Überschätzung und daher den Mißbrauch dieser Dinge zu Zwecken, denen sie nicht gewachsen sind, und in einer Art, die ihrem Wesen nicht entspricht. Wie käme es sonst, daß trotz der zahlreichen und oft mit Riesenkosten hergestellten erdkundlichen Filme und trotz des lebhaften Wunsches von Wissenschaftlern, Lehrern, Volksbildungsvereinen usw. weder diese Filme einzeln, noch die Kinematographie im allgemeinen ernstlich auf den betreffenden Gebieten Fuß gefaßt hat? Es liegt außer andern Ursachen, die wir untersuchen werden, daran, daß die Kinematographie überhaupt und die erdkundliche ebenfalls nicht innerhalb ihrer Leistungsmöglichkeiten und ihrem Wesen gemäß angewendet wird, daß ihr Unmögliches abgefordert und darüber ihre Höchstleistungen vernachlässigt werden. Es liegt von vornherein schon in dem jeden, der die Sache ernst nehmen möchte, abstoßenden Leugnen aller Mängel überhaupt, dem hirnlos uneingeschränkten Anpreisen der Kinematographie, all dem Unwesen der geschmacklosen Reklame, von dem sich auch viele ihrer nichtbezahlten Lobsprecher nicht freimachen können. Die Kinematographie hat keine Feinde als die Ausbeuter, die sachlich und moralisch an ihr Raubbau treiben!

Ich habe in meiner Schrift „Kino und Kunst“ die der Kinematographie überhaupt aus technischen und lebenswissenschaftlichen (physiologischen) Gründen anhaftenden Mängel ausführlich dargestellt. Die Mängel physiologischen Ursprungs liegen in unserm eignen Organismus. Andere Bilder nehmen wir einfach mit den Augen auf; diese müssen unsere Augen selber erst zu Bildern machen helfen. Ein kinematographisches Bild ist eine Leistung zur Hälfte von Photographie und Projektionskunst, zur andern Hälfte von sehenden Augen. Diese erst vollführen die beträchtliche Arbeit, die aber Tausende von Bildern — an 53 000 wurden für eine durchschnittliche Kinovorstellung berechnet! —, die ihnen da abwechselnd mit ebensoviel Verdunklungsunterbrechungen vorgesetzt werden, durch Überbrückung dieser Verdunklungen zu einer sich scheinbar bewegenden Einheit zu verschmelzen. Gerade die „Bewegung“ des Bildes ist eine Arbeit nicht des Apparates, sondern unserer Augen. Und sie haben diese Arbeit unter höchst erschwerenden Umständen zu tun: aufs äußerste angestrengt durch den krassen und ausschließlichen Gegensatz von Licht und Schatten und die Überwindung einer Menge anderer Mängel, die wiederum von einem unserer Organe geleistet werden muß: der mitwirkenden Phantasie, der blitzschnellen Denk- und eignen Vorstellungsarbeit, die ununterbrochen die in Wirklichkeit bloß vorhandenen Andeutungen des Bildes erfassen und deuten und in ihnen die Vorstellung von Farbe, Plastik, Geräuschen, Düften und Berührungen ergänzen muß, die das Bild doch erst zu dem machen, als das es aufgefaßt sein möchte, als Wirklichkeitswiedergabe. Erschwert wird diese Nerventätigkeit durch die Unvorbereitetheit und Bruchstückhaftigkeit jedes Kinobildes. Dessen technische Mängel haben wir aber zum Teil schon angeführt. Wir vergessen ja gewöhnlich ganz (und das ist im Kino selbst auch recht gut, aber es fälscht das Ergebnis), daß dieses Bild dennoch immer nur ein Schattenbild ist, dem außer dem flächenhaften Schwarz-Weiß-Bestandteil des Wirklichkeitsanblicks so gut wie alles fehlt, was uns den Eindruck des Lebens vermittelt: eben Farbe, Plastik, Geräusche, Düfte, Berührungen. Und mehr: die Tiefenwirkung („Perspektive“) ist mehr oder minder falsch, daher auch ein Teil der Bewegungen unrichtig wirkend; Querbewegungen kommen ruckweise usw. Der Apparat zeigt uns, was er mit einem Auge gesehen, wir sehen dies mit zwei Augen, daher wieder etwas anders, als es der Kino gesehen hat und meint — nicht die Wirklichkeit, sondern ein Bild, aber ein sich bewegendes; aber nicht sich bewegende Körper, sondern sich bewegende Flächenausschnitte — Schatten. Unsere Nerven müssen fortwährend eine angestrengte Übersetzungsarbeit — aus dem Kinematographischen zurück ins Wirkliche — leisten, um so mehr, je mehr der Kino sich der Wirklichkeit durch bestechende Ähnlichkeiten annähert; und diese Übersetzungsarbeit ermüdet sie bald und sehr. Trotzdem versagen sie allein — wenn wir nicht nachhelfen — in der Hälfte ihrer Aufgaben; sie versagen in vielen Fällen schon bei dem Bestreben, überhaupt zu erkennen, was das Bild wiedergeben will, besonders infolge des Mangels an Farbe, Tiefe und Plastik, durch den sich oft vorn und hinten kaum voneinander abhebt, Fremdes sich zu Lichtknäueln zusammenballt und Zusammengehöriges bloß etwa durch verschiedene Beleuchtung seiner Teile auseinanderreißt. Bei alledem habe ich nur mehr gute, mit voller Beherrschung der Technik und an Kunstwerken und Kunstdenken geübtem Geschmack hergestellte Bilder im Auge, wie ich sie in „Kino und Kunst“ beschrieben habe. Vor andern Bildern durchschnittlicher Art wachsen die Schwierigkeiten noch mehr. Selbst die besten aber, das ist uns durch das Voraufgegangene hoffentlich abermals klar geworden, sind für sich allein so gut wie ohne jeden erdkundlichen Wert — sie zeigen weniges nur bruchstückhaft, schattenhaft, falsch und irreführend. Der Kinofilm — jeder, ganz besonders aber der erdkundliche — bedarf der Ergänzung, um überhaupt etwas zu sein. Um dem einen von vornherein unterscheidenden sprachlichen Ausdruck zu geben, habe ich die mit allen nötigen Mitteln zu einem „Kunstwerk“, d. h. zu einer in sich geschlossenen Darstellungs- und „Ausdrucks“-Einheit erhobene Kinematographie — mit welchem Wort wir künftig die Herstellung und Vorführung von Bewegungsbildern allein bezeichnen — mit dem Worte „Kinetographie“ benannt. „Kinetographie“ — wie wir das Wort auch hier anwenden wollen (über seinen sprachlichen und sachlichen Sinn vgl. „Kino und Kunst“) — bedeutet also ausschließlich die Vorführung von Bewegungsbildern im Rahmen einer zu einem Gesamtkunstwerk erhobenen Vorstellung, ergänzt durch alles, was dazu dient, das Bewegungsbild selbst seelisch richtig vorzubereiten, Sinne, Nerven und Hirn auf das Wesentliche einzustellen, seine nervösen Kraßheiten auszugleichen, und das, was der Film nicht zeigen kann, durch andere Mittel zur Anschauung und zum Verständnis zu bringen.

Zum allgemeinen Verständnis dieser Forderungen, soweit sie aus dem ästhetischen Bedürfnis, der „Schönheits“-Forderung im durchgeistigten Sinne des Wortes, hervorgehen, muß ich abermals auf meine mehrmals genannte Schrift verweisen. Hier aber ist Gelegenheit, noch einmal von der andern Seite her, nämlich aus unserm rein sachlich-wissenschaftlichen Gesichtspunkt, die Forderung nach Vollendung jeder kinetographischen Vorführung zu begründen und zu beleuchten. Es handelt sich nicht in erster Linie um den Wunsch, der kinematographischen Landschaftsdarstellung an sich auch künstlerische Werte abzugewinnen, etwa durch „malerische“ Wahl des Bildausschnittes und handarbeitliche Beeinflussung und Nachhilfe der Herstellungsvorgänge. Sondern hier fordern wir die Anwendung des geläutertsten Geschmacks und der gewissenhaftesten und erfindungsreichen Erfüllung aller Schönheitsforderungen lediglich im „ästhetischen“, d. h. (im Ursinne des Wortes) im Interesse der Sinne unserer Zuschauerschaft, damit nämlich ihre Sinne geschont, unterstützt, vervollkommnet und vor Irrschlüssen bewahrt werden. Nicht um ihnen „Genuß“ von außen her zu verschaffen, sondern um ihnen eigne richtige Erkenntnisarbeit zu ermöglichen. Nicht: wissenschaftliche oder Schulkinovorführungen dürfen auch „künstlerisch“ vollkommen sein, sondern sie in erster Linie müssen vollkommene Kunstwerke im Sinne der Vollendung in ihrem eignen Wesen sein, wenn sie überhaupt irgendwelchen — erdkundlichen Lehrwert haben sollen.

Welcher Art nun die notwendigen Ergänzungen sein müssen, kraft deren Filmvorführungen zu einem brauchbaren Hilfsmittel der Erdkunde werden können, wollen wir uns kurz überlegen. Zuerst spreche ich allem das Wort, was die dem Kinobild mangelnden begleitenden Sinneseindrücke ersetzen oder wenigstens zum Bewußtsein bringen kann. Dieser Ersatz ist gerade beim Kinobild viel mehr erforderlich als vor jedem andern auch nur Schwarz-Weiß-Bild, weil das Kinobild mehr wie andere den Beschauer — besonders den nicht selbstkritisch und durch eigne Beobachtungen sehr geübten — in den Traum der Wirklichkeit versinken läßt. Vor einer Photographie verfallen wir keinen Augenblick in die Vorstellung: „so ist's“ oder auch nur „so sieht's aus“ — beim Bewegungsbild ist die Gefahr größer, nun erst recht in eine falsche Vorstellung vom wirklichen Aussehen und den wirklichen Kräfteverteilungen in der Natur zu versinken. Um so sorgfältiger müssen wir dort vorbeugen. Diese Arbeit wird freilich zumeist dem menschlichen Worte zufallen, wovon wir noch sprechen. Das Wort allein wird uns über Plastik, richtige Perspektive, Größen-, Luft- und Wärmeverhältnisse im Dargestellten aufklären müssen, und zumeist auch, wo es sich um wissenschaftliche und Lehrzwecke handelt, über die Begleitgeräusche. Völlig möchte ich diese aber — denen ich in volkstümlichen und Jugendvorstellungen einen breiten Raum befürworte — auch aus wissenschaftlichen Darstellungen nicht verbannt wissen. Geräuschkunde ist ein meines Wissens als solcher nicht — höchstens als Nebengebiet der Dramaturgie — abgetrennter Zweig der Naturwissenschaft und findet, abgesehen von der Akustik, die sich nicht mit den Geräuschen, sondern mit ihren Ursachen beschäftigt, der Phonetik, der Musiklehre u. dgl., nur vielleicht in der Vogelkunde überhaupt Beachtung. Wenn sie darüber hinaus nicht gepflegt worden ist, so liegt das meines Erachtens nur daran, daß man bisher schlechterdings außerstande war, den Stoff herbeizuschaffen, d. h. Naturgeräusche in wissenschaftlich brauchbarer Weise aufzufassen und wiederzugeben. Wir sind, wie wir wissen, heute schon in der Lage, das zu tun: durch die Phonographie. Sie schreibt bereits ebenso selbsttätig die Klang- und Geräuschwellen aller Art auf wie die Photographie die dem Sehen zugrunde liegenden Äther-Bewegungen (Kinetographie, d. i. Bewegungsselbstniederschrift). Sie ist wie jene durchaus zwangläufig, d. h.: richtig eingestellt, gibt sie nach Zeitmaß und Klangfarbe genau das Aufgenommene wieder, abzüglich der feststellbaren Wirkungen ihrer technischen Fehlerquellen. Der gemeinsamen Aufnahme von Naturbewegungsvorgängen und der sie begleitenden Geräusche steht also gedanklich nichts mehr im Wege. Tatsächlich ist aber diese Aufgabe noch nicht gelöst (obgleich man von ihrer endgültig erfolgten Lösung alle Augenblicke hört). Zunächst leidet die grammophonische Wiedergabe an sich noch besonders an Nebengeräuschen von solcher Stärke, daß sie feinere Gegenstandsgeräusche verschluckt, falls diese von der Wachsschicht überhaupt richtig aufgenommen worden sind. Dann aber steht noch immer die große Aufgabe bevor, beides, kinematographische und phonographische Aufnahme und Wiedergabe, in einem Verfahren oder doch mit zwangläufiger Gleichzeitigkeit zu verbinden. Alle sogenannten „Tonbilder“ (ein irreführender Titel), die man bis jetzt sieht, werden so hergestellt, daß erst eine grammophonische Aufnahme, dann eine ihr nachträglich angepaßte Mimik aufgenommen werden. Die Wiedergabe wird dann möglichst der Gleichzeitigkeit angenähert; aber selbst, wo diese Gleichzeitigkeit erreicht wird, fehlt doch die Echtheit, die dem Ganzen erst wissenschaftlichen Wert geben würde. Überdies ist mir nicht bekannt geworden, daß überhaupt erfolgreiche Versuche gemacht worden wären, Naturgeräusche — z. B. die Brandung des Meeres, den Ausbruch eines Kraters, das Rauschen im Wald, das Gemurmel und Geheul der Großstadt — grammophonisch aufzunehmen. Daß dies unmöglich sein sollte, möchte ich daraus nicht schließen — kann man künstliches Pfeifen und Sprechen usw. aufnehmen, warum nicht auch zunächst wenigstens die lauten (oft viel lautern!) unwillkürlichen Naturgeräusche! Und mögen zunächst diese Aufnahmen selbst, alsdann ihre Zusammenstimmung mit der gleichzeitigen Kinoaufnahme noch so viel Unvollkommenheiten aufweisen —, der Versuch allein würde lohnen, und die Vervollkommnung würde meines Erachtens nicht lange auf sich warten lassen, sobald nur der Wert dieser Sache allgemein erkannt würde. Daß eine solche Technik überhaupt im Zuge der Kinetographie liegt, ja eins ihrer nächsten und erreichbaren Ziele sein müßte, wird weniger bezweifelt werden. Wenn aber Geräuschnachahmungen von Wissenschaftlern und gebildeten Laien (zum Teil mit Unrecht) belächelt werden, so bedeutet das nicht, daß sie auch dokumentarisch getreuen Geräuschnachbildungen Achtung versagen würden. Im Gegenteil: die Geräusche, die besonders die Bewegung in der Natur begleiten, sind unentbehrlich für die unmittelbare sinnliche Bewertung der in dem betreffenden Vorgang spielenden Kraftmassen und Kraftverteilungen. Das einfachste Gefühl des Laien sagt ihm doch schon, daß ein lautlos ausbrechender Vulkan, lautlos heranschwingende Meereswogen, eine lautlos dampfgebende Kanone, lautlos tanzende Eingeborene, lautlos stürzende Niagaras etwas Unsinniges, überhaupt gar nichts sind. In der Zeichnung, in der Photographie vermissen wir dergleichen nicht, weil sie ja das Bewegungsleben nicht zu geben beansprucht, wo aber die Bewegung der Dinge gezeigt wird, da fordern unsere Sinne auch ihr Geräusch. Ist dies somit eine „ästhetische“ Forderung, so wird doch auch niemand bestreiten wollen, daß diese Geräusche an sich als Begleiterscheinungen von Naturbewegungen ein ernstester Forschung höchst würdiger Gegenstand sind. Ich bin der Meinung, daß auch bei rein wissenschaftlichen Vorführungen, mindestens wenn die Teilnehmer daneben auch irgend Menschen mit natürlichem Sinnenleben und Geschmack sind, in Ermangelung grammophonischer Mittel einige Begleitgeräusche gegeben oder angedeutet, allermindestens aber durch vorangehende Beschreibung der Phantasie der Zuhörer zur Verfügung gestellt werden müßten. So zeigte ich einmal den Ausbruch eines Geisers, ein Bild, über das ich wegen seiner Kürze und anderer Mängel ganz unglücklich war: es kam mir völlig bruchstückartig und wertlos vor. Zufällig kam mir eine ausführliche Beschreibung dieses selben Geisers in die Hände, in der auch genaue Angaben über die Begleitgeräusche enthalten waren. Ich ließ diese nun sorgsam hinzufügen, und von diesem Augenblick an erwies sich das Bild — rein erdkundlich-naturwissenschaftlich betrachtet! — als einer der Glanzpunkte meines Programms. Gewiß hatte ich mir allenfalls nach langem Studieren diese Begleitgeräusche — den kanonenschußartigen Ausbruch von Schlamm und Steinen, das regenartige Niederprasseln der Wassermengen usw., die vorangehende donnerartige Erderschütterung — auch „denken“ können — aber wie hätten das meine Zuschauer tun sollen? Und wenn sie es gekonnt hätten — sollten sie und ich uns dessen schämen, daß wir uns eine mühsame und unvollkommene Eigentätigkeit durch ein paar meinethalben theaterhafte Hilfsmittel ersetzten? Und sollten sich endlich Studenten und Hochschullehrer selber in diesem Punkte in einer andern Lage befinden als wir? Sollte selbst jemand, der diese Geräusche einmal erlebt hatte, sich ihrer vor diesem Bilde vollkommener erinnern, als unsere Hilfskräfte sie mit urwüchsigen Mitteln nachzuahmen vermochten?

Mag man über Geräuschnachahmungen bei rein wissenschaftlichen Gelegenheiten denken, wie man will, für die unvorbereitete und mit erdkundlichen Erscheinungen durchaus ungenügend vertraute Öffentlichkeit sind sie unerläßlich sowohl um des Verständnisses wie um der ästhetischen Befriedigung willen. Daß und wie dabei die Grenzen des Geschmacks einzuhalten sind, habe ich anderswo behandelt. Sicher ist aber, daß die Kinematographie an sich nicht eher ein vollwertiges erdkundliches Hilfsmittel ist, als bis sie wenigstens in zwangläufige Vereinigung mit der Grammophonie gelangt ist. Bewegung und Geräusch sind zeitlich und räumlich, ursächlich und in der Erscheinung, ästhetisch und gedanklich nicht voneinander zu trennen, ein Verfahren, das das eine wiedergibt, muß auch das andere zeigen.

Die zweite Ergänzung, die nicht zu verachten wäre, ist die Farbe. Auch hier sind manche Versuche unterwegs, beachtenswerte Erfolge errungen. Das bekannteste Verfahren ist Urbans Kinemacolor. Ich habe dieses Verfahren vor einigen Jahren in London gesehen und weiß nicht, ob es inzwischen verbessert worden ist. Es störte, bei allem unleugbaren Reiz, durch starkes Flimmern. Sein Hauptmangel ist, daß die Aufgabe, die eigentliche Bildfarbe zu bilden, wieder unsern Augen überlassen ist, und diesen wird sie um so schwerer, als sie sie aus nicht mehr als zwei Grundfarben — rot und grün — herstellen müssen, die dem farblosen Doppelpositiv durch zwei Filter mitgeteilt werden. An der Ausbreitung des Kinemacolorverfahrens scheint außer den beträchtlich höhern Kosten und dem zur Alleinbestreitung einer Vorstellung nicht genügenden Erfolg auch die Monopolvergebung schuld zu sein. Auf jeden Fall ist die Sache noch nicht vollkommen; trotzdem sollte jeder sie kennen zu lernen suchen, und gutgestellte Kinotheater sie einfügen. An sich aber ist die „Naturfarbe“ der Bilder — solange sie nicht auf eine bisher unbekannte Weise auf photographischem Wege selber gewonnen wird — nicht eine so unerläßliche Vollkommenheitsforderung wie die des Begleitgeräusches. Es ist mir im Gegenteil zweifelhaft, ob sie in jedem Falle erwünscht wäre, da sie die Ansprüche an die Augen erhöht, die Fehlerquellen vermehrt und überdies dem Filmbild einen Vorzug wieder nimmt: den der Vereinfachung und Zurückführung des Bildes auf seine einfachen Schwarz-Weiß-Verhältnisse. Noch weniger kommt freilich hier die künstliche Farbenergänzung in Betracht, wo wir ihr nicht aus Gründen, die nichts mit Erdkunde zu tun haben (Augenerholung) einmal nachsehen wollen. Die echte Farbenselbstwiedergabe der Natur steht noch in weitem Feld, und wir sehen vorläufig noch nicht einmal einen Weg angedeutet, wie wir zu ihr zu gelangen vermöchten.[2)]

Anders die Körperlichkeit (Plastik) des Dargestellten. Der Weg dazu ist klar: wir lassen unsern Apparat, wie wir selber, mit zwei statt einem Auge sehen und zeigen dann, wie in der Wirklichkeit, jedem unserer Augen gesondert das entsprechende Bild. Wege dazu gibt es verschiedene, ihr einziger gemeinsamer Nachteil ist der, daß wir dazu das Auge bewaffnen müssen, sei es durch eine Brille mit zwei verschieden gefärbten Gläsern, sei es durch eine stereoskopartige Vorrichtung. Ich habe solche Bilder noch nicht gesehen, meine aber, wenn sie sich einbürgerten und sonst hübsch sind, würde die Beschaffung der Betrachtungshilfsmittel nicht so schwierig sein, wie es immer dargestellt wird. Kinobesucher werden sich ihre „optische Brille“ kaufen, wie Theaterbesucher ihr Opernglas.

Übrigens habe ich ein anderes Verfahren zur Verkörperlichung von Kinobildern gesehen, anscheinend auf Spiegelungen beruhend, das aber nur eine puppenhafte Wirkung hatte. Warum irgend jemand eine bessere körperliche Wirkung von erdkundlichen Kinobildern verschmähen sollte, wenn er sie nicht etwa durch Nachteile anderer Art erkaufen muß, sehe ich nicht ein.

Eine Menge anderer Wirklichkeitseigenschaften werden dem Kinobild natürlich immer fehlen. So kann die Nachahmung von Begleitgerüchen immer nur ein gelegentlicher Scherz bleiben, und ebenso fehlt die körperliche Wirkung von Wind und Wetter usw. auf den Beschauer. Etwas anderes aber ist von größerer Wichtigkeit. Wir müssen ein Kinobild immer gleichsam mit festgeklemmtem Kopfe oder mit starren Augen besehen; wir können die Augen nicht in der Weise wandern lassen wie in der Natur. Tun wir es dort, so bietet sich uns bei jeder Bewegung ein anderes Bild; im Kino ist der Erfolg nur, daß wir je einen andern Teil desselben Bildes sehen. In einem gewissen Grade hilft dem freilich, aber auch nur scheinbar (da die Körperlichkeit fehlt), die Erfindung der Panorama-Kinematographie ab, die man meines Wissens zurzeit nur in München sehen kann. Sie erzeugt durch kreisförmiges Drehen des Objektivs die Täuschung eines Landschaftenrundblickes. Das ist natürlich eine vielleicht sehr hübsche Spielerei, die aber als erdkundliches Hilfsmittel geringen Wert haben wird. Das vor allem aus praktischen Gründen; an sich mag die Sache für seltenere Aufgaben, bei denen es darauf ankommt, einen Gesamtüberblick über ein größeres Gebiet zu haben, brauchbar sein.