Ich möchte, ehe ich die beiden Haupthilfsmittel, das Wort und das Lichtbild, bespreche, noch eine Bemerkung über die Mithilfe der Musik machen. Auf den ersten Blick hat sie in erdkundlichen Filmen, die der Belehrung dienen sollen, nichts zu suchen. Eine Ausnahme machen aber schon diejenigen völkerkundlichen usw. Filme, die geradezu Musikszenen, z. B. Tänze, nach Musikrhythmen arbeitende Kolonnen usw., darstellen. Wir können hier auf das über Begleitgeräusche Gesagte verweisen; grammophonische Wiedergabe wäre Ideal, angepaßte Nachahmung in diesem Falle berechtigt, weil ja auch die Urmusik „künstlich“ ist; unerläßlich in diesem Falle die eine oder die andere. Einen Negertanz ohne dessen Begleitmusik vorzuführen, halte ich für geradezu unwissenschaftlich. — Darüber hinaus aber habe ich mich einfach aus der Erfahrung heraus für die vereinzelte Anwendung musikalischer Begleitung selbst bei geeigneten erdkundlichen Filmen aus gesundheitlichen Gründen ausgesprochen. Es ist nun einmal Tatsache, daß gute angepaßte Musik wie kein anderes Mittel die Nerven abspannt, sie erfrischt und ihnen ihre Arbeit erleichtert. Selbstverständlich kommt Musik weder bei Filmen mit Geräuschwiedergabe in Betracht noch bei solchen mit „bewegungsdramatischem“ Inhalt noch bei allen andern; aber sie kann Wunder tun bei Bildern, die eine ruhige rhythmische, in sich wiederkehrende Bewegung ausspinnen. Begleitmusik beflügelt die Phantasie — aus diesem Grunde weise ich sie nicht streng aus allen erdkundlichen Vorführungen heraus, sondern spreche ihr selbst sachlichen Wert zu.

Was aber völlig unentbehrlich ist, sind zwei Dinge: das Wort und das stehende Lichtbild. Ich kann sie gemeinsam behandeln. Über die Gestaltung des Begleitvortrags habe ich in „Kino und Kunst“ alles Nötige gesagt. Er hat zwei Aufgaben: erstens abermals das Bild seelisch vorzubereiten und seine Lücken auszufüllen, zweitens den Geist darüber hinauszutragen. Die letztere Aufgabe kann in Verbindung mit einer Kinovorführung nur angesponnen, nicht ausgeführt werden. Wir wollen sie aber dennoch nicht unbeleuchtet lassen, um uns abermals gewärtig zu bleiben, daß alle Bildvorführung für die Erdkunde nur Mittel, nicht Zweck ist. So wie einerseits keine noch so vollendeten Naturnachbildungen ohne geistige Nachteile von Zuschauern aufgenommen werden können, die nicht über genügenden Vergleichsstoff aus eigner unmittelbarer Anschauung verfügen (worüber wir im Absatz „Schule“ gesondert sprechen) —, so ist anderseits alles von der Natur Geschaute nur Mittel und Vergleichsstoff für die eigentliche geistige Aufgabe der Erdkunde: eben aus der Welt der Erscheinungen zu den Gedanken über sie zu gelangen, ihre Gesetze und Kraftverhältnisse, ihre Ursachen und ihre Zukunft, ihr Wesen und ihren Geist zu untersuchen. Darüber spricht sich die Natur nicht, die Abbildung noch weniger aus. Was uns das Bild zeigt — auch das müssen wir uns einmal wieder ins Gedächtnis rufen — sind ja gar nicht die vom Menschen bereits genannten und gemessenen, mit Erkenntnisgesichtspunkten und Gefühlswerten übersponnenen, menschlich geaichten Naturwerte, sondern es ist die Urnatur in ihrer unentdeckten Namenlosigkeit. Das ist nicht eine Grübelei, sondern eine sehr wichtige Alltagswahrheit, deren Übersehen wieder eine der Hauptursachen für die mangelhaften Erfolge „reformerischer“ erdkundlicher Vorführungen in Kinotheatern usw. ist. Man stelle sich vor: da erscheint jenseits einer Flußfläche ein schlicht kegelförmig zugespitzter hoher Berg, oben mit Schnee bedeckt. Im Vordergrund wogen Binsen um einen Fischersteg. Vor dieses Bild setzt die Mägde und die Kuhknechte, die Käsehändler und Pflasterarbeiter einer Kleinstadt. Was sollen sie dazu sagen, was soll sie daran fesseln? Gewiß, es ist ganz „schön“ — aber das, was sie urwüchsigerweise im Kino suchen, nämlich merkwürdige „Bewegungen“, sind gar nicht drin. Das Bild gefällt nicht! Nun sagt der Vorführer einen Namen: Der Berg Fujijama. „Ah!“ entringt es sich den anwesenden gebildeten Besuchern. „Das also ist der Fujijama, so sieht er wirklich aus!“ Eine Fülle von Gedankenverbindungen erweckt ihnen das Wort — ihnen, aber immer noch nicht den andern! Wenn denen nun ein Berufener in einer Sprache, die sie verstehen, sagen würde: „Hier ist es gar nicht irgendeine ‚merkwürdige‘ Bewegung, die euch fesseln soll, sondern ihr sollt das und das dabei denken,“ wenn er ihnen etwa vorher ein paar japanische Künstlerbilder von dem Heiligen Berge zeigt, ein japanisches Gedicht oder eine Sage von ihm erzählte — oder wenn er statt dessen wertvolle wissenschaftliche Angaben (immer in der Sprache der Einfachen) über ihn machte: damit würde er ihnen die richtigen Augen geben, mit denen gesehen auch ihnen das Bild reizvoll erscheinen würde. Denn sein Wert liegt in dem, was wir, was ein ganzes Volk sich dabei denkt, in dessen Phantasie der Berg den Mittelpunkt bildet; sein Hauptwert liegt in dem, was das Bild nicht zeigt, im Gedanklichen. Was ich hier am Beispiel der Einfachen zeige, gilt in entsprechender Anwendung bis hinauf zu den „gelehrtesten Häusern“. Niemand ist so vielwissend, daß er im Augenblick, wo irgendeine Landschaft usw. vor ihm im Kinobild auftaucht, gerade den Wissensstoff genau gewärtig hat, der hier den Mittelpunkt des Interesses bildet. Jeder Beschauer eines Kinobildes muß vorher darauf eingestellt werden. Und das kann nur durch Worte geschehen. — Diese Worte haben aber nicht nur allgemeine Gesichtspunkte zu geben, sondern sie müssen auch einen andern Mangel des Kinobildes, das schnelle, unvorbereitete Vorüberhuschen des Bildes ausgleichen, indem sie auf seine hauptsächlich zu beachtenden Einzelheiten vorher hinweisen. Diese vorherige Hinweisung, gewissermaßen das Vorauserzählen des Kommenden, ist ein zünftiges Kunstmittel des Theaters. Dadurch, daß man eine erst künftig auf der Bühne erscheinende Person vorher nach Tracht und Art von andern beschreiben und ihre Meinungen darüber tauschen läßt, wird das Interesse an dem Kommenden nicht vermindert, sondern vermehrt.

Das letzte, nicht das schlechteste Ergänzungsmittel des erdkundlichen Bildes, das zugleich das Wort in hohem Grade entlastet, ist das Lichtbild. Es hat vor dem Bewegungsbild den Vorzug, eine lange ruhige Betrachtung zu ermöglichen, die großen Grundformen einer Landschaft usw. viel besser als der davonlaufende Film erkennen zu lassen, und auch künstliche Darstellungen, Schemen, Landkarten, Zeichnungen usw. zu ermöglichen. Es ist zugleich eine Erholung für das Auge, auch insofern, als es in einem ganz andern Sinne als der Film künstlerisch (malerisch) hervorragend sein und sowohl naturfarben wie bemalt dem besten Geschmack entsprechen und zeigen kann, was dem Film fehlt. Auf ihm kann man bequem die Stellen zeigen, an denen im Laufbilde etwas Besonderes zu beachten ist, und man kann anschaulich machen, wie sich die besondere Örtlichkeit des Laufbildes einem großen erdkundlichen Ganzen einordnet. Kein Film sollte ohne eingehende Vorbereitung und Vorbesprechung auf der Wand erscheinen. Nichts ist ein falscheres, stilwidrigeres Wirkungsmittel gerade für das Bewegungsbild als die Überraschung des Beschauers.

Alles, was wir genannt haben, läuft darauf hinaus, erdkundliche Bewegungsbilder in solcher Zurichtung, Vorbereitung, Ergänzung und Umgebung zu zeigen, daß die Beschauer das höchsterreichbare Maß von Wirklichkeitsanschauung unter allersorgfältigster Unschädlichmachung von Fehlerquellen und möglichster Erleichterung ihrer Sinnestätigkeit erhalten. So durchgeführt, vermag der Kino dem geübten Gelehrten den Forschungsgegenstand selbst in einem gewissen Grade zu ersetzen, dem Wissensbeflissenen wird er ein verläßliches Hilfsmittel, dem Schüler ein nicht irreführender Wegweiser, dem Künstler ein Genuß, jedermann eine geistige Bereicherung und der Menschheit ein Nutzen und eine kulturfördernde Völkerverbindung sein.


  1. [1)] Über Streben und Mängel der literarischen Erdbeschreibung ist es interessant, eine zusammenhängende Darstellung, z. B. „Die Naturschilderung bei (!) den deutschen geographischen Reisebeschreibungen des 18. Jahrhunderts“ von Oertel (Leipzig 1899) nachzulesen.
  2. [2)] Inzwischen wird von einem neuen Verfahren der Firma Gaumont (deutsches Haus) berichtet, das Kinemacolor in mancher Hinsicht übertreffen soll, wenn auch die Farbenabstimmung naturgemäß noch durch die Fehlerquellen beeinflußt wird.

II. Wissenschaftliche Erdkunde

Das Wort „wissenschaftlich“ wird im Zusammenhang mit Kinematographie geflissentlich mißbraucht. Man bezeichnet frischweg jeden Film nach Naturvorgängen als „wissenschaftlich“. Für alle andern bleibt ja das schöne Schildchen „künstlerisch“. In Wirklichkeit kann von „wissenschaftlicher“ Kinematographie im strengen Sinne nur da gesprochen werden, wo diese Technik — wie etwa das Mikroskop — der Forschung neue Möglichkeiten eröffnet, also etwa gestattet, Dinge zu beobachten, deren man ohne sie nicht habhaft werden konnte, oder alte in solcher Weise, die vorher nicht möglich war. Erst im weitern Sinne lassen sich Filme als wissenschaftlich bezeichnen, die alle Anforderungen erfüllen, um wenigstens als Hilfsmittel im auf wissenschaftliche Ziele gerichteten Unterricht verwendet werden zu können. Beides gilt von den bisher geschaffenen erdkundlichen Filmen nur ausnahmsweise, und wir wollen kurz untersuchen, wie weit die Kinematographie überhaupt für wissenschaftliche Zwecke brauchbar sein mag, und welche Anforderungen in diesem Falle an sie gestellt werden müssen.

Zunächst als Forschungsmittel im strengen Sinne kommt sie in zweierlei Hinsicht in Betracht. Erstens für die Erdgeschichtswissenschaft, insofern sie erdkundliche Erscheinungen, die der Veränderung oder dem Vergehen ausgesetzt sind, dauernd festhält und dadurch auch spätern Forschern und Geschlechtern die Untersuchung und Vergleichung ermöglicht. So stellte sich z. B. heraus, daß der Geiserfilm, den ich schon erwähnte (Neuseeländische Geiser, Urban-Eclipse), gerade dadurch einen außerordentlichen Wert hatte, daß er eine interessante, inzwischen aber verschwundene Naturerscheinung — vielleicht die großartigste ihrer Art — festhielt.[3)] Dergleichen Gegenstände würden sich in der Welt viel finden, aber nicht bloß auf dem Gebiete der Superlative, der „großartigsten“ usw., sondern mehr noch unter unscheinbaren Naturerscheinungen. Hier berühren sich die Interessen der Wissenschaft mit solchen der Allgemeinheit, für die erfreulicherweise das Verständnis mehr und mehr um sich greift: denen des Naturschutzes, und wo der nicht mehr möglich ist, der Erhaltung von Naturdenkmälern wenigstens im Bilde. Die Natur- und Heimatschutzgesellschaften seien an dieser Stelle besonders auf das Hilfsmittel der Kinematographie im genannten Sinne wie auch zur Werbung für ihre Bestrebungen aufmerksam gemacht. Wenn z. B. jetzt der Gedanke, große Naturschutzparks nicht nur in der engern Heimat, sondern eben in der ganzen Welt, vor allem in den Kolonien, anzulegen und im ursprünglichen Zustande zu erhalten, Gestalt gewinnt, so sollte man das Interesse dafür aufrufen durch Bewegungsbilder der betreffenden Gegenden, denen andere von bereits als unrettbar erkannten Gegenden wirksam an die Seite gestellt werden könnten. Besonders kommt dieses Sammeln von kinematographischen Naturdenkmälerabbildungen für die Gebiete der Pflanzen-, Tier- und Menschengeographie in Betracht. Man vergleiche die ergreifenden Darstellungen, mit denen Paasche im „Vortrupp“ und an andern Orten die denkende Menschheit auf die entsetzliche Verödung der Natur gerade in bis dahin „jungfräulichen“ Jagdgründen aufmerksam machen will, und lese da nach, wieviel der prächtigsten und bezeichnendsten Tierarten — Elefanten, Wale usw. — bereits dem Aussterben nahe sind. Ganz besonders denken wir hier natürlich auch an die Menschenkunde im weitesten Sinne des Wortes (Ethnographie), Rassen-, Volkskunde einschließlich urwüchsiger Bauarten, Industrien, Trachten usw. Hier handelt es sich ja ebenfalls leider häufig genug schon um unabwendbares Aussterben; überall aber liegt ein ständiger, oft langsamer, oft sehr plötzlicher Wandel der Erscheinungen vor. Diesen entwicklungsgeschichtlichen Wandel sowohl im Drum und Dran wie auf körperlichem Gebiete kann die Kinematographie in hervorragender, oft in einziger Weise der Forschung der Nachwelt vor Augen halten. Endlich kommt die Festhaltung einzelner Naturschauspiele, z. B. des Ausbruchs und Werdens neuer Vulkane, in Betracht, zu deren Aufnahme freilich meistens Zufallsglück gehört. Es wäre eine planmäßige Aufnahme möglichst vieler derartiger Naturdenkmäler über die ganze Welt zu befürworten. Für diese Aufnahmen müßten dann natürlich Sammlungen (Archive) angelegt werden, deren Inhalt nicht durch zeitgenössische Vorführungen gefährdet und im Wert gemindert werden dürfte. Ein solches Unternehmen wäre, wie unten nachzuweisen, durchaus kostenlos durchzuführen.