Während sie einer Flasche Wein zusprachen, warf Milan die Frage nach
Klamms nächsten Plänen und nach — Klamms Gattin hin. Er fragte ihn ohne
Rückhalt, ob er sich in seiner Ehe glücklich fühle.

Sie hatten ihr Inneres einander so häufig geöffnet, daß keinerlei
Unzartheit darin lag.

Klamm ließ einen ernsten Ausdruck in seinen Zügen erscheinen, und sagte:

„Daß ich aus den mehr als bedrängten Verhältnissen herausgekommen bin, daß sich meine teure alte Mama der Sorgen und der Vorwürfe, die sie sich meinetwegen gemacht, entschlagen hat, ist ja ein unschätzbarer Gewinn. Ja, ich muß sagen, daß ich dem Himmel nicht dankbar genug sein kann. Wenn Sie mich aber fragen, lieber Freund, ob ich glücklich bin, so sage ich — nein! Durchaus nicht!

„Immer mehr gelange ich zu der Einsicht, daß der Begriff Glück nicht zu definieren ist. Ein Blinder kann sehr glücklich sein, ein Armer, ein ewig Dienender, Entbehrender. Liebe zu unseren Mitmenschen, die Freude am Kleinen, die Fähigkeit, eines Sonnenstrahls Verschönerungskraft mit den Augen des Naturschwärmers würdigen zu können, Genußfähigkeit und Gesundheit können uns glücklich machen!

„Am wenigsten erzeugt Geld, Besitz an sich, Glück —

„Es muß dem Erdenmenschen immer etwas zu wünschen übrig bleiben, etwas, dem er entweder eifrig nachstrebt, und an dessen Gewinnung er dann Freude erlebt, oder dessen Erfüllung er der alles reifenden Zeit mit geduldigem Wartesinn überläßt.

„Das Furchtbarste ist: der Mann seiner Frau zu sein, in dem Sinne, daß sie das Vermögen hat, man selbst nichts besitzt und deshalb in seinen Bewegungen, Entschlüssen und Handlungen von ihr abhängig ist.

„Und darum antworte ich Ihnen: ich bin nichts weniger als glücklich.“

„Aber Ihre Frau Gemahlin vermag sich doch der besten Eigenschaften zu rühmen. Sie ist bekannt wegen ihrer Liebenswürdigkeit, Klugheit und Herzensgüte! Sie ist, wie ich sicher weiß, eine Sie sogar eifersüchtig liebende Frau, lieber Klamm.“