„‚Ich möchte Sie nun sehr ernstlich ersuchen, solche Koketterien mit meinem Gatten nicht ferner zu wiederholen! Ich möchte Sie erinnern, daß wir, Ihre Nachbarn, sehr streng über Ehrbarkeit, Sitte und Ehepflichten denken. Jawohl! Nicht nur ich — sondern auch mein Mann, dem Sie von Entbehrungen sprachen, den Sie — nun doch wieder an sich ziehen möchten.
„‚Bitte, bitte, echauffieren Sie sich nicht! Es ist doch, wie man hört, Ihrem Andrängen zu verdanken, daß Sie sich unmittelbar neben uns angekauft haben! Also Thatsachen sprechen!
„‚Ich fordere Sie auf, dafür zu sorgen, daß Ihr Gatte wieder von hier fortzieht. Erst dann werde ich glauben, daß Ihnen Sittlichkeits- und Ehrgefühl nicht abgeht, daß meine Rede den Zweck erfüllt hat, den ich mit ihr verbinde! Ich will meinen Gatten Ihnen nicht opfern!
„‚So, das habe ich zu sagen. Ich empfehle mich Ihnen —‘“
„Und du? Und du? Was antwortetest du?“ stieß Margarete nach diesem Bericht heraus, biß vor Zorn die Zähne zusammen, und ballte unwillkürlich die Hände.
„Ich that nichts, denn ich konnte nichts thun, Margarete,“ entgegnen Ileisa. „Sie war ja schon fort, als alle die Feuer, die sich in mir entzündet hatten, losbrechen und sie versengen wollten.
„Nachdem ich nur eben wieder Atem gewann, eilte ich, ohne mich aufzuhalten, ins Haus. Ich sehnte mich nach Vereinsamung, Nachdenken und Ruhe. Ich wollte mich hier auf's Sofa werfen und ausweinen — und fand dich!“
„Wohlan,“ erklärte Margarete mit fester Stimme und entschlossener Miene, „so will ich statt deiner antworten, so will ich jetzt zu ihr gehen. Ich will Einlaß fordern, und ihr erklären, was sie ist, was die Welt von ihr sagt, und ihr verbieten, sich ferner herauszunehmen, Personen zu beleidigen, die moralisch so hoch über ihr stehen, daß sie die Augen niederzuschlagen hat. Für dich will ich eintreten! Ich will ihr ins Gesicht schleudern, daß sie die Unehrbare ist, die mit Männern tändelt, die nichts anderes kennt, als Eitelkeiten und Aeußerlichkeiten, daß sie sich wie eine ungebildete Xantippe benimmt, während sie sich rühmt, eine Dame, eine Bevorzugte der Gesellschaft zu sein!“
Nach diesem Ausbruch wollte sich Margarete entfernen. Aber Ileisa hielt
sie zurück, redete auf sie ein, und teilte ihr das Gefühl der
Besonnenheit mit, das sie inzwischen selbst zurückgewonnen. Sie hatte
Einkehr in sich genommen, und ihr gerechtes Ich hatte sich gemeldet.
Wenn schon Herr von Klamm die vergangenen Dinge berührt habe, so hätte sie, erklärte sie, als verheiratete Frau, darauf gar nicht eingehen dürfen. Sie habe sich — unglücklich wie sie wäre — von ihrem Enttäuschungsschmerz fortreißen lassen.