„Wenn ich nicht bis übermorgen vormittag zehn Uhr einen Postrestantebrief (Hauptpostamt Unter den Linden) mit dreitausend Mark unter T.K. vorfinde, geschieht etwas! Was aus dem Verzweiflungsakt entsteht, ist mir gleichgültig. Ich habe dann wenigstens ein Obdach! Falls Du aber diese Kleinigkeit Deinem weniger vom Glück begünstigten Bruder zuwendest, ihm dadurch wieder zu einer dauernden, menschenwürdigen Existenz verhilfst, so wird er nicht nur alle Kränkungen vergessen, sondern Dich niemals wieder behelligen. Nun entscheide!

Dein Bruder

Theodor Knoop.“

„Schick' ihm das Geld,“ drängte Frau Fanny. „Was liegt dir an ein paar tausend Mark, wenn du Ruhe bekommst!“

Unwillkürlich sah Ileisa empor.

Wenn sie ihrer Tante einmal einen Teil einer solchen Summe würde bringen, ihr dadurch die Kargheit ihres Daseins vermindern könne, welche Seligkeit mußte das sein! Sie liebte die alte Dame, die mit einer schrankenlosen Selbstentäußerung für sie seit ihren Kinderjahren gesorgt hatte, mit den zärtlichsten Gefühlen. Und gegenwärtig wandten sich ihre Gedanken ihr besonders zu, weil sie sie so lange nicht gesehen hatte.

Sie kam sich so undankbar, so gefühllos vor, daß sie nicht den Weg zu ihr fand. Es berührte sie schwer, obschon sie nicht Schuld trug. Sie war gebunden; sie hatte Knoops versprechen müssen, ihre ganze Aufmerksamkeit den neuen Verhältnissen zuzuwenden, alte Beziehungen völlig außer acht zu lassen. Wohlan!

Aber daß Knoops nicht einmal bisher Anlaß genommen hatten, sich um die alte Dame zu bekümmern, sie ein einziges Mal einzuladen, fand sie grausam, ließ eine wirkliche Herzensbildung vermissen.

Herr Knoop aber erwiderte auf die Rede seiner Frau:

„Es ist ja nicht das Geld, Fanny! Ich würde gewiß die 3000 Mark geben, und wenn es sich um das dreifache handelte. Aber sowie ich ihm wieder die Hand biete, nimmt die frühere schamlose Zupferei kein Ende.