„Jeder hat etwas; jeder hat Berge von Fehlern, aber jeder hat Vorzüge, hat Anlagen, die entwickelt werden können. Deine Frau ist ein temperamentvolles Wesen! Sie ist auch gut, weich und lenksam, obschon sie, sobald es sich um ihr Ich handelt, egoistisch zu überlegen, sehr wohl die ihr mitgebrachte, nicht geringe Klugheit zu ihrem Vorteil zu gebrauchen weiß.
„Aber ist das nicht aller Menschen Art, und kannst du sie dir nicht weiter erziehen?“
„Ich würde aber, ich fühle es, Mutter, mit dem kleinen, pflichttreuen Mädchen im Knoopschen Hause trotz aller Entbehrungen weit glücklicher geworden sein. Ich liebe — ich wiederhole es — die ernste Arbeit; verachte die Uebertreibung. Ich besitze keinen Hang zum fortwährenden Vergnügen, zu reinen Aeußerlichkeiten. Ich bin — obschon ein Adliger — durchaus bürgerlich veranlagt; ich verkehre am liebsten mit ganz einfachen Leuten aus dem Volke!“
Zwischendurch war denn doch Klamm wieder dem liebenswürdigen und aufgeweckten Wesen seiner Frau erlegen. Daß ihre Zärtlichkeit, daß ihre reinen und ehrlichen Gefühle mehr in Blicken, mehr in stummer Hingabe befanden, nahm ihn auch für sie ein.
Sie liebte auch Klamm mit der Tiefe, deren sie fähig war, und wollte sich ihm in allem möglichst fügen. Sie wollte nur nichts von seiner bürgerlichen Richtung, nichts von Geschäften bürgerlicher Art wissen! Hofchef, Theater-Intendant, Ceremonienmeister, Oberstallmeister eines Fürsten konnte er werden. Aber Zeitungsunternehmer, Fabrikant, Kontorkaufmann! Dergleichen mußte er sich aus dem Sinn schlagen! Auch, wenn er wieder in die Armee eintreten wollte, hatte sie nichts dagegen. Aber das wies er wiederum schroff zurück. Er wollte keinerlei solche Abhängigkeit.
Endlich konnte er auch Gutsbesitzer werden, ihre, seine Güter selbst bewirtschaften. Das war nach ihrem Sinn. Dann konnte sie im Sommer auf dem Lande, und im Winter in Dresden leben, die Geselligkeit genießen, und die alte Rolle spielen!
Es hatte sich zunächst auch alles gestaltet, wie sie es gewollt. Die
Umstände waren ihr zur Hilfe gekommen.
Der Pächter auf ihrem Gute Groß-Loschwitz war unerwartet gestorben. Es bedurfte also einer führenden Hand, und dazu hatte sie ihn zum Schluß zu überreden gewußt.
Nach ihrem Aufenthalt im Süden, an den italienischen Spiel- und Vergnügungsorten, in Paris und Berlin, waren sie nach Dresden zurückgekehrt und rüsteten sich mit dem nun eben begonnenen Frühjahr — es war Mai geworden — nach Groß-Loschwitz überzusiedeln. —
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