„Ja, Herr Baron—“
Teut unterbrach Tibet lächelnd und sagte, sich eines Gesprächs erinnernd, das er einst im Clairefortschen Hause mit demselben Manne geführt, der jetzt so einsilbig Antwort ereilte: „Ganz wie damals:—ja—nein, Herr Baron!—antworten Sie mir, Tibet. Aber ich will gar nicht in Ihre Geheimnisse dringen. Nur mein Interesse für Ihre Person ließ mich fragen.“
„Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen, Herr Baron. Mich leitete etwas anderes. Was ich über die Meinigen mitzuteilen habe, ist sehr wenig erfreulicher Natur. Ich habe nie darüber geredet, schon deshalb nicht, weil meine Person dabei eine nicht gleichgültige Rolle spielt.“
„In der That,“ sagte Teut teilnehmend, „geht es den Ihrigen schlecht?
Haben Sie etwa noch unversorgte Geschwister?“
„Ich habe“—hier stockte Tibet eine Weile—„eine arme kranke Frau, unheilbar krank und gelähmt seit der ersten Zeit unserer Ehe, die mir ein kurzes Glück gewährte; sie lebt bei meiner Mutter und meiner Schwester, die sie pflegt, gnädiger Herr. Auch meine Mutter war schon völlig gelähmt, als mein Vater, der als Musiker sein Brot verdiente, starb. Vermögen war keins vorhanden bei seinem Tode. Ich hatte ursprünglich das Gymnasium bis zur Aufnahme in die Prima besucht und wurde dann—wie ich früher schon mitzuteilen mir erlaubte—Kaufmann. Ich hatte aber darin kein Glück, es wollte mir nicht gelingen, vorwärts zu kommen. Die dringende eigene Not und die meiner Angehörigen, die ganz auf mich angewiesen waren, bestimmte mich, die Stellung eines Haushofmeisters bei dem Herrn Grafen von Clairefort anzunehmen, die ich seit so vielen Jahren bekleidet habe. Ich mußte verdienen, gleichviel in welcher Lebensstellung, und hier fand ich, was ich suchte. Während dieser Zeit habe ich die Meinigen ernährt, ja mir selbst ein wenig sparen können für meine späteren Tage. Was ich empfand, gnädiger Herr, als Sie mir gestern die Aussicht eröffneten, fürs Leben an Ihrer Seite bleiben zu dürfen, vermag ich nicht zu sagen. Und Sie werden nach dieser Darlegung auch verstehen, welche Sorge von mir genommen ist. Ich bin ja nun sicher, daß die Meinigen—“ In dem hageren Gesicht stieg's bei diesen Worten auf, wie wenn der Sonnenschein plötzlich durch dunkle Wolken bricht, und die Rührung übermannte den Mann so sehr, daß er sich abwandte.
„Wie? Alle die Jahre haben Ihre Frau, Ihre Mutter und Schwester lediglich von Ihrem Fleiß gelebt?“ sagte Teut voll bewundernden Erstaunens. „Braver Mann! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen! Ich schätze es um so höher, weil selbst Ihre engsten Freunde von diesen Dingen nichts wußten. Es bleibt wahr: Die echten Perlen liegen versteckt in den Muscheln tief auf dem Meeresgrund! Man muß sie mühsam hervorholen. Eine echte Perle ist solche Pflichterfüllung und den Ruhm nicht an den breiten Weg stellen! Sie üben sie um ihrer selbst willen, in der Stille, ohne Geräusch. Das heißt ein Christ sein! Hier meine Hand, Sie braver Mensch! Ich bitte jetzt um Ihre Freundschaft! Ich biete sie Ihnen nicht mehr an!“
Tibet richtete sich bei diesen Worten in seiner ganzen Größe empor; ein ungewöhnlicher Glanz trat in seine Augen, und über sein Angesicht flog der Widerschein eines Sturmes von Empfindungen.
„O, zu viel! Zu viel, gnädiger Herr!“ rief er in jenem Rausche, der nur die Brust solcher Menschen zu durchdringen vermag. „Mit diesem Worte habe ich nicht umsonst gelebt! Mit diesem Tage werde ich ein anderer in dieser Welt und die Welt eine andere für mich! Aber mit diesem Worte, gnädiger Herr, haben Sie auch Ernst Tibet zu Ihrem Schatten gemacht für alle Tage und Stunden seines Lebens! Was ich bin und habe für die Zukunft, gehört Ihnen!“
* * * * *
Es war Morgenzeit. Ange öffnete voll Ungeduld einen Brief, den sie soeben erhalten hatte. Derselbe war von Tibet, welcher mitteilte, daß er an dem heutigen Tage zurückkehren werde. Als Ange dies mittags den Kindern kundgab, faßten sie einstimmig den Beschluß, ihn vom Bahnhof abzuholen. Nun standen sie erwartungsvoll da und schauten über den Perron hinaus. Als der Zug endlich näher kam, drängten sie sich zusammen, und waren voll Ungeduld, den Langersehnten zu begrüßen.