Nach kaum acht Tagen hatte Ange freilich noch Feuerung im Hause, aber sonst lagen die Dinge ebenso, fast schlimmer als vordem. Von dem Drange getrieben, achselzuckenden Mienen vorzubeugen, machte sie der Nachbarschaft größere Abzahlungen, als sie ursprünglich vorgesehen hatte, und erfuhr dabei, was jeder täglich beobachten kann, daß Geld der fahnenflüchtigste Geselle ist, der je einem Kriegsherrn diente.
Aber nun kam das Weihnachtsfest immer näher, an dem sogar jeder Tagelöhner seinen Kindern eine Freude zu bereiten suchte. Ange hatte für die Kinder nichts eingekauft, aber diese arbeiteten eifrig und versteckt an Geschenken für sie und erinnerten sie dadurch immer von neuem, daß sie auch Überraschungen von ihr erwarteten.
Selbst Fred war fleißig mit Gummi und Radiermesser bei einer Zeichnung beschäftigt, geschickter allerdings mit diesen, als mit Bleifeder und Kreide. Er war einmal ein flüchtiger kleiner Geselle.
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Es war einige Tage vor dem heiligen Feste und um die Abendzeit. Ein starker Schneefall hatte die Gegend in starre, bleiche Gewänder gefüllt. Von. Mondlicht umflossen, ragte die Wartburg wie ein von Geistern bewohntes Schloß unter den weißbedeckten Wäldern hervor. Ringsum in den Villen aber glitzerten hinter den Scheiben kleine unruhige Lichter, die seltsam, fast unheimlich abstachen gegen, die schweigsame, aller lebendigen Farben entkleidete Natur.
Es mochte gegen zehn Uhr abends sein, als ein großer kräftiger Mann, der sich soeben auf offener Landstraße von seinem ihn offenbar über Ort und Gelegenheit orientierenden Gefährten getrennt hatte, mit langsam schwerfälligen Bewegungen die Höhe hinaufstieg, auf der das Häuschen lag, welches Ange bewohnte. Je näher er seinem Ziele kam, desto bedächtiger wurden seine Schritte. Einigemal hielt er inne und schaute spähend um sich. Aber nirgends zeigte sich etwas Lebendiges: die Gegend war wie ausgestorben.
Endlich erreichte er das Haus, in welchem noch Licht war, klinkte leise eine kleine Pforte auf und wandte sich mit vorsichtigen Bewegungen rechtzeitig in den Garten. Vor dem nach diesem herausschauenden Fenster war kein Vorhang herabgelassen, es gestattete ungehinderten Einblick.
Der Mann—es war Teut—dämpfte seinen raschen Atem, blieb stehen und schaute lange und unverwandt ins Innere des Gemaches. Oftmals griff er sich in tiefer Bewegung an die Brust und einmal traten silberfunkelnde Tropfen der Rührung in seine Augen über das, was er erblickte.
Ange saß, das Gesicht ihm zugewandt, an dem Tisch, der mitten im Wohnzimmer stand, und betrachtete prüfend ein Kleidungsstück, das vor ihr auf dem Tische lag. Teut erkannte es als ein Militärbeinkleid, das Clairefort gehört haben mochte. Die bleiche Frau prüfte und maß, indem sie das kürzere Gewand eines der Knaben dagegen hielt.
Nachdem sie nach einigem Hin und Her zu einem Entschluß gelangt war, trennte sie die Nähte auseinander, breitete jeden Teil für sich aus, legte das Knabenbeinkleid darüber, schnitt mit vorsichtiger Hand das erstere danach zurecht und nähte dann die einzelnen Teile zusammen. Ohne auch nur ein einziges Mal aufzuschauen, saß sie über die Arbeit gebückt, und nur einmal ließ sie die Nadel ruhen, lehnte sich zurück, hob das neue Gewand empor und zupfte an dem Stoff.