Nun vermochte ihr Teut voll ins Angesicht zu schauen, und fiebernd flog es durch seine Brust, als ihr liebes, zärtliches und blasses Gesicht vor ihm aufstieg.
Einmal war's ihm, als ob sie seiner ansichtig geworden sei, denn plötzlich wandte sie mit verändertem, ängstlichem, gleichsam gebanntem Blick ihr Auge gegen das Fenster, hinter dem er lauschte. Er trat unwillkürlich zurück und spähte aus dem tieferen Dunkel ins Gemach.
Hatte sie ihn gesehen?—Nein! Vielleicht war's einer jener seltsamen Ahnungsschauer, die uns erfassen können, wenn auch diejenigen weit von uns sind, mit denen wir uns—in blitzartiger Erinnerung—beschäftigen.
Später stützte Ange den Kopf, starrte sinnend vor sich hin, griff dann nach einem Bleistift und machte sich auf einem Blättchen Papier allerlei Notizen. Offenbar beschäftigte sie sich mit ihren Kindern, vielleicht stellte sie noch einmal deren Wünsche für Weihnachten zusammen. Und dann begab sie sich abermals voll Eifer an die Arbeit, rührte fleißig die Hand und machte nur Pausen, um die Nähte mit dem Fingernagel nachzuglätten.
Wer sie heute so sah und einst gekannt hatte! Ein Gefühl heißer Rührung mußte emporsteigen und sich in Bewunderung verwandeln.
Einmal über das andere strich Teut in starker Erregung den Schnurrbart. Wie lange stand er nun schon da, und doch flog ihm die Zeit wie eilende Sekunden. Es waren lebhafte Gedanken, die ihn beschäftigten. Er sah, was vor sich ging, und sah's doch nicht; denn während er den Blick hineintauchte, gingen zahlreiche Gedanken durch seinen Kopf.
Und nun bewegte Ange in leisem Frost den Oberkörper und fuhr, die Nadel falten lassend, wiederholt über die sinkenden Lider. Sie starrte vor sich hin, sann und grübelte, bis endlich die Müdigkeit sie überwand und ihre Augen sich schlossen. Einmal blinzelte sie noch kämpfend auf, dann sank das Haupt tiefer und tiefer, und endlich saß sie regungslos da. Sie war eingeschlummert.
„Ange, Ange,“ murmelte der Mann in heftiger Bewegung, richtete noch einmal einen langen Blick auf die Schlummernde und verließ nun vorsichtig und fast erschreckt durch seine eigenen Schritte auf dem hartgefrorenen, knarrenden Erdboden den Ort, an welchem er gesehen, was eine stumme, aber so beredte Sprache geredet hatte.
* * * * *
Am folgenden Vormittage schlich Ange—sie hatte durch Zufall erfahren, wo sie gegen Pfand ein Darlehen erhalten konnte—mit zagendem Herzen ins Versatzamt und verschaffte sich das Geld, dessen sie so dringend benötigt war. Sie hatte unter anderem ihre goldene Uhr—ein kostbares Stück—hingegeben und befand sich durch den dafür erhaltenen hohen Betrag sogar in der Lage, ihrem Nachbar die vorgeschossene Summe zurückzahlen zu können. Sein zögernd gewährter Dienst brannte ihr wie Feuer auf der Seele, und sie fand keine Ruhe, bis sie die Summe in seine Hände zurückgelegt hatte.