„Wer seine Schulden bezahlt, verbessert sein Vermögen,“ sagte Putz, ohne eine Befremdung über den früher innegehaltenen Termin an den Tag zu legen, und entließ auch Ange ohne Nachfrage oder Angebot für andere Fälle.

An demselben Nachmittag machte Ange sich auf den Weg, um Einkäufe zu machen, und Ben, der ihr Helfer und Vertrauter in allen Dingen geworden war, mußte sie begleiten. Als sie ziemlich wortkarg neben ihm herschritt, schmiegte er sich zärtlich an sie, und als sie ihm seine Besorgnisse durch eine fröhliche Miene zu nehmen suchte, sah er sie mit seinen tiefen Augen an und drückte ihren Arm fester, den sie gefaßt hatte, als sei er ihr kleiner Kavalier.

Als Ange unterwegs noch einmal alles überrechnete und mit einem: „Du armer Kerl wirst wenig oder nichts erhalten!“ bedauernde Worte gegen ihren Liebling fallen ließ, sagte der Knabe:

„Ich will gar nichts, ich brauche nichts, Mama!“

„Du bekommst auch wirklich nichts, mein lieber Junge, sei ohne Furcht!“ betätigte sie mitleidig. „Was ich Dir zugedacht habe, ist etwas, das Du dringend nötig hast und was ich Dir gern besser gegönnt hätte!“

Am nächsten, dem letzten Abend vor dem Feste, wollten Ange und Ben den Baum ausputzen. Heute saß sie noch mit fleißiger Hand und arbeitete an einem wollenen Halstuch für Jorinde, der es besser ging, die aber geschont und vor kalter Luft in acht genommen werden mußte.

Anges Gesicht war etwas fröhlicher; ein stiller, sanfter Zug lag in ihren dienen. Was sie erreicht hatte, erfüllte sie wenigstens vorübergehend mit einer glücklichen Befriedigung, und nur eins drängte sich schwermütig in ihre Gedanken: daß das Fest ohne Tibet gefeiert werden müsse. Sie gedachte auch Carlos', ihres Mannes, aber vornehmlich trat Teut in ihre Gedanken. Sie seufzte tief auf. Eine verzehrende Sehnsucht erfaßte sie nach ihm. Sie verlangte nach seiner festen Stimme, nach seinem Blick, nach seiner Teilnahme, nach seiner—Liebe.

Ange sah nach der Uhr. Es schlug gerade zehn. Noch wollte sie aufbleiben, länger als gestern, wo sie zu ihrem Leidwesen dem Schlaf erlegen war.

Und gerade in diesem Augenblick vernahm sie draußen ein Geräusch an der
Thür, und im nächsten wurde auch die Klingel gezogen. Überrascht,
erschreckt wandte sie den Blick ins Freie. Das Mädchen war schon zur
Ruhe gegangen, die Kinder schliefen. Sie begriff nicht, wer noch so spät
Einlaß begehren könne.

Statt auf den Flur zu gehen, trat sie ans Fenster und spähte behutsam hinaus. Aber wie von einem Blitz getroffen fuhr sie zurück, denn als sie den Vorhang verschob, sah sie unmittelbar neben der Mauer einen Mann, von dessen Gestalt sie nur die Umrisse zu erkennen vermochte, dessen Züge ihr aber in der Dunkelheit verschleiert blieben. Einen Augenblick! Dann faßte sie sich, drückte, ihre Erregung zu dämpfen, die Hand aufs Herz und fragte kurz mit künstlicher Fassung: „Wer ist da und was wird gewünscht?“