„Liebe Gräfin! Liebe Freundin! Ich bin's, Teut! Erschrecken Sie nicht!
Soeben bin ich angekommen. Ich muß Sie durchaus sprechen. Bitte, öffnen
Sie. Verzeihen Sie dieses späte Eindringen.“
Teut—so plötzlich—ohne Anzeige—in später Nacht?—Ange verlor den Atem, fast die Besinnung. Es war seine Stimme, dieselbe Stimme, die sie so lange nicht gehört und bei deren Klang ihr Herz zu zerspringen drohte.
Noch einmal schaute sie hinaus, dann überwog ihr ahnendes Gefühl Bedenken und Furcht. Mit einem leisen, zitternden: „Ich komme—ich mache auf!“ trat sie hinaus und öffnete.
Ja, es war Teut! Mit einem unterdrückten Schrei, totenblaß—und als er nun auf sie zutrat und ihre Hand ergriff—mit dem brennenden Rot der Erregung übergossen, stand sie da und war keines Wortes mächtig. Aber als sie nun das Zimmer erreicht hatten, als das Licht über seine Züge fiel, als die hohe, kräftige Gestalt vor ihr auftauchte, als dieser ernste und doch so gütige Blick aus seinen Augen sie traf, da folgte sie der unwillkürlichen Bewegung seiner Hände, trat zu ihm heran und lag plötzlich sanft weinend an seiner Brust.
Einige Augenblicke verharrten die beiden Menschen in jener stummen, inneren Bewegung, in der jeder Gedanke hinabtaucht in eine einzige Empfindung und in der Worte zu Thränen werden.
Dann aber faßte er sie und lehnte sie sanft in einen Stuhl, beugte sich über sie und schaute ihr lange in die Augen.
„Das alles konnten Sie thun und ganz vergessen, daß Axel von Teut nur einen Lebenszweck auf dieser Welt hatte: Sie glücklich zu machen? Aber ich komme nicht, zu hadern, sondern Ihnen zu sagen, daß ich meiner Unruhe nicht mehr Herr wurde und meine fiebernden Gedanken sich zusammendrängten in dem einzigen Wunsche: Sie endlich wiederzusehen! Und nun hören Sie mich an und unterbrechen Sie mich nicht. Wollen Sie?“
Leise zustimmend bewegte Ange das Haupt.
„Nehmen, lesen Sie zuvörderst, um Ihnen den Anlaß meines plötzlichen Kommens zu erklären,“ fuhr Teut fort und entfaltete einen Brief. „Oder nein! Lassen Sie mich,“ unterbrach er sich und begann, Anges Zustimmung durch einen sanften Blick einholend:
„Lieber Onkel Axel!“ Ange horchte erschreckt auf bei dieser Einleitung. Eine Ahnung des Zusammenhanges stieg in ihr empor und wurde schon zur halben Gewißheit.