„Sei nicht böse, wenn ich Dir heute schreibe. Nicht einmal genau weiß ich Deine Adresse. Ich habe in der letzten Zeit so viel geweint um meine Mama und kann nicht mehr ansehen, daß sie so traurig ist. Lieber Onkel Axel! Mama hat so viele Sorgen; ganz gewiß. Tibet ist nicht mehr bei uns. Ich weiß weshalb. Wenn Du kommst, erzähle ich Dir alles. Und Du wirst kommen, bald, bald, wenn ich Dich bitte. Nicht wahr, lieber Onkel? Gewiß würde ich Dir dies nicht schreiben, aber ich muß es thun. Schreibe mir, bitte, und adressiere an meinen Schulkameraden, den Tertianer Carl von Trock in Eisenach. Er wird mir den Brief geben. Niemals aber darf Mama von meinem Brief an Dich wissen. Du sagst es ihr nicht? Bitte, lieber Onkel! Und nun grüßt Dich Dein Dich liebender

Benno von Clairefort.

Begreifen Sie jetzt, liebe Freundin? Gewiß, Sie verstehen, und ich habe nun endlich erreicht, wonach ich verlangt habe seit Carlos' Tode, was mein Recht war, aus einer Zusammengehörigkeit zwischen uns, wie menschliche Beziehungen sie kaum wieder aufzuweisen haben. Lassen Sie mich von vorn beginnen, damit ich Ihnen erkläre, wie alles sich so gestalten mußte. Lassen Sie mich auch deshalb zurückgreifen, um Ihnen zu beweisen, daß es nichts gegeben hat, was ich in Ihrer Handlungsweise nicht verstand, nicht ehrte.“ Und mit bewegter Stimme rief er das Geschehene in ihr Gedächtnis zurück.

„O, wehren Sie mir nicht!“ sagte er, als er ihre Erschütterung sah.
„Weinen Sie nicht! Sind es noch Thränen des Zorns oder Thränen der
Versöhnung? Ist's gar—darf ich es hoffen?—ein Beweis, daß ich Ihnen in
diesem Augenblick die Genugthuung gab, nach der Sie verlangten? Ja, Frau
Ange?—Ich danke Ihnen.—Und nun hören Sie weiter!“

Teut machte eine kurze Pause, und dann sagte er, behutsam seine Worte abwägend und mit einer Zartheit, wie sie nur ihm eigen:

„Ich habe mir folgendes gedacht, liebe Frau Ange: Sie überlegen, ob wir nicht an einem Orte gemeinsam wohnen können und uns—als alte Freunde—täglich sehen; ja, durch unseren Verkehr uns das Glück verschaffen, was uns neben dem Wohlergehen Ihrer Kinder noch auf Erden beschieden sein kann. Wenn ich sage ‚uns‘, so verzeihen Sie dieses Wort; ich hätte nur von mir sprechen sollen. Ich habe keinen anderen Wunsch, als in Ihrer Nähe zu leben und Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihnen zugethan bin. Fürchten Sie keine aufdringliche Freundschaft, Ange, ich verspreche Ihnen, daß ich Ihre Ansichten und Absichten ehren werde wie ein Gottesgebot. Stimmen Sie zu! Ist es nicht thöricht, daß wir, die wir schon zueinander gehörten, als wir uns zum erstenmal begegneten, uns voneinander abschließen wie Feinde? Sind wir nicht Freunde? Gingen Sie, wenn auch begreiflicherweise bei den furchtbaren Gegensätzen Ihres Lebens—nicht zu—weit, nicht zu sehr ins Extrem? Ist es nicht auch eine Größe, nehmen zu können? Mißverstehen Sie mich nicht! Wenn ich sprach, wünschte ich nur von den natürlichen Rechten der Freundschaft ein Wort fallen zu lassen; nicht einen Vorwurf wollte ich Ihnen machen, liebe Freundin. Mich zu entschuldigen wünschte ich. Ich ließ mich hinreißen von dem unbeschreiblichen Glück, das den Geber durchdringt—ich fehlte; aber Sie gaben nicht einen Finger, um mir dieses Glück zu gönnen.—Ich habe nichts mehr zu sagen.—Nun, liebe Frau Ange, was meinen Sie?“

Er stand auf und faßte ihre beiden Hände, er suchte ihre verschleierten Augen und drängte sich mit seiner Seele zu der ihrigen. Und als dann plötzlich so viele Tropfen unter ihren Wimpern zuckten, da wußte er, daß sie vergeben hatte, daß alles zwischen ihnen war wie ehedem.

* * * * *

Bevor Teut sich an dem eben geschilderten Abend von Ange trennte, erwirkte er auch Verzeihung für Tibet, der seit seiner Trennung von Ange bei ihm in Eder sich aufgehalten und ihn auch nach Eisenach begleitet hatte.

Ange aber schloß kein Ange in dieser Nacht. So unvorhergesehen, so plötzlich war alles über sie gekommen, so mit einem Schlage waren alle Dinge verändert, daß sie sich wiederholt an die Stirn griff; ob's denn auch Wahrheit und kein Traum sei. Haltende, brennende Ströme jagten durch ihr Inneres. Die stille Liebe zu Teut hatte sich durch das Wiedersehen in einen drängenden, stürmischen Frühling verwandelt. Er war an ihrer Seite und sie sollte ihn vielleicht wieder verlieren?