Als sie Platz genommen, knöpfte Clairefort den Rock auf und holte tief
Atem. Teut aber sagte nachlässig und mit einem Anflug von Ungeduld:
„Nun, was steht zu Diensten, Clairefort?“
Durch diesen Ton war jener schon halb entwaffnet; jedenfalls fand er nicht gleich das Wort. Und als er es noch immer nicht fand und, um es zu gewinnen, aufstand und das Fenster öffnete, obgleich von draußen der Spätherbstnachmittag kühl ins Zimmer drang, erhob sich Teut und sagte:
„Nun, Clairefort, dann will ich zuerst sprechen. Sie wünschen abermals über Ihre Frau mit mir zu reden, oder richtiger über Ihre Frau und mich, und Sie wollen mir sagen, daß es besser ist, wenn alles beim alten bleibt, ja noch mehr, daß Sie mich mehr aus der Entfernung schätzen als in Ihrer Nähe und deshalb—nein, ich bitte, lieber Clairefort, wir wollen einmal deutsch sprechen!—und deshalb wünschen, daß ich meine Besuche einstelle. Sie sind in blinder, thörichter Eifersucht befangen und zeigen dadurch, wie wenig Sie den Charakter Ihrer edlen Frau zu schätzen wissen, wie gering Sie auch von mir denken. Aber da ich Ihnen nachfühlen kann, ja heute mich ganz hineinzuversetzen vermag, weshalb es Ihnen schwer wird, zu thun, was Sie als recht befunden, was auszuführen aber eine heilige Pflicht ist gegen Ihre Familie, gegen Ihr künftiges Wohlergehen, deshalb sagte ich als Freund, der Ihre Frau wie eine Schwester liebt und der Ihnen warm und herzlich zugethan ist: ‚ich will Dir helfen. Lasse mich handeln, und wenn's gelungen ist, dann heiße mich meinethalben gehen.‘ So wollte ich es, so dachte ich es! Sie, Clairefort, zweifelten schon bei dem ersten Schritt, den ich that, wie mir scheinen will, an meiner Aufrichtigkeit und an der Reinheit meiner Gesinnungen. Als Ihre Frau mir dankte und es in ihrem kindlichen Herzen überströmte, standen Sie da wie ein zorniger Brigant und kämpften nur mühsam Ihre Leidenschaft nieder. Und nun noch eins! Jederzeit bin ich für Ihre Frau auf der Welt—für sie und ihre Kinder! Aber ich bitte Sie auch um derentwillen, unterdrücken Sie so falsche, durch nichts gerechtfertigte Regungen! Habe ich durch meine Rede unangenehme Empfindungen geweckt, habe ich Ihnen gar wehe gethan, Clairefort, so sehen Sie mir dies nach! Vergessen Sie! Es mußte Klarheit zwischen uns sein! So, und jetzt lassen Sie mich gehen. Ich wünsche noch, Ihrer Frau zu sagen, daß wir uns als Männer ausgesprochen haben. Ich wünsche es, weil ich den furchtsamen Blick in ihrem lieben Gesicht beobachtete und sie niemals leiden sehen möchte, wo immer es in meiner Macht steht, dies zu verhindern.“
Clairefort hatte das Fenster wieder geschlossen. Er stand, das Gesicht der Scheibe zugewendet, bewegungslos. Einigemal hatte es in seinem Körper gezuckt, mehreremal ballte er die Faust—aber er hatte kein Wort entgegnet und sprach auch jetzt nicht. Als Teut sich zur Thür wandte, als sich in seinem langsamen Schritt nicht Zwang, wohl aber die Erwartung einer Erwiderung von jener Seite ausdrückte, kehrte sich Clairefort zu ihm.
Es war feucht in seinen Augen, ein unsagbarer Schmerz irrte um seine zuckenden Mundwinkel, und er sah Teut mit einem so hilflosen Blicke an, daß dieser auf ihn zueilte und ihm die Hand drückte.—
War nun endlich alles im alten Geleise? Teut war darüber nicht im klaren. Ange aber schmiegte sich ängstlich und fragend an den Freund, als er ihr Gemach betrat. Sobald er aber auf ihre hastigen Fragen mit jener vertrauenerweckenden Ruhe antwortete, die ihn so anziehend machte, entwichen die ernsten Schatten auf ihrem Gesicht, wiederbelebte Hoffnung verschönte ihre Züge und in ihrem unzerstörbaren Sanguinismus glaubte sie schon wieder das Beste.
„Sie bleiben heute nicht zu Tisch, Teut? Wann kommen Sie? Wann reiten wir aus? Sie sind doch morgen bei dem Diner? Sehen wir uns noch?“ So fragte sie und so schien bereits alles wieder verwischt, was sie noch eben so zaghaft berührt hatte.
* * * * *
Die Zeit war vergangen.
Teut hatte durchgesetzt, was er wollte. Der größte Teil der Dienerschaft wurde entfernt. In das Hauswesen, in Küche und Keller kam eine andere Ordnung, in die Erziehung der Kinder ein anderer Geist. Die neue Gouvernante erhielt die gemessensten Befehle und empfing Vollmachten, die verhinderten, daß das frühere planlose Treiben fortgesetzt wurde.