Unter heftiger Bewegung hörte Teut das alles an. Trug er denn die Schuld? Hatte er das alles heraufbeschworen?—Vielleicht! Er erkannte, daß meistens nur die Not selbst zur Lehrmeisterin der Menschen wird. Er hatte eingegriffen in die Pläne des Schicksals. Statt aus dem Regen den Sonnenschein von neuem hervorbrechen zu lassen, hatte er diesem zu frühzeitig ein Dach gebaut, und ein Dach, welches das goldene Licht verscheuchte.

* * * * *

Teut saß in seinem Zimmer und arbeitete. Seit Stunden war er nicht vom Schreibtisch gewichen, und einige Male lehnte er sich zurück und blickte sinnend und verloren die Pinselstriche der flüchtigen Malerei zählend, zur Decke empor. Die letzten Vorgänge hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er litt mit seiner geliebten Ange und verstand alles und sann, wie ihr zu helfen sei. Aber konnte er ihr die sorglose Fröhlichkeit zurückgeben? Konnte er sie wieder jung machen? Was sie innerlich litt, übertrug sich auf ihre Erscheinung. Schon begann sich etwas von dem holden Zauber zu lösen, der sie vor Jahren so unwiderstehlich gemacht hatte.

Und dann sagte er sich doch, daß nicht die veränderte Lebensweise schuld sein könne, sondern ganz andere Dinge Ange beschäftigen müßten. Ja, das war es! Sie war nicht glücklich in ihrer Ehe, und den Ersatz, welchen sie früher in ihren Kindern fand, entbehrte sie jetzt doppelt, da man sie ihr halb genommen hatte. Aber das letztere konnte doch wieder ins rechte Geleis gebracht werden. Ein Wechsel in der Persönlichkeit, die den Unterricht erteilte, war schnell zu bewerkstelligen. Es brauchte nicht alles wie bisher auf die Spitze getrieben zu werden: es gab auch freundliche Ermahnungen statt rücksichtslose Strenge, und es handelte sich nicht um Lernen und Wissen allein. Der gute Mittelweg war auch hier der richtige, und indem man diesen einschlug, würde wiederkehren, wonach Ange verlangte. Eines stand fest in Teut: auch jetzt mußte er eingreifen, da Clairefort zu keiner Initiative zu bewegen war.

Wie oft hatte Ange geklagt, daß sie nicht auszukommen vermöge, wie sehr sie sich einschränken müsse. Clairefort blieb bei alledem taub. Aus ihm war jetzt ein ängstlicher Sparer, ein Geizhals geworden.

„Kann ich Sie heute einmal ruhig sprechen? Sind Sie zu hören aufgelegt, liebe Ange?“ fragte Teut an einem der nächsten Tage. Sie nickte und legte die Hände in den Schoß. Seltsam! Teut bemerkte, daß sie sich vernachlässigte, keinen sonderlichen Wert mehr auf ihr Äußeres legte: auf Blumen und Schmuck wie früher.

Auch heute sah sie unvorteilhaft aus. Das graue Hauskleid stand ihr nicht eben gut, und das wundervolle Haar saß versteckt unter einer Haube, die sie um viele Jahre älter machte.

„Ich wollte Ihnen nach unserem letzten Gespräch eine Bitte vorlegen,“ fuhr Teut fort. „Ich habe viel über das nachgedacht, was Sie mir gesagt haben.“

Sie neigte das Haupt, ohne Ausdruck in ihrem stillen Gesicht.

„Ich höre, daß Carlos seinen Abschied nehmen will, daß er ihn nehmen muß—“