Ange, die schon alles gewonnen glaubte, dankte mit gerührten Worten. Besonders beglückt aber war sie, als ihr Olga beim Abschied die Hand drückte und die Worte zuflüsterte: „In jedem Fall, wie sich auch die Dinge gestalten“ (hier deckte sich Olga nicht nur den Rückzug, sondern vergoldete diesen auch noch durch eine Äußerung, deren Wirkung auf Ange sie richtig berechnete) „seien Sie versichert, daß niemand von dieser Angelegenheit etwas erfahren wird, daß sie bei mir unter einem stummen Munde ruhen bleibt.“
Nach diesen Worten und nach einer abermaligen zärtlichen Umarmung ging sie.
An demselben Abend hatte Ange bereits eine von vielen schönen Worten umrankte Ablehnung, und um dieselbe Stunde fand eine Unterredung zwischen ihr und Tibet statt. Sie verhehlte ihm weder den Inhalt von Olgas Brief, noch die jetzt in ihr emporsteigende Befürchtung, daß jene nicht verschwiegen sein werde. Sie bewegte sich in leisen Hoffnungen, daß ihr Tibet in diesem Punkt nicht recht geben werde, aber er nickte zustimmend und sagte:
„Frau Gräfin, wenn Sie nur das nicht gethan hätten! Morgen wird's die ganze Stadt wissen!“
Ange erschrak. Was sie beängstigte, bestätigte Tibet mit kalter Einsicht. Ihr Stolz bäumte sich auf, und eine angstvolle Scheu vor den Menschen bemächtigte sich ihrer. Nun würde auch ihre Umgebung, ihre Dienerschaft bald darum wissen, daß sie in ihrem fürstlich eingerichteten Hause eine Bettlerin sei. Sie sah schon die Mienen derer, die bald geschmeidige Katzen, bald fletschende Wölfe sind, je nachdem sie glauben oder fürchten, es könne ihnen des Teufels bestlockender Köder werden oder entgehen.
Und nun kam Ange in ihrer Ratlosigkeit auf die Verwertung der Diamanten zu sprechen, und Tibet widerriet lebhaft.
Es ist eine eigentümliche, sich stets wiederholende Erscheinung, daß einfache Leute den Verlust geringfügiger Dinge in solchen Lebenslagen schwerer empfinden als irgend etwas anderes. Das Unglück selbst entlockt ihnen nicht so viele Thränen als die Aussicht, sich von gewissem Tand trennen zu müssen. Die Pfändung einer Uhr, einer Kette, eines Medaillons, ja oft eines blitzenden Küchengeräts raubt ihnen den letzten Trost und versetzt sie in einen Zustand heftiger Gemütserregung. Ebenso erging es Tibet, bei dem überdies noch die gleichsam ins Blut übergegangene Ehrfurcht vor den Personen und Dingen, unter denen er gleichsam aufgewachsen, mitwirkte.
Er war außer sich, als Ange ihre Absicht zu erkennen gab, und bot in fast demütiger Weise von neuem seine Ersparnisse an.
Aber in Ange kämpfte edle Vorsicht mit der Scheu, sich ihrem Diener zu verpflichten. Sie wies Tibets Anerbieten abermals aufs entschiedenste zurück.
Tibet schlug nun vor, wenigstens den Verkauf nicht in C., sondern in einer anderen Stadt zu bewirken. Es sei kaum einmal wahrscheinlich, daß am Orte jemand eine so große Summe dafür hergeben oder darauf anleihen werde. Den Schmuck lediglich zu verpfänden, empfahl Tibet zudem dringend, immer in der Hoffnung, dieser könne Ange doch noch gerettet werden.