„Bin wegen Diebstahlsverdacht verhaftet. Wertsachen sind mit Beschlag belegt. Frau Gräfin persönliches Erscheinen hier auf dem Kriminal-Kommissariat möglichst bald erforderlich. Bedaure unendlich hervorgerufene Unruhe.
Gehorsamst Tibet.“
„Auch das noch!“ wiederholte Ange noch einmal und blickte wie eine Irrsinnige ins Leere. Es schien mit den Prüfungen erst der Anfang gemacht; immer Neues ballte sich zusammen, um die gequälte Frau zu ängstigen, zu verwirren und völlig mutlos zu machen.
Als Ange damals Olgas Billet empfangen hatte, saß sie wie erstarrt. Aber zunächst waren es nicht die dadurch wieder emporsteigenden Geldsorgen, die sie beunruhigten, sondern es jagten Scham und Enttäuschung und neben diesen die Gefühle bitterer Reue durch ihre Seele. Sie sah Teut vor sich, der ernst und vorwurfsvoll den Kopf schüttelte und ihr zurief: „Sie haben wieder Ihren Verstand spazieren geschickt und sich mit Ihrem Gemütsdrang auf den Weg gemacht. Warnte ich Sie nicht vor dieser Frau? Das alles hätte ich Ihnen vorherigen können, und unnötig, ja, zu Ihrem Schaden haben Sie sich bloß gestellt. Frau von Inks Gutherzigkeit ist nur Maske, und überall, wenn das Unglück in die Hinterpforte schleicht, ist die Welt plötzlich von Menschen ausgestorben.“
Als die Gouvernante zurückkehrte, verbarg Ange die Depesche, schützte Müdigkeit vor und zog sich zurück. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in einen Stuhl und weinte sich aus.
„O Carlos, Carlos! Wer sang mir an meiner Wiege von so viel Herzeleid!“ flüsterte Ange. „Bin ich ein so schwacher Mensch, daß die Angst Tag und Nacht durch mein Inneres jagt, daß ich nicht mehr lachen, daß—ach—ach—“—hier brachen die Thränen durch die zarten Finger—„daß der Anblick meiner Kinder mich nicht mehr zu trösten vermag?“
Sie ergriff die Lampe und wandte sich in das Zimmer ihres Mannes.
Der eigentümliche Duft, der stets die Räume durchweht hatte, erfüllte sie auch heute noch. Carlos saß nicht mehr in dem hohen Stuhl. Ringsum die Spuren eines lebenden, nun für immer dahingegangenen Menschen. Geradlinig wie sonst standen die Bücher in den Regalen. Im unverschobenen Winkel lag die Schreibmappe. Hier hing sein Säbel, die Militärmütze, dort standen noch seine Reiterstiefel, und drüben lagen die weißledernen Handschuhe, die er abgestreift hatte, als er des Königs Rock auszog.
Von einer unheimlichen Angst erfaßt, drehte Ange den Schlüssel zu Carlos' Schlafgemach ab. Ihr war plötzlich, als ob der Tote in der Thür erschienen sei und nicht mitleidig, nein, ernst und vorwurfsvoll sie angeblickt habe. Weilte sein Geist noch in den Räumen, wirkte sein Wesen noch nach, das fieberhaft und reizbar jeden Eintritt abgewehrt hatte?
Ange suchte sich zu fassen und öffnete die Schubladen des
Schreibtisches.