Zum Glück für Ange hatte der Zug nun bereits das Frankfurter Weichbild erreicht. Der Fremde machte sich hastig mit seinen Sachen zu schaffen, und Ange wandte sich, noch atemlos vor Aufregung, ins Coupé zurück. Wenige Augenblicke und der letzte Pfiff ertönte. Die Wagen hielten, die Thüren wurden aufgemacht, der Fremde sprang mit kurzem, scheuem Gruß eilend hinaus, so eilend, daß Ange ihn in der nächsten Sekunde aus den Augen verlor, und sie selbst verließ, noch unter den Nachwirkungen der Schrecken, die über ihr geschwebt, den unheimlichen Raum und fuhr in die Stadt.
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Als Ange nach einer Nacht voll aufregender Träume und Beunruhigungen zu einer Überlegung der Aufgaben des Tages gelangte und zunächst sich erinnerte, daß sie sich einige Geldmittel verschaffen müsse, saß sie lange grübelnd da und vermochte sich nicht zu einem Entschlusse aufzuraffen. Nur wer sich in einer Lebenslage jemals befunden hat, in der das Notwendigste nicht allein fehlt, sondern auch der Blick in die Zukunft das Traurigste vor Augen stellt, wird den Zustand von Mutlosigkeit und Unsicherheit begreifen, in welchem sie sich befand.
Die Rückwirkung der Aufregung des verflogenen Abends, die Geldsorge, die dadurch hervorgerufenen Eindrücke, namentlich das Gefühl, etwas anderes zu scheinen, als die Umgebung voraussetzte, die fremde Stadt, die bevorstehende polizeiliche Vernehmung—dies alles übte eine solche Wirkung auf Ange aus, daß sie, zum Fortgang schon gerüstet, auf der Treppe noch einmal umkehrte, sich in ihr Zimmer zurückbegab, und weinend nach Fassung rang.
Und diese ward ihr endlich! Ja, noch mehr. Was bisher zu keinem Ausdruck gelangt war, weil der richtige Prüfstein fehlte, gestaltete sich allmählich klar und kräftig in ihrem Inneren. Sie gedachte ihrer Kinder, und bei der Erinnerung an diese stärkte sich ihr Pflichtgefühl. Der Adel ihrer Seele half ihr zu einem unabänderlichen Entschluß und zu einem festen Willen. Nun zeigte sich, daß sie aus einem besseren Holz geschnitten war als der Durchschnitt derer, die in der Welt umherwandeln.
Kein Rückblick mehr auf frühere sorglose Zeiten, keine Vergleiche! Geradeaus wollte sie ihr Auge richten! Ein heiliger Ernst durchdrang sie: jener sittliche Ernst bemächtigte sich ihrer, ohne den niemand wagen darf, auf den Kampfplatz des Lebens zu treten, mit dem aber jeder ein Feld sich eröffnet, dessen Enden ohne Grenzen zu sein scheinen.
Ange beschloß, zunächst einen Wagen zu nehmen und nach einem Pelzgeschäft zu fahren; von dort wollte sie sich ins Polizeigebäude begeben. Nachdem sie Erkundigungen bei dem Portier eingezogen—sie wurde rot bei ihrer Frage—, fuhr sie ab.
Kaum zehn Minuten später betrat sie das Magazin und legte den Mantel, den sie im Wagen abgezogen hatte, dem Käufer, einem jungen Menschen mit einer verdrießlichen Geschäftsmiene, vor.
„Ich bin auf der Reise. Dieser Pelz ist mir überflüssig, ich wünsche ihn zu veräußern. Wollen Sie die Güte haben, ihn zu prüfen und einen Preis zu nennen?“
Der Angeredete schob das kostbare Stück hin und her, nickte und sagte endlich: „Ich glaube, daß wir den Mantel erwerben würden. Aber der Chef ist augenblicklich verreist. Wollen Sie ihn nicht bis übermorgen zur Verfügung halten? Ich kann den Handel allein nicht abschließen!“