Ange erwiderte, daß dies nicht möglich sei, und bat um eine andere
Adresse. Nachdem eine mürrische Antwort erfolgt war, entfernte sie sich.
Ange fuhr durch eine Reihe weitläufiger Straßen und Gassen, bevor sie ihr Ziel erreichte. Die großen Geschäftshäuser mit ihren geschmückten Läden türmten sich vor ihr auf. Sie sah die eilenden Fuhrwerke und Menschen, blickte in den Dunst und Wirrwarr des Verkehrs und ward hier angezogen, dort abgestoßen von den Bildern des geräuschvollen Lebens. Aber diese Eindrücke gingen gleichsam nur wie ein Schatten neben den Gedanken einher, die sie beschäftigten.
Und da plötzlich tauchte beim Hinausschauen eine Gestalt vor ihr auf, die sie kannte. Im Fluge des Vorüberfahrens sah Ange ihren Reisegefährten; sie bemerkte auch während weniger Sekunden die Dreieckzipfelchen seiner roten Weste unter dem zugeknöpften Rock. Der Mensch hatte Frankfurt also nicht verlassen! Doch gleichviel; wirkte auch die Erinnerung auf sie und ließ diese ein angstvolles Unbehagen in ihr emporsteigen—das war glücklich überwunden. Jetzt, in der belebten Stadt empfand sie keinerlei Furcht.
Endlich hielt der Wagen. Aber hier war nicht, was Ange suchte. Sie befand sich in einer kleinen Gasse und begriff nur zu bald, daß der Kutscher sie falsch verstanden habe. Ange sah auf die Uhr; es war schon spät. Unter raschem Entschluß befahl sie, nach dem Polizeigebäude zu fahren. Sie wollte den Wagen warten lassen, auf ihrer Rückkehr den Mantel veräußern, und dann den Mann ablohnen.
„Warten Sie!“ sagte Ange, nachdem das Polizeigebäude erreicht war. Und in einer unzeitigen Ehrlichkeit fügte sie hinzu: „Es kann etwas lange dauern.“
„Dann lohnen Sie mich ab!“ rief der Kutscher. „Mein Pferd geht schon seit gestern abend; ich möchte ausspannen.“
Ange erschrak. „Ich habe kein kleines Geld—“
„Ich werde wechseln gehen,“ wandte der Mann ein und sprang vom Bock.
„Nein, nein, warten Sie!“ erklärte Ange, eilte rasch an die Thür und schnitt somit alle weiteren Fragen ab, die ihr Ungelegenheiten bereiten konnten. Das Geld, das sie in C. zu sich gesteckt, hatte eben für die Reise gereicht; sie vermochte den Kutscher nicht einmal zu bezahlen.
Nachdem Ange von dem Portier verständigt worden war, betrat sie das Zimmer des Kriminalkommissarius. Einer der dort anwesenden Beamten wußte nicht genau Bescheid, der Vorsteher war nicht anwesend. Es blieb Ange die Wahl zu warten oder wieder zurückzukehren. Sie schwankte.