"Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, was
Sie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen—so
ist's doch, Komtesse?—lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten
Schönheitssinns war?

Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum!—Wenn Sie aber trotz alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern."

Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und Mienen:

"Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner, sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen Sie mir!

Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!" schloß sie mit einem noch bezaubernderen Ausdruck.

Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut:

"Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen."

Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang.

Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzende
Gesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des
Palais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftenden
Speisen und seltenen Weinen beisammen.

Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin: