"Nein, nein, gnädige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!" entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne für die durch diese Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den Tag zu legen. Auch ließ sie absichtlich das "du" und die "Tante" dabei außer acht.—

"Meinst du denn nicht, daß es für dich vorteilhaft wäre, neues zu sehen, zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, daß es noch eine andere größere Welt giebt, als das Pünktchen Rankholm! Hältst du dich bereits für vollendet?" warf die Frau, hämisch im Ton, hin.

Sie vermochte ihren Aerger über diese Unbiegsamkeit, über diese offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu bezähmen.

Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich äußerlich sanft fügend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich.

Sie warf schroff gereizt hin:

"Nun, Kind! Antworte! Hältst du dich für so vollkommen?"

"Nein, gewiß nicht, gnädige Frau. Aber ich möchte Reisen nur in Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn ich mit ihnen nicht zusammen genießen darf, haben sie keinen Reiz für mich!"

Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjährigen recht altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung über die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenüber einnahm und einzunehmen entschlossen war, weise gewählt. Diese ihre Antwort traf auch Madame dergestalt, daß sie alle Klugheit außer acht lassend, mit boshaft funkelnden Augen herausstieß: "Na ja! Dann mache, wenn du alles besser weißt, wie du's willst!" Worauf sie dann Imgjor sitzen ließ, sich mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit an ihn wandte und zu einer Partie Schach aufforderte.

Und was ich, obschon ich mir nichts merken ließ, dann sah, das gab mir, neben der Ueberlegung, daß es keine bessere Gelegenheit geben konnte, die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen, den Entschluß, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umständen aufzuräumen.

Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwährend zärtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn überhaupt immer mehr in ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch möglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen, nahm sie gar keine Rücksicht.