"Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwährend unten beschäftigt, und oben hat Christian heute den Dienst."
"Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht weiß der Portier auf dem Schloßhof von des Doktors Hiersein. Bitte, fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran—"
Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurück, daß Doktor Prestö während des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mußte also jemand im Schloß die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mußte während des Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem zweiten Frühstück und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des Schlosses war Axel noch in seinen Räumen gewesen und hatte keine Karte gefunden.
Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, daß es sich nur um eine kleine, lustige Wette handle, und daß er nur deshalb nachgefragt habe, kam ihm bei fernerem Grübeln über diesen Fall plötzlich die Idee, daß—Imgjor in seinem Zimmer gewesen, daß sie die Ueberbringerin der Karte war.
Man hatte Prestö Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn überhaupt aufs schärfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachträgliche Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal als Prestös Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor möglicherweise einen Wink gegeben.
Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht erfinderisch, wie Not.
Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er überzeugt, daß sich die Dinge so verhielten, und er beschloß, nicht zu ruhen, bis er über Imgjor und Prestö völlige Klarheit gewonnen.—
Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten. Lucile erklärte kurz vor dem Niedersitzen, daß ihre Schwester nicht erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe erklärt, daß sie sich unwohl fühle und bis zum Abend das Bett hüten müsse. Es sei nichts Erhebliches, sie wünsche nur zu ruhen und habe keinen Appetit.
Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, daß in seiner
Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die
Gräfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich über Imgjor zu äußern.
"Sie wird immer unzugänglicher und geht immer mehr ihren Kapricen nach—" warf die Gräfin hin. "Du müßtest einmal energisch mit ihr reden, Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gäste haben."