"Na, na—Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter ihnen—ich kenne sie—"
"Es mag sein, Lavard! Aber daß hier vom Schloß aus durch unsere eigene Tochter die neuen Ideen gefördert werden, daß sie indirekt gegen ihre eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr—"
"Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du gründlich vorgehen, so schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurückkehrt, gieb dem Monsieur Prestö auch den Laufpaß!"
"Warum so lange warten, Lucile?" fiel die Gräfin ein. "Will er sich nicht fügen, mag er auch gehen, gleich—"
Lucile zog die Lippen.—Sie zögerte noch eine Weile, dann sagte sie und warf zugleich einen stillen Blick auf Axel:
"Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset, beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, daß Imgjor völlig unter dem Einfluß Prestös steht. Als ich vorher mit ihr sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr zu Hause zu halten, liebenswürdiger, entgegenkommender sich zu geben und den ganzen, sich nicht für sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben, entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs heftigste aneinander. Sie warf mir Beschränktheit, Hochmut und lächerlichen Adelsstolz vor.—Die Zeiten seien vorüber, wo man sich so geben dürfe wie ich. Sie, Imgjor, würde, wenn es an ihr läge, den Adel abthun, das Schloß verlassen und sich ganz den armen, geknechteten Bauern widmen. Es müßte in ganz Dänemark von Männern und Frauen der besseren Stände das Veredelungs- und Samariterwerk für die niedere Klasse, für die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann die Wirksamkeit der Brüder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen. Volksprediger sollten Vorträge halten, um Menschenliebe, Pflichterfüllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von öffentlichen Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch öffentliche Speisehäuser überall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der Neuzeit gerecht zu werden."
"Wie? Mit solchen Dingen beschäftigt sie sich? Das alles hat sie dir erklärt?" fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht geringerem Erstaunen das Haupt.
"Ja, das und noch anderes! Man könnte einen gelehrten Vortrag daraus machen."
Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunächst in
Schweigen. Was sie gehört hatten, beschäftigte sie ausschließlich.
"Ach ja, nun verstehe ich auch vieles—" nahm sinnend die Gräfin wieder das Wort. "Wahrhaftig es ist höchste Zeit zum Einschreiten," fuhr sie, gegen ihren Mann gewendet, fort,—"wenn wir nicht einen großen Affront erleben sollen. Du mußt deine Rechte üben und noch im Beginn durch geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr für sie selbst Verderbliches festgesetzt hat.—Was sagen Sie, Graf Dehn, was sagen Sie? Hätten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?"