"Da Sie mich fragen—ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu lieben—"
Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem
Seufzer:
"Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet. Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt, statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!"
Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete.
Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal freundlich zunickend, in ihre Gemächer.—
* * * * *
Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei.
Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen, lag in seinem Plan.
Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, sie
komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine
Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige
Beachtung schenkte!
An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen, sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte. Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen.—