Und Prestö bestieg—aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf Dehn auch Imgjor entdeckte—so gleich die Rednerbühne und hielt unter dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag.

Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an seinem Munde, sie verschlang seine Worte.

Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm lebte.

Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort
geredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch des
Näheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter dem
Jubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück.

Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen.

Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige, teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen.

Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen. Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken werde.

Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde, richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt, daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht, sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt, vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken! Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen und nach gesondertem Besitz.—"Meine Freunde! Wenn ihr heute eine Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein, das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte euch—ich muß es seiner Rede entnehmen—am liebsten anführen, damit alles vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was dann? Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und wie will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit die Existenzfrage zu regeln—was erblüht euch dann Gutes? Elend—Elend ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen zur rechten Zeit ernten. Nur eine verständige Volkswirtschaftslehre giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen, solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen, um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die sich nie eröffnen können! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach, tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner Kräfte—leistet!"

Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen.

Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz; jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als ob er's nicht bemerke.