"Nein, ich danke!—Ich habe sehr wenig Hunger—"

Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: "Vielen Dank, Christian!—Ich nehme nicht—"

Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein.

Dann sagte die Gräfin: "Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen?
Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht."

Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte in einem launenhaft ungeduldigen Ton: "Ich bin doch kein Schulkind mehr, das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine Antwort—"

"Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!"

Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu bekennen, worum es sich handelte,—gewann sie nicht über sich.

"Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!" herrschte jetzt heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville—Axel sah's—auf Imgjors Seite.

In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck.

"Bitte! Rede doch—gieb keinen Anlaß zum Verdruß!" stand in ihrem auf
Imgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles Mienen
Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheit
zwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob.