Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht.
Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ, während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das Zimmer.
Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so begegnete, ließen sie so handeln.
Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so geschah's jetzt mit Worten.
Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen mochte.
Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm gegenüber nicht völlig gefühllos war.
"Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl—" hub er in einem versöhnlichem Tone an. "Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß, daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte—"
"So—so—In der That?" fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein.
Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in dem
Angesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in den
Zügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von
höchstem Unwillen haftete.
Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich, während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden.