Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer geschmeidigen Figur hob sich eine volle Büste, und die Formen und die Linien ihres Körpers zeigten überhaupt jene üppigeren Reize, durch die sich die gesättigte Fülle einer verheirateten Frau von der sprossenden Schönheit junger Mädchen unterscheidet.
Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so bestrickenden Lächeln die Hand, daß sich der sympathische Eindruck ihres jede Wirkung verschmähenden, liebenswürdig einfachen Wesens nur noch erhöhte.
"Ich bin wirklich sehr unglücklich, daß niemand zu Ihrem Empfange da war, lieber Herr Graf—" stieß sie heraus. "Aber Sie haben schon von Frederik gehört, daß wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in jedem Falle hoffen, daß sich die Ihnen dadurch gewordenen ungünstigen Eindrücke inzwischen bereits wieder verwischt haben!"
Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre
Züge, ein abwartender, etwas forschender.
Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermäßig den Arm geboten und sie gebeten hatte, die frühere bequeme Lage wieder einzunehmen, fast ein wenig schroff:
"Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch möchte ich mich nach Ihren Wünschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen Käse?"
Und als Graf Dehn erklärte, keinen Hunger zu haben, hörte sie nicht einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und hieß einem sogleich durch die Korridorthür eintretenden Diener das von ihr Erwähnte bringen.
"Es ist besser, Sie genießen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird freier, das Gemüt belebter, wenn man eine gewisse Nüchternheit verbannt. Ich möchte, daß Sie sich gleich heimisch, behaglich fühlen. Ich kenne die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung angebrachter—"
"Schon Ihre wenigen gütigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht, gnädigste Gräfin. In der That, man kann liebenswürdiger, herzlicher nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glück gehabt hätte, Sie zu kennen—"
"Ich freue mich, daß Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben Offenheit: Sie gehören zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den Eindruck empfängt, man könne nie enttäuscht werden, bei welcher Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden—von den Frauen? Gewiß, gewiß, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, daß wir noch weit engere Freundschaft schließen—" fügte sie mit einer Anspielung auf die Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine liebenswürdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frühstücks zu bedienen.